Silvia Schopf „Wie der Tod in die Welt kam“

Spätestens seit Nigel Barleys „Tanz ums Grab“  [1998]  sind zunehmend auch solche Kulturkreise in den Horizont thanatologischer Untersuchungen gerückt, die wir aus unserer westlichen Perspektive nur allzugern fälschlicher- und anmaßenderweise als „primitiv“ oder als „Naturvölker“ bezeichnen. Dabei haben auch diese Kulturen, wie alle menschlichen Gemeinschaften, aufgrund ihrer Erfahrungen mit individueller Sterblichkeit spezifische Vorstellungen hinsichtlich von Tod und Sterben entwickelt, die es nicht nur zu erhalten, sondern auch in die kulturtheoretische Diskussion einzubringen gilt. Nur so kann das von Assmann angeregte Projekt einer kulturwissenschaftlich vergleichenden Thanatologie gelingen, für die er mit seinen Untersuchungen zum Alten Ägypten den Grundstein gelegt hat.

Schopfs Buch erweist sich in diesem Zusammenhang, auch wenn es sich eindeutig weniger an ein Fachpublikum als vielmehr an eine breite Leserschaft wendet, als Glücksgriff. Das Werk regt zu Beschäftigungen mit den Vorstellungswelten nicht zum europäischen Kulturkreis gehörender Völker an und ist geeignet, sowohl Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten zwischen diesen für uns fremden Welten und dem uns vertrauten kulturelen Umfeld zu verdeutlichen.

Ausgehend von der zentralen Frage „Warum gibt es den Tod überhaupt?“ werden Mythen und Legenden vorgestellt, die eine Antwort auf diese Frage geben wollen. Dabei unterscheidet die Autorin 4 zentrale Antwortmotive, die in den untersuchten Erzählungen immer wieder auftauchen und die auch das strukturelle Grundgerüst für ihren Band bilden:

  1. Der Tod ist menschliches Schicksal, das für den Menschen von einer dritten Partei (zumeist Gott öder Götter) bestimmt wurde.
  2. Der Tod ist Versehen oder Missgeschick, enstanden aus einer unklugen oder falschen Entscheidung.
  3. Der Tod ist eine (göttliche) Strafe.
  4. Der Tod ist notwendig für den Fortbestand des Lebens.

Darüber hinaus nimmt Schopf noch Erzählungen über die Vorstellungen des Jenseits in ihren Band auf, weil es keine  (vor-moderne) Kultur gebe, die eine solche Vorstellung nicht entwickelt habe und das Jenseits damit eine kulturanthropologische Konstante darstelle.

Die von Schopf nacherzählten Mythen und Legenden stammen aus allen Teilen der Welt, wobei ein gefühlter Schwerpunkt auf Erzählungen aus Afrika nicht von der Hand zu weisen ist. Daneben sind Geschichten aus Nord-, Mittel und Südamerika, Asien, Australien, Ozeanien aber auch sehr schöne Nacherzählungen der thematisch bedeutensten Texte aus Europa vertreten. Die meisten Geschichten  sind sehr knapp gehalten, oft nur eine oder zwei Seiten lang, wodurch die Gesamtzahl der Texte im Buch auf über 50 steigt . Teilweise sind die Erzählungen aufgrund der stark unterschiedlichen Symbolbedeutungen (besonders bei Tieren) erst bei einem zweiten Lesen oder nach weiterer Recherche völlig zu verstehen. Dabei helfen die sehr spärlich eingestreuten Stichwort-Seiten zu Themen wie „Der Mond – Sinnbild für Leben und Tod“, „Tiere als Todesboten“, „Schlaf“, usw. nur bedingt, da sie sich anders als die meisten Geschichten oft wieder auf den klassischen (vor allem griech.-röm.)  Kulturkreis beziehen. Viele der Geschichten erscheinen aus der Perspektive der Aufklärung und Moderne leider ungewöhnlich naiv – oft bleibt der Leser mit der Frage „Kann dieser Mythos denn wirklich auch nur irgendjemandem als Erklärung gedient haben?“ zurück. Von dieser Frage sollte man sich jedoch nicht beherrschen lassen. Zudem sollte man etwas Geduld mitbringen, denn die Motive der Legenden wiederholen sich besonders aufgrund der thematischen Struktur des Buches doch stark, die Variationen – auch das eine Überraschung des Bandes – liegen vielmehr im Detail, was für einige Lesertypen sicher schnell zu Ermüdungserscheinungen oder Langweile führen kann. Es empfiehlt sich u.U. eine auszugsweise oder im Buch hin- und herspringende Lektüre, um dies zu verhindern.

Folgende Geschichten kann ich ganz u.a. besonders empfehlen: Verabredung in Samara (Irak), Die gierige Chang (China), Der weise Herrscher (Indonesien), Der Affe und die Pfirsiche der Unsterblichkeit (China), Ischtars Gang in die Unterwelt (Babylon),

Letztlich ist Schopfs Buch ein weiterer, empfehlenswerter Baustein zu einer interkulturell vergleichenden Betrachtung der Phänomene Tod und Sterben. Und nebenbei auch eine kurzweilige Lektüre für den Nachttisch oder zum Vorlesen. Nicht zu unterschätzen ist das Potential vieler im Buch abgedruckter Geschichten, Thematik und Problehaftigkeit des Todes auch für Kinder anschaulich zu machen und zum Denken anzuregen (auch im Rahmen des Unterrichts in Praktischer Philosophie oder Ethik).

Daten und Fakten: Silvia Schopf: Wie der Tod in die Welt kam. Mythen und Legenden der Völker, Freiburg: Herder 2007. Gebunden, 192 S., € 16,90, ISBN 978-3-451-29605-5.

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