Der Mensch: Ein Mängelwesen? Nein.

In seinem berühmten Werk „Tod und Jenseits im Alten Ägypten“ diskutiert der Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann zunächst die Bedeutung des Todes als Kulturgenerator. Dabei stellt er zwei gegensätzliche Positionen hinsichtlich der Natur des Menschen vor: Zunächst die „negative Anthropologie“, die den Menschen als „Mängelwesen“ begreift, der seine Unzulänglichkeiten durch seine zweite Natur, die Kultur, kompensiert – diese Position verortet Assmann bei Platons „Protagoras“ und bei Herder; sie ist später vor allem von Arnold Gehlen aufgegriffen worden. Desweiteren stellt er dieser Auffassung das Menschenbild altorientalischer Mythen entgegen, die beim Menschen keinen Mangel sondern einen Überschuss feststellen: einen Überschuss, „der aus der Welt der Götter stammt und ihn der Welt der Lebewesen entfremdet. Hier wird der Mensch als das Wesen gesehen, das nicht zuwenig kann, sondern zuviel weiß.“ (Assmann 2003, 3) Im weiteren Verlauf seiner Untersuchung kommt Assmann schließlich zu dem Schluss, dass der Mensch eine Zwischenposition einnimmt, wobei aber meines Erachtens deutlich wird, dass er die altorientalische Auffassung zumindest tendenziell favorisiert und sie bei seinen weiteren Überlegungen entsprechend betont.

Bis vor einigen Tagen war ich persönlich durchaus unsicher hinsichtlich der Gewichtung der beiden Positionen des „zu wenig“ und des „zu viel“. Ich fragte mich, ob die beiden Standpunkte eine Frage des jeweiligen persönlichen Geschmacks und damit gleichberechtigt wären, oder ob es gute Gründe für oder wider eine der Behauptungen gebe. Assmann, den ich aufgrund seiner Aussagen über den Tod als „Kulturgenerator ersten Ranges“ zu schätzen gelernt habe und zu dem ich mir eine gewisse gedankliche Nähe unterstelle, hatte eine Tendenz vorgegeben, die ich auch stets favorisiert habe, aber nie begründen konnte.

In einem längeren und intensiven Gespräch mit meinem Vater zu diesen Fragen  kam mir dann ein Gedanke, den ich im Folgenden vorstellen möchte. Um es vorab zu sagen: Ich behaupte nun, die Theorie eines „Mängelwesens“ ist zumindest hinsichtlich der Entwicklung des Menschen unhaltbar – und ich beabsichtige zugleich, mit dieser Behauptung Assmanns Theorie des Menschen als eines „zu viel“ zu stärken.

I

Die Theorie vom Menschen als „Mängelwesen“ geht – in ihrer allgemein verbreiteten Form – davon aus, dass der Mensch, als er Mensch wurde, gegenüber anderen Lebewesen (den Tieren) gewisse Mängel aufwies und sich durch diese im negativen Sinne auszeichnete. Diese Mängel werden im Allgemeinen als mangelnde Anpassung an das „natürliche“ Leben beschrieben, insbesondere werden die fehlende Spezialisierung auf einen bestimmten Lebensraum und die fehlenden, starken Instinkte als Mängel aufgeführt. Als „Reaktion“ auf diese Mängel, habe der Mensch dann im Verlauf seiner weiteren Entwicklung seine geistigen Fähigkeiten entwickelt, und sich eine „zweite Natur“, die „Kultur“ geschaffen, die ihm das Überleben, trotz seiner Mängel ermöglicht habe.

Die Grundaussage, der moderne Mensch (homo sapiens sapiens) kompensiere seine instinktiven und konstitutionellen Schwächen mit Hilfe seiner Kulturleistungen, wird von mir dabei keineswegs bestritten, wohl aber die Reihenfolge, in der gewisse Entwicklungen stattgefunden haben. Aufgrund einer veränderten Reihenfolge aber wird auch der Begriff des Mängelwesens hinfällig, wie zu zeigen sein wird.

II

Mein Einwand richtet sich gegen die Annahme, die Entwicklung geistiger Fähigkeiten/Kapazitäten des Menschen sei als Art „zielgerichteter Reaktion“ auf vorhergehende Mängel erfolgt. Das Hauptargument das ich hervorheben möchte, ist die Unmöglichkeit des zeitlichen Ablaufs einer solchen Annahme. Die Vertreter einer „Mängelwesen“-Theorie scheinen folgenden Ablauf im Sinn zu haben (oder zumindest wird mir die Theorie immer so vorgetragen):

(1) Zu einem Zeitpunkt t1 existiert der Mensch als ein an seine Umwelt unangepasstes Lebewesen, eben als „Mängelwesen“.

