Albert Camus „Der glückliche Tod“

camus_todWenn man den Titel von Camus‘ Roman betrachtet, stellt man sich unweigerlich die Frage: „Kann der Tod ein glücklicher sein?“ Womöglich würde Camus antworten: „Das ist die falsche Frage. Natürlich kann er das. Die eigentliche Frage ist, wie wir diesen Zustand erreichen können, indem der Tod als glücklich empfunden wird.“ Für den Atheististen und Existentialisten Camus ist damit zugleich die Frage verbunden: „Wie kann ein Leben so glücklich gestaltet werden, dass auch der Tod ein glücklicher ist?“ Die Suche nach dem glücklichen Tod ist also nichts weiter als die Suche nach dem von Glück erfüllten Leben.

Genau dieses Glück aber fehlt dem Protagonisten Mersault im ersten Teil des Romans, das mit dem Titel „Der natürliche Tod“ überschrieben ist. Mersault, der in Algier lebt, arbeitet acht Stunden täglich in einem Büro am Hafen, hat ein Verhältnis mit einer Frau, die er nicht liebt und auf deren frühere sexuelle Beziehungen er doch eifersüchtig ist. Er lebt allein in einem Haus voller einsamer Menschen, die in ihrem persönlichen Elend versinken und er realisiert, dass auch er unglücklich ist. Da bietet sich ihm die Gelegenheit, dieses Leben zu ändern. Er begeht ein Verbrechen, nein, eigentlich zwei – einen Vertrauensbruch und einen Mord. Die Motive bleiben vage. Eifersucht? Mitleid? Habgier? Dann bricht er auf in ein neues Leben, erkrankt an Körper und Seele, aber mit der Chance – und dem Geld -, etwas Neues zu versuchen.

Im zweiten Teil des Romans („Der bewußte Tod“) wandelt sich die Situation. Mersault reist durch halb Europa auf der Suche nach seinem Glück und sich selbst. Zunächst noch ohne Erfolg. Ein Aufenthalt in Prag wird eher zum Alptraum als zu seinem Glück. Eine geheime Furcht befällt ihn und seine Erkrankung macht ihm zu schaffen. Über Breslau fährt er nach Wien, das ihm aber nichts zu bieten scheint, außer die käufliche Liebe. Er denkt auf diesen Reisen viel nach. Er hat die Zeit dazu. Und da geht ihm ein wichtiger Gedanke durch den Kopf: „Zum Leben braucht man Zeit. Wie jedes Kunstwerk fordert es von einem, daß man darüber nachdenkt.“ (S. 71) Er sinniert das erste Mal über das Glück und wie man es erreichen könne, sieht ein, dass er sich sein Glück selbst aufbauen muss, dass er nicht für die Liebe geschaffen ist, dass er bislang immer nur dem Glück hinterhergejagt ist und gespielt habe, er wäre glücklich, anstatt es wirklich zu sein. Ein ganzer Schwall an Einsichten überkommt ihn und endlich hält er sein Reisen für beendet. Er kehrt, auf die Einladung von Freundinnen, nach Algier zurück.

In einem Haus „vor der Welt“, bei Freundinnen, findet Mersault Zuflucht und Muße.  Ein unbeschwertes Leben. Doch Mersault hält es nicht in dieser Gesellschaft, er will einsam sein, bricht auf, kauft ein eigenes Haus, heiratet, will aber mit der Frau nicht zusammen leben. Zunächst scheint es so, als habe er einen Fehler begangen, denn die Einsamkeit ist ihm zu einsam. Er besucht Freunde und läd sie ein. Es dauert, bis er zu sich kommt und sich als im „menschlichen Sinne glücklich“ (117) bezeichnet. Fortan ist für ihn der Tod „nur eine Nebenerscheinung des Glücks“ (118), dem er mit offenen Augen entgegensehen will. Mersault will auch diesen letzten Akt, diese „letzte Bestätigung des Lebens“ (133) bewusst erleben, so bewusst, wie er sein Leben versucht hat zu führen. Zumindest das Leben nach dem Mord, den er allen gegenüber verschweigt. Er kommt zu dem Schluss, dass es die einzige Aufgabe des Menschen sei, glücklich zu sein und dass, was noch viel wichtiger ist, dieses Glück allein darin bestand, „dass er existierte“. Er erliegt einer Krankheit, hellwach, von Adrenalin aufgeputscht, so bewusst, wie nur irgendmöglich stirbt er – mit einem Lächeln auf dem Gesicht – einen glücklichen Tod.

Der Roman ist, wie von vielen Kritikern angemerkt wurde, keine kompositorische Meisterleistung. Es wurde bemängelt, dass die Figurenkonstellationen unausgewogen wären, dass die Gewichtung der einzelnen Teile „schief“ sei, dass Episoden des Romans unverbunden nebeneinander stünden. Es wurde empfohlen, den Roman als Vorläufer von Camus‘ großen Werk „Der Fremde“ zu sehen. Immerhin habe auch Camus von der Veröffentlichung von „La Mort heureuse“ abgesehen. (Das wir den Text heute lesen können, ist einer Aufarbeitung seines Nachlasses zu verdanken.)

Ich weiß nicht so recht, ob ich mich diesem Urteil anschließen kann. Das Buch ist komplex – keine Frage. Mersault bleibt das ganze Geschehen hindurch undurchsichtig, seine Motive oft unklar, seine Gedanken sprunghaft, teilweise unzusammenhängend. Seine Beziehungen zu Frauen sind noch komplizierter. Die Frage ist nur, ob das nicht gerade die Stärke des Romans ausmacht. Immerhin handelt es sich hier um das vielleicht menschlichste aller Themen überhaupt – oder zumindest um das existenziellste. Und Mersault ist ein Mensch durch und durch. Ein Mensch, der mit sich selbst kämpft, das Glück sucht, mit der Liebe so eine Probleme hat – was wäre menschlicher? Man gewinnt eine gewisse Sympathie zum Protagonisten, wenn man die ganzen irrational-rationalen Züge an dieser Figur entdeckt, die man vielleicht auch schon einmal bei sich selbst festgestellt hat und verliert sich mit ihr in Gedankengängen, die man auch schon selbst durchsucht hat, ohne Antworten zu finden. Hier liegt dann auch der große Vorteil an dem Roman: Er wirft die Fragen auf, liefert ein Beispiel, aber er gibt keine Anweisungen zu einem glücklichen Leben. Alles was Mersault sagt oder tut kann hinterfragt werden. An seiner Ethik, an seiner Anthropologie, die er schließlich bis zu dem Punkt treibt, an dem der „Geist den Geist verneint“, kann man sich reiben. Seine Vorstellung von Glück muss nicht mit der des Lesers übereinstimmen. Die Geschichte ist ein Denkanstoß, eine Anregung. Kein Ratgeber für das glückliche Leben und noch weniger eines für den glücklichen Tod.

Nur eines stört: Die Form des Glückes, die Mersault zu finden hofft, die größtmögliche Freiheit, sein Reisen durch Europa, sein Leben im Haus vor der Welt, der Kauf des eigenen Hauses – das alles ist erkauft und zwar auf zweierlei Art. Zum einen erkauft mit der moralischen Schuld für den Tod eines Menschen – die nur hinsichