John Meaney „Tristopolis – Dunkles Blut“

Erst vor gut einer Woche habe ich John Meaneys Roman „Tristopolis“ vorgestellt. Nun ist es bereits soweit, dass ich den Nachfolger empfehlen kann. Mit „Dunkles Blut“ hat Meaney eine spannende Geschichte ganz im Stile des Vorgängers „Tristopolis“ geschrieben.

Dabei greift Meaney in „Dunkles Blut“ genau die Fäden auf, die im ersten Band zu kurz gekommen waren. Endlich wird das Konfliktpotential zwischen Menschen und Nicht- bzw. Nicht-Mehr-Menschen entwickelt – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste oder moralische Hemmschwellen. Wie schnell Rassismus und Totalitarismus um sich greifen können wird von Meaney sehr deutlich gezeigt, ohne dabei jedoch die Hauptlinie der Tristopolis-Reihe – den Kampf gegen den Schwarzen Zirkel aus dem Auge zu verlieren. Doch beginnen wir von vorn:

Nach dem Finale des ersten Bandes, das sich einer Beschreibung als erfolgreiches Happy-End auf jeder Ebene entzieht, ist in Tristopolis einiges anders – und anderes läuft einfach so weiter wie bisher. Zwar ist Senator Blanz tot und Bezirksrat Finross wird gleich auf den ersten Seiten des neuen Bandes nach allen Regeln staatlicher Hinrichtungskunst exekutiert, doch die Einheitspartei, der Blanz und Finross nahestanden, hält an ihrem Vorhaben fest, Nicht-Menschen zu Rechtlosen machen zu wollen. Dumm nur, dass nicht-menschliche Wesen aller Art auch in der Polizei ihren Dienst tun, und sich dieses Vorhaben natürlich nicht gefallen lassen wollen. So formiert sich schliesslich ein Widerstand gegen die Pläne der Einheitspartei und als diese zu kriminellen Mitteln greift, um ihre Politik durchzusetzen, beginnt ein Ringen um Vertrauen und die Macht in Tristopolis in dessen Verlauf unzählige Tote zu beklagen sein werden. Zeitgleich gehen zudem noch weitere merkwürdige Dinge vor sich: Eine illurische Telefongesellschaft führt Tests mit einem neuen Telefonsystem in Tristopolis durch, das zwar einen technologischen Fortschritt darzustellen scheint, aber gleichzeitig auch den Charakter der Kunden manipuliert. Die tristopolitanische Energiebehörde beginnt eine Kooperation mit ihrem illurischem Pendant und sieht dabei geflissentlich darüber hinweg, wie in Illurium Energie erzeugt wird. Und nicht zuletzt werden in Tristopolis neuerdings weiße Wölfe gesichtet und Gefangene aus einer psychatrischen Anstalt befreit. Riordan uns sein Team befinden sich bald inmitten eines gewaltigen Strudels aus Ereignissen wieder, die alle irgendwie miteinander zusammenzuhängen scheinen, doch niemand weiß, wie die Puzzle-Teile zusammenzufügen sind…

Was die erzählerische Komplexität angeht, so hat Meaney sich in „Dunkles Blut“ selber übertroffen. Die vielen unterschiedlichen Handlungsstränge zu einem großen Ganzen zu verweben, bedarf einiger Tricks – und will trotzdem nicht so recht gelingen. War die Handlung im ersten Teil recht übersichtlich und gab es damit einen erkennbaren roten Faden, der sich durch die Geschichte zog, fällt dies in „Dunkles Blut“ recht schwer. Vielleicht wäre hier weniger einfach mehr gewesen. Stattdessen werden unzählige Geschichten ineinander verknotet, die jede schon allein Stoff für einen ganzen Roman geliefert hätten. Am Ende bleibt dann auch der Zusammenhang zwischen den Einzelteilen recht unklar. Der politische Teil der Verschwörung in Tristopolis selbst ist dabei noch am leichtesten zu durchschauen. Aber die Verbindung nach Illurium und die Motive des Schwarzen Zirkels bleiben in diesem Band weitestgehend im Dunkeln. Wieso mischt sich der Schwarze Zirkel in solchem Maße in tristo-politische Angelegenheiten ein? Was genau verspricht er sich von der Manipulation der Telefon- und Energiegesellschaft – wenn er denn überhaupt dahintersteckte? Und wieso entwickelt er im großen Stil illegale Massenvernichtungswaffen? Die Motive der Schwarzen Magier bleiben unbekannt und das Ende des Buches lässt nicht auf eine schnelle Aufklärung hoffen. Zwar scheint alles zu einem runden Abschluss zu gelangen (mal abgesehen von einer Leiche, die keine ist), aber es bleibt ein ungutes Gefühl, nicht recht verstanden zu haben, wozu die letzten gut 500 Seiten gut waren.

Sicher, Meaney hat einen unterhaltsamen Roman abgeliefert, der vor allem die Welt, in der Riordan und unsere anderen Protagonisten leben, noch detaillierter beschreibt und interessanter macht. Auch bleiben die bekannten Figuren weiterhin ihrem trocken-derben Polizisten-Humor verhaftet, der Erzählstil weiterhin modern – mit der Neigung, es dem Leser nicht zu leicht zu machen und ihn zum mitdenken aufzufordern. Aber in sich geschlossen ist der Roman eben nicht. Zu oft nimmt er die Geschehnisse des ersten Romans auf – und zu oft verweist er quasi schon darauf, dass es einen weiteren Band geben wird, einen Band, der vielleicht die Puzzle-Stücke nachliefern wird, die noch immer in der Geschichte fehlen. Ein Band, der erklärt, wieso und wie aus einer kleinen geheimen Gruppe sehr außergewöhnlicher Sammler von Künstlerknochen eine international agierende Terrorgruppe wird, die Angst und Verwirrung stiften und Kriege anzetteln will. Wenn Meaney mit Absicht einen Cliffhanger konstruieren wollte, dann hat er das geschafft – nicht nur wegen des 35. Kapitels. Falls aber die offenen Fragen auch im dritten Band nicht beantwortet werden, dann würde ich sagen, hat er was falsch gemacht. Gedulden wir uns also…

Daten und Fakten: John Meaney “Tristopolis – Dunkles Blut”, München: Heyne 2008. Taschenbuch, 525 S., € 8,95, ISBN 978-3-453-52323-4.

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