(2) Der Mensch entwickelt aufgrund seiner Mängel binnen eines Zeitraumes von t1 bis t2 eine Methode der Kompensation dieser Mängel, indem er a) geistige Kapazitäten und Fähigkeiten und darauf aufbauend b) eine Kultur entwickelt.

(3) Durch die Entwicklung der in 2 genannten Fähigkeiten erreicht der Mensch schließlich zu einem Zeitpunkt t2 ein Entwicklungsstadium, in dem er von der Natur unabhängig ist.

Abgesehen von dem Problem, dass diese Reihenfolge eine Art teleologischer, also zielgerichteter, intentionaler Entwicklung des Menschen vorsieht, die zu diesem Zeitpunkt nicht denkbar ist, da Evolution so nicht funktioniert, liegt das eigentliche Problem im Zeitraum zwischen (1) und (3), also dem Zeitraum zwischen t1 und t2. Meine Behauptung: Wenn sich die Entwicklung tatsächlich so zugetragen hätte, dann wäre der Mensch ausgestorben und nicht die dominante Lebensform auf dem Planeten. Wieso das?

Angenommen, ein Lebewesen ist tatsächlich unangepasst an seine Umwelt, dann wird es in der Regel aufgrund dieses Nachteils sterben – sei es aufgrund der klimatischen Bedingungen, Probleme bei der Nahrungsmittelbeschaffung oder weil das Lebewesen selber zum Opfer anderer Lebewesen wird, sei es, dass es gefressen oder verdrängt wird. Um den Tod/das Aussterben abzuwenden, gibt es drei Möglichkeiten: (1) eine spontane oder zumindest „schnelle“ Mutation, die eine nachträgliche Anpassung ermöglicht, (2) ein Ausweichen auf einen anderen Lebensraum,  (3) eine Kompensation durch kulturelle Errungenschaften (Werkzeuge, Techniken, …).

Variante (3) steht gemäß der oben genannten Reihenfolge der Entwicklung noch nicht zur Verfügung, Variante (2) ändert nichts am Problem – die Theorie des „Mängelwesens“ besagt, dass der Mensch an keinen spezifischen Lebensraum angepasst sei, also überall anderen Lebensformen unterlegen wäre. Bleibt Variante Nummer (1), die jedoch hinsichtlich der gravierenden Mängel, die dem Menschen vorgeworfen werden, hinsichtlich der zeitlichen Perspektive unrealistisch erscheint, insbesondere, wenn man die angestrebte Lösung (kognitive Kapazitäten) erreichen möchte. Die Entwicklung komplexer kognitiver Strukturen dauert – von einem evolutionären Standpunkt aus gesehen – relativ lange und ist, als „spontane“ Antwort auf das spezifische Problem der fehlenden Anpassung kaum denkbar. Die Kombination kulminiert in der Aussage: Der Mensch hat Glück gehabt, weil er a) in seiner mangelhaften Anpassung trotzdem irgendwie überlebt, sowie  b) in kürzester Zeit und c) als perfekte Antwort auf seine Probleme, entsprechende kognitive Fähigkeiten entwickelt hat. Wenn aber alle drei Varianten nicht realistisch (weil hochgradig spekulativ und unwahrscheinlich) sind, dann bleibt die Frage: Wie konnte der Mensch überleben?

III

Meine Behauptung ist nun, dass der Mensch überleben konnte, weil er zu keiner Zeit ein Mängelwesen gewesen ist. Die hier vorgegaukelte harte Trennung zwischen Tier und Mensch ist schlichtweg unhaltbar. Wie uns durch bestimmte Tierarten (diverse Affen, aber auch Vögel usw.) immer wieder vor Augen geführt wird, schließen sich Anpassung an einen bestimmten Lebensraum oder eine bestimmte Lebensform und die Beherrschung rudimentärer kultureller Techniken bzw. das Vorhandensein rudimentärer kognitiver Fähigkeiten nicht aus.  Wenn dies aber korrekt ist und es offensichtlich eine Art paralleler Existenz von Anpassung und Entwicklung kognitiver Fähigkeiten gibt, wieso sollten wir eine solche Phase nicht auch für den Menschen annehmen? Mein Vorschlag für eine veränderte Reihenfolge in der Entwicklung des Menschen lautet daher wie folgt:

(1) Zu einem Zeitpunkt t1 war eine Vorstufe des Menschen (ergo eine Primatenart) völlig an das Leben in ihrem Lebensraum angepasst.

(2) Während dieser Phase der Anpassung entwickelten sich bei dieser Primatenart zufällig kognitive Fähigkeiten und Vorstufen einer Kultur in Form von Werkzeuggebrauch u.ä.

(3) Zu einem Zeitpunkt t2 waren diese kognitiven Fähigkeiten soweit ausgebildet, dass sie der Spezies das Überleben ermöglichten, als sich durch Veränderungen in der Umwelt ihre bisherige Anpassung als problematisch erwies.

