EtosTV – Sinn und Unsinn eines Trauerkanals

Mit einer Meldung von heute morgen 9:40 Uhr kommentiert SPIEGELonline (SPon) eine Pressemitteilung des Bundesverbandes Deutscher Bestatter (BDB) vom gestrigen Tag.

In dieser Mitteilung kündigt der BDB an, einen eigenen Fernsehsender zu gründen, der mit seinem Programm die demographische Entwicklung in Deutschland berücksichtigen soll. Dieser Sender, genannt „EtosTV“, soll die Themen „Bestattungskultur und Vorsorge“ zum Inhalt haben, und zudem „Dokumentationen über Friedhöfe als Ort kulturellen Gedächtnisses“ und „Persönliche Nachrufe“ auf Verstorbene ausstrahlen. Auf Nachfrage von SPon erklärte eine Vertreterin des BDB, das Programm werde durch einen Ethik-Beirat kontrolliert, um Seriösität und einen respektvollen Umgang mit der Thematik zu gewährleisten. Ziel des Senders sei es vor allem, Tod und Sterben zu enttabuisieren, über die Maßnahmen im Todesfall zu informieren und anonyme Informationsmöglichkeiten zu Bestattung und Vorsorge anzubieten. Die Finanzierung soll teils über die schon erwähnten Nachrufe erfolgen. Ausgestrahlt werden soll das Programm über Satellit und Internet. Mehr Informationen sind noch nicht bekannt.

Wenn ich auch noch nicht vielmehr von „EtosTV“ gehört habe, so möchte ich im Folgenden einige Gedanken festhalten, die mir spontan in den Sinn gekommen sind, nachdem ich die Meldungen des BDB und SPon gelesen hatte.

Ist es auch generell zu befürworten, dass die Enttabuisierung von „Tod und Sterben“ konsequent verfolgt wird, so erscheint mir die Schaffung eines solchen Spartenkanals zu eben diesen Themen geradezu kontraproduktiv. Hier werden Tod und Sterben nicht in die Gesellschaft geholt, wie es das eigentliche Ziel jeglicher Enttabuisierung sein müsste. Nein, hier wird wieder nur eine Nische geschaffen, in der diese Themen behandelt werden – eine Nische, die ein Großteil der Bevölkerung nicht wahrnehmen wird – wie man eben auch Bestattungsinstitute nicht wahrnimmt wenn man sie nicht wahrnehmen will. Man sieht nur, was man sehen will – vor allem, wenn man sich selber entscheiden kann. Und bei dem gewaltigen Angebot an Sendern, die per Satellit zu empfangen sind, sowie der unendlichen Angebotsvielfalt im Internet, droht EtosTV wohl das gleiche Schicksal wie anderen Spartensendern, die in der Vergangenheit versucht haben, ihr Programm mit nur einem Thema zu bestreiten.

Eine echte Enttabuisierung thanatologischer Themen in der Gesellschaft kann nur dann stattfinden, wenn Tod und Sterben zu gleichberechtigten Themen neben den vielen anderen werden, die tagtäglich die neuen Medien mit Inhalten füllen. Enttabuisierung heißt hier: Integration des Themas in den öffentlichen Diskurs, dauerhaftes Hineinholen der Themen in die Öffentlichkeit und damit in das Bewusstsein der Gesellschaft, Abbau von Schamhürden.

Sowohl Enttabuisierung wie auch die Aufklärung etwa über Rechtsfragen und bestattungskulturelle Themen lassen sich mit einem Spartenkanal nur unzureichend erreichen. Die Einbettung entsprechender Informationssendungen (etwa: Dokumentationen, Gesprächsrunden, usw.) in das Regelprogramm großer Vollprogramme – egal ob öffentlich-rechtlich oder privat – hätte nicht nur eine größere Breitenwirkung zur Folge, sondern wäre auch ein Signal, dass thanatologische Themen auch an prominenteren Orten als in einem Spartenkanal besprochen werden können. Nicht zuletzt wäre mit solchen Programmen zugleich das dritte Ziel von EtosTV zu erreichen: Anonyme Informationsmöglichkeiten für Personen, die den Gang ins Bestattungsinstitut scheuen.

Es bleibt also die Frage: Wenn alle Ziele, die sich EtosTV gesetzt hat, ganz offensichtlich viel besser zu erreichen wären, wenn man – statt einen eigenen Spartensender zu betreiben – Informationssendungen etwa für das öffentlich-rechtliche Fernsehen produzieren würde; wenn also Enttabuisierung, Aufklärung und Information gar keines eigenen Senders bedürfen, wieso wird dann überhaupt ein eigener Spartensender betrieben? Die Antwort ist einfach: Allein aus wirtschaftlichen Gründen.

Es besteht die unmittelbare Gefahr, dass EtosTV sein Programm vor allem und zum Großteil mit den schon erwähnten „Persönlichen Nachrufen“ bestreiten wird. Das diese kostenpflichtig sein werden, versteht sich von selbst. Die anderen erwähnten Programme (Dokumentationen und Informationssendungen) dürften schon aus Gründen der Produktionskosten einen erheblich kleineren Anteil an der Sendezeit besitzen. Es ist zu erwarten, dass sich diese Sendungen zudem, wie bei anderen Spartenkanälen, in sehr kurzen Abständen wiederholen und dass die Informationsveranstaltungen vor allem Werbeveranstalungen für Dienstleistungen der Mitglieder des BDB sein werden – wenn auch möglicherweise nur indirekt.

Damit wird – so vermute ich – der wirtschaftliche Erfolg des Senders wohl zu einem nicht unerheblichen Teil davon abhängen, ob die Möglichkeit filmischer Nachrufe überhaupt genutzt werden wird. Ein solcher, im Fernsehen ausgestrahlter Nachruf ist viel flüchtiger als der in einer Zeitung. Er lässt sich auch nicht so einfach ausschneiden und ins Familienalbum legen. Aber er kommt dem Geltungsdrang der Angehörigen entgegen, denn natürlich ist die Reichweite eines solchen TV-Nachrufes – zumindest rein theoretisch – größer, als etwa jene der Todesanzeige bzw. des Nachrufes in der Lokalzeitung. Denkbar wäre eine analoge Entwicklung zu jener der Nachrufe in überregional erscheinenden Zeitungen (etwa der FAZ), also eine Konzentration auf Verstorbene der höheren Gesellschaftsschichten – wenn dem auch wahrscheinlich das Image eines kleinen Spartenkanals wie EtosTV im Wege stehen wird.

Natürlich sind alle genannten Überlegungen Spekulationen. Wie schon erwähnt, sind die Informationen zu EtosTV noch sehr spärlich. Ich werde die Entwicklung allerdings weiter beobachten und ggf. über Neuigkeiten berichten.

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P.S.: In der ursprünglichen Version dieses Beitrags hatte sich ein Fehler eingeschlichen, der von SPon übernommen worden war. Laut Pressemitteilung des BDB soll der neue Sender „EtosTV“ und nicht „EosTV“ heißen. Der obenstehende Beitrag wurde entsprechend korrigiert.

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