John Meaney „Tristopolis“

John Meaney "Tristopolis"

John Meaney

Es war ein Montag im Oktober, als es wieder Zeit wurde, auf die Suche nach neuem prosaischen Lesestoff zu gehen. Meinen letzten Roman hatte ich am Wochenende gerade beendet und ich brauche nunmal „leichte“ Lektüre zum abschalten und entspannen. Also ab in den nächsten größeren Buchladen – eine Online-Bestellung kam nicht in Frage, da ich dann noch Tage auf die Lieferung hätte warten müssen.

In der Regel kommen mir in meiner Freizeit nur klassische Romane oder aber Phantastik auf den Lesetisch – und selbst in diesen Rubriken bin ich ziemlich wählerisch. Ich hatte mich schon vorab entschieden, wieder etwas Phantastisches lesen zu wollen, also steuerte ich zielsicher auf die Fantasy-/Sci-Fi-Abteilung des Buchladens zu – und wurde, wie immer, erstmal erschlagen. Denn an Veröffentlichungen in diesem Bereich mangelt es absolut nicht. Unzählige Neuerscheinungen sowie eine ganze Reihe klassischer Reihen, die immer neu aufgelegt werden, machen es nicht leicht, sich zu orientieren. Insbesondere im Phantastik-Bereich ist zudem auch immer wieder eine ganze Menge „Schrott“ zu erwarten, weshalb ich durchaus skeptisch war, fündig zu werden.

Doch dann fiel mein Blick ganz zufällig auf ein Buch, dass auf dem Titel eine düster gehaltene Stadtansicht zeigte, die zudem noch durch ein voll in die Stadt integriertes, riesiges Bauwerk in Form eines Totenschädels auffiel. Auch der Rest der Gestaltung machte einen guten Eindruck – beinahe einen zu guten. Verlage tendieren ab und an dazu, besonders schlechte Geschichten hinter tollen Covern zu verstecken. Aber zum Glück gibt es eine gute Methode, solche Überraschungen auszuschließen: Man nehme das Buch in die Hand und lese diverse Passagen an. Gesagt, getan.

Ich muss sagen, dass mir John Meaneys „Tristopolis“ sofort gefiel. Mein Augenmerk fiel zuerst auf die schlichte Sprache, die Kürze der Sätze, die Klarheit der Aussagen, die das ganze angenehm zu lesen machten und trotzdem nicht zu kunstlos wirkten. Die Kürze wurde als Stilmittel im Sinne einer modernen Erzählung eingesetzt – eine Erzählung, die sich nicht (wie etwa bei Blackwood, Lovecraft oder Poe) in unzähligen Details verlor, sondern sich auf den nackten Kern einer Sache konzentrierte. Dazu harte Schnitte, wie in einem düsteren, modernen Film. Desweiteren fielen mir umgehend die vielen griechischen Anspielungen auf: „Thanatos“ und „Hades“ wurden mehrfach verwendet, durchgehend. Überhaupt schien der Tod im Setting des Romans dauernd und überall präsent zu sein – was angenehm auffiel. Die Rückseite des Buches enthielt dann noch einen Anreiz, es zu kaufen. Die Tagline des Romans fiel mir ins Auge: „In Tristopolis ist der Tod erst der Beginn.“ Das ist doch mal nach meinen Geschmack. Und zuletzt: die Namen im Roman klangen – und das ist selten in vielen Phantastik-Romanen – nicht, wie aus einem schlechten Namensgenerator, sondern fügten sich gut in die Stimmung der Textpassagen, die ich anlas – ohne dabei kitschig zu wirken. Die Kaufentscheidung war dementsprechend schnell gefällt.

Noch am selben Abend begann ich mit der Lektüre des Buches. Dabei wurde mein Eindruck aus dem Buchladen durchaus bestätigt. Das Setting des Romans sprach mich im weiteren Verlauf zunehmend an, vor allem, weil die phantastischen Elemente wundervoll unaufdringlich in die Geschichte eingebaut wurden, die im Prinzip doch eher eine klassische detective story mit einem Schuss Verschwörungstheorie darstellt. Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Im 7. Jahrtausend ist alles anders. Der Tag hat fünfundzwanzig Stunden, die Woche neun Tage und Monate werden völlig anders gezählt als bei uns; überhaupt gewinnt man anhand der Zeitbestimmungen ziemlich schnell den Eindruck, dass die Geschichte sich keineswegs auf einer zukünftigen Erde abspielen muss, sondern im Prinzip im 7. Jt. auf irgendeinen anderen Planeten angesiedelt sein kann. In dieser Welt bedient sich die Gesellschaft verschiedenster phantastischer Dinge, als wäre es normales Arbeitsmaterial: Todeswölfe bewachen das Polizeihauptquartier, Geister ersetzen Fahrstühle und steuern Autos, Magie wird in der Medizin, zur Überwachung und zur Verteidigung eingesetzt, Knochenlauscher entlocken Toten die Geheimnisse ihres Todes – und nicht zuletzt: Energie wird aus den Knochen Verstorbener gewonnen. Das klingt ungewöhnlich, und ist es auch.