(4) Zu einem Zeitpunkt t3 wurden die kognitiven Fähigkeiten gegenüber der „natürlichen Veranlagung/Anpassung“ dominant. Diese Anpassungen degenerierten in der fortschreitenden Entwicklung, da sie nicht mehr entscheidend für das Überleben der Spezies waren. Die kognitiven Fähigkeiten ermöglichten im fortgeschrittenen Stadium nun Einsichten einer Art, wie sie bis dato nicht möglich waren, etwa die Vorwegnahme der eigenen Sterblichkeit. Diese Einsichten werden in eine spezifische Lebensform eingebracht. Der Mensch und die Kultur im Assmannschen Sinne sind geboren.

Die hier skizzierte Reihenfolge in der Entwicklung ist auf den ersten Blick plausibler als ihr Vorgänger und behebt die weiter oben genannten Schwächen. Zugleich beinhaltet sie aber noch eine ganz wichtige Aussage. In dem hier vorgestellten Konzept kann der Mensch in seiner Entwicklung zu keinem Zeitpunkt als „Mängelwesen“ bezeichnet werden, denn er war de facto zu jedem Zeitpunkt seiner Entwicklung zumindest in soweit an seine Umwelt angepasst, dass er realistischerweise überleben konnte. Zunächst als instinktiv und konstitutionell angepasster Primat, dann als mit zunehmend kognitiven Fähigkeiten ausgerüsteter, noch immer angepasster Primat, schließlich als kognitiv an seine Umweltveränderung angepasster Primat – zu dem Zeitpunkt, als seine instinktive und nicht-kognitive Anpassung versagte.

Diese Annahme beinhaltet dabei die These, dass auch die kognitive Entwicklung des Menschen als „Anpassung“ im natürlichen Sinne bezeichnet werden kann, auch wenn diese flexibler ist, als die Arten der Anpassung auf instinktiver und konstitutioneller Ebene, von denen wir bei Tieren häufig sprechen.

IV

Wenn der Mensch und seine Vorfahren aber nie Mängelwesen gewesen sind, ist die komplexe Kultur, die er hervorgebracht hat, kein Ergebniss eines „zu wenig“, sondern war von Anfang an ein „zu viel“. Eine zufällige Entwicklung, die parallel zur Anpassung an den eigenen Lebensraum erfolgte, zunächst als nicht besonders relevante Mutation, die aber später dann wiederum zufällig überlebenssichernd gewirkt hat. Die Vorstufe des Menschen überlebte, weil sie über eine Reserve verfügte, weil sie Möglichkeiten in der Hinterhand hatte, die andere Primatenarten o.ä. nicht zur Verfügung hatten. Unsere Vorfahren überlebten also aufgrund eines „zu viel“ und entwickelte später (mit der Einsicht in die Probelmatik des Todes) auf der Grundlage dieses „zu viel“ eine komplexe Kultur. Der Mensch war entstanden.

Natürlich ist diese Argumentation bei weitem nicht ausgereift und elaboriert genug, um auf einer hohen akademischen Ebene zu bestehen. Jedoch sollte mein Grundgedanke deutlich geworden sein.

Für konstruktive Anmerkungen und eine sachliche Diskussion bin ich offen.

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Ein Gedanke zu „Der Mensch: Ein Mängelwesen? Nein.

  1. Carsten Roeger

    Guten Morgen!

    Du legst den Finger genau in den wunden Punkt Gehlens Position, so wie du sie darstellst – Was hast eigentlich die Natur gemacht, als der Mensch seine Mängel kompensieren musste? Und danke, dass du auch deutlich eine intentionale Interpretation der Natur zurückweist! Ich habe den Eindruck, dass in alltäglichen Argumentationen immer noch die Hintergrundannahme existiert, dass die Natur ein Zweck, ein Ziel hat, ohne dies sinnvoll begründen zu können – Das ist unnatürlich!

    Deine Begründung ist plausibel und dein Schreibstil wunderbar klar!
    Nur mit einem Punkt bin ich überhaupt nicht einverstanden:

    „Natürlich ist diese Argumentation bei weitem nicht ausgereift und elaboriert genug, um auf einer hohen akademischen Ebene zu bestehen. Jedoch sollte mein Grundgedanke deutlich geworden sein.“

    Pathos? Fishing for compliments? Berücksichtigt man, dass das hier ein Blog ist und du in der Lage bist, obigen Artikel noch etwas wissenschaftlich zu unterfüttern sehe ich kein Problem darin, wie er nicht akademischen Ansprüchen genügen sollte. Aber ein Blog dient vielleicht auch eher dazu, seine Gedanken öffentlich auszuarbeiten. Vielleicht ist ein Blog die Vorstufe zum Essay. Wie akademisch soll ein Blog sein?

    Antwort

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