José Saramago „Eine Zeit ohne Tod“

Was passiert, wenn der Tod seine Arbeit einstellt? Einfach so? Dieser Frage saramago_zotgeht José Saramago, seines Zeichens Nobelpreisträger für Literatur 1998,  in seinem jüngsten Roman nach.

„Eine Zeit ohne Tod“ beginnt mit dem Satz „Am drauffolgenden Tag starb niemand“ und – soviel sei verraten – mit diesem Satz endet das Buch auch. Was dazwischen geschieht ist ein ausgefallenes Gedankenexperiment, dass viel über die Bedeutung des Todes für uns als Menschen und unsere Gemeinschaft aussagt. Das Setting ist noch relativ simpel. In einem Land, das keine Küste besitzt, grundsätzlich katholisch geprägt zu sein scheint und dessen Regierungsform wohl als konstitutionelle Monarchie bezeichnet werden kann, stirbt ab dem Neujahrstag niemand mehr. Egal ob Unfallopfer, alter Mensch oder Selbstmörder. Alle Wege aus dieser Welt hinaus sind verschlossen, die Menschen bleiben, egal wie  schwerverletzt sie sein mögen, am leben und die meisten können mit Geduld wieder gesund gepflegt werden. Doch was sich zunächst wie das Paradies anhört, in dem der Tod keine Macht mehr besitzt, erweist sich mit zunehmender Dauer als Problem. Die Kirche verliert ihre Legitimationsbasis, die Bestattungswirtschaft muss sich ein neues Geschäftsmodell suchen, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime platzen aus allen Nähten, Versicherungsgesellschaften verlieren ihre finanzielle Grundlage und die Rentenkasse droht zusammenzubrechen. Philosophen suchen nach einer Antwort auf die Bedeutung dieses Nicht-Ereignisses und finden sie nicht. Nur der einfache Mann bleibt pragmatisch und schafft seine Sterbenden einfach über die Staatsgrenze, damit sie dort entschlafen können. Was natürlich zu weiteren Problemen führt: Ist diese Form der Sterbehilfe eigentlich legal? Ist es gar Mord? Und was sagen eigentlich die Staaten dazu, deren Grenzen man verletzt? Schließlich schaltet sich sogar die Maphia, mit „ph“, ein – und macht aus dem Transport zum Sterben ein ganz großes Geschäft, das sogar den Premierminister unter Zugzwang bringt.

Nach sieben todfreien Monaten dann endlich eine Erklärung: tod, kleines „t“, eröffnet den Menschen, wieso sie ihr, ja „ihr“, kleines Experiment durchgeführt hat, gesteht ein, dass es gescheitert ist, und hat sofort eine neue Überraschung für die Menschen auf Lager. Ab sofort bekommt jeder eine Woche vor seinem „Termin“ Bescheid, dass es soweit ist. Per Post. Womit natürlich neue Probleme verbunden sind…

Bis zu diesem Punkt, wir befinden uns schon auf S. 164 des Romans, ist das schmale Bändchen sehr unterhaltsam. Eine große, komplexe Fabel über den Tod, seine Bedeutung, usw. Aufschlussreich zu lesen, mit einige Stellen zum Nachdenken und weiterspinnen. Doch dann… wechselt Saramago die Erzählebene und eigentlich auch die ganze Geschichte. Was vorher aus einer großen Distanz erzählt wurde, ohne einzelne Figuren zu nah an den Leser heranzulassen, wird nun zusehends persönlicher. Es geht fortan nicht mehr um das Verhältnis des Todes zu allen Menschen, sondern nur noch um ein tête-á-tête zwischen tod und einem menschlichen Individuum. Einem Cellisten, der sich weigert zu sterben. Natürlich muss tod hier handeln, niemand kann es wagen, sich ihr zu widersetzen. Doch ihr ausgefeilter Plan, doch noch für den Tod des Cellisten zu sorgen, scheitert, trotz (oder gerade wegen) all der Macht, die sie über die Menschen besitzt. Weshalb genau, sei nicht verraten, es sei nur gesagt, dass Liebe eine Rolle spielt, genauer die Liebe zum Leben, auch in seinen merkwürdigsten Formen.

Es bleibt jedem selbst überlassen, welchen Teil des Buches er für den besseren hält, Fakt ist, dass es sich im Prinzip um zwei einzelne Geschichten handelt, mit zwei unterschiedlichen Themen, geschickt verwoben und doch separiert. Tiefgründig sind beide, nur ist die zweite weitaus phantastischer als die erste. Zu empfehlen sind beide – ist das ganze Buch.

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der Schreibstil des Autors. Saramago vermeidet im ganzen Text Anführungszeichen. Und oft auch Ausrufe- und Fragezeichen. Das häufigste Satzzeichen ist das Komma, mit dem Saramago auch Dialoge strukturiert und dabei oft mit Kant um den längsten Satz aller Zeiten konkurriert. Das ist besonders zu Beginn der Lektüre recht verwirrend. Mit ein wenig Übung bekommt man es am Ende ganz gut hin, auch in komplexeren Dialogen den Überblick zu behalten. Stutzen musste ich aber zugegebenermaßen immer wieder. Nochmal ein paar Zeilen zurück, wer ist nun wer? Darüber hinaus scheint es manche Menschen zu stören, wie distanziert sich Saramago als (fast) allwissender, teils auch süffisant-ironisch kommentierender Erzähler durch die Geschichte bewegt und dadurch Distanz zum Geschehen schafft und besonders zu Beginn eine zu große Nähe zum Geschehen unterbindet. Ich kann das aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Das die Figuren oft sehr vage bleiben, bis auf die beiden Protagonisten am Ende, das hat wohl Methode, ist Absicht und nicht weiter tragisch.

Insgesamt ist das Buch ein Leseerlebnis wert.

Daten und Fakten: José Saramago:  Eine Zeit ohne Tod, Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2009. Broschiert, 256 S., € 9,95, ISBN 978-3-499-24342-4.

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3 Gedanken zu „José Saramago „Eine Zeit ohne Tod“

  1. fleure85

    Mir hat der zweite Teil der Erzählung viel besser gefallen, dieses abstrakte, an keinen Menschen näher herangehende Erzählen war anstrengend. Ein komischer Bruch war es trotzdem und das Ende finde ich auch mehr als fragwürdig!

    Bei den fehlenden Anführungszeichen stimme ich zu 🙂 ich musste auch dauernd zurückgehen um zu schauen, was von wem kommt…. Interessantes Buch, aber ich würds wohl nicht nochmal lesen.

    Antwort

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