Doch genau hier liegt der Anlass für die Verwicklung des Protagonisten Donal Riordan in die Geschichte: Knochen können nämlich in Tristopoilis nochmehr als Energie zu liefern. Je nachdem, wem die Gebeine im Leben gehört haben, enthalten sie nämlich selbst nach dem Ableben ihres Besitzers dessen künstlerisches Potential. Dementsprechend begehrt sind Knochen berühmter Künstler. Und nun hat eine Gruppe von Attentätern begonnen, nicht mehr darauf zu warten, dass die jeweiligen Künstler einen natürlichen Tod sterben. Stattdessen wird eifrig nachgeholfen. Im Zuge dessen soll Riordan eine berühmte Opern-Diva vor einem Übergriff dieser Attentäter schützen … und scheitert. Doch dieses Scheitern ist wiederum der Beginn von etwas neuem, denn während er sich von seinem Fehlschlag erholt, wird er von einer anderen Ermittlerin angesprochen, die dieselbe Gruppe von Attentätern verfolgt. Natürlich nehmen die beiden fortan gemeinsam die Jagd auf, die schließlich in ganz unerwartete Richtungen führt und am Ende nochmal eine dicke Überraschung bereit hält… Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Insgesamt hält der Roman, was ich mir von ihm erhofft hatte: Leichte Unterhaltung in einem ansprechenden, sehr thanatologischen Setting. Alles in der Geschichte ist düster: Krankenwagen sind schwarz, geflucht wird „Thanatos!“, „Beim Hades!“ oder „Todverdammt nochmal!“, ein beliebter Sport ist „Styx-Ball“, usw. Die Sprache wirkt an einigen Stellen leider ein wenig holprig und einige Sätze musste ich mehrmals lesen, bis ich sie vollständig erfasst hatte. Das mag an meiner schwindenen Konzentration bei abendlicher Lektüre liegen oder aber auch an der teilweise nicht besonders gut gelungenen Übersetzung ins Deutsche. Man merkt an einigen Stellen ziemlich gut, was wohl im englischen Original geschrieben steht und ärgert sich dann über kleine Ungereimtheiten. Vor allem geht durch die Übersetzung aber auch der Witz des Romans verloren, der darin besteht, dass es um „singende Knochen“ geh: die Gebeine singen dem Protagonisten häufig etwas vor, am Anfang der Geschichte sollen die Knochen einer Opern-Diva geschützt werden. Alles dreht sich um Gesang und Knochen – was im englischen auch mit einem entsprechenden Titel gewürdigt wird. „Bone Song“ heißt der Roman im Original. Warum der Verlag das nicht einfach mit „Das Lied der Knochen“ oder „Knochen-Lied“ übersetzt hat – ein Rätsel. Schade ist auch, dass der Roman eigentlich noch viel mehr Stoff geboten hätte, der zu erzählen wert gewesen wäre. So wird im Hintergrund u.a. eine politische Kampagne gegen Nicht- und Ex-Menschliche erwähnt, die es sicher wert wäre, genauer betrachtet zu werden. Aber vielleicht kommt das ja noch…

Der zweite Roman aus Tristopolis ist vor kurzem bereits auf Deutsch erschienen und auf der Internetseite des Autors kann man nachlesen, dass weitere Geschichten aus dieser düsteren Welt bereits geplant sind.

Daten und Fakten: John Meaney „Tristopolis“, München: Heyne 2007. Taschenbuch, 509 S., € 8,95, ISBN 978-3-453-52295-4.

In der Reihe „Bücher“ stelle ich verschiedenstes Druckwerk mit thanatologischem Bezug vor. Egal ob Prosa, Sachbuch oder gar etwas völlig anderes. Prinzipiell kann jede gedruckte Textart und -form hier besprochen werden.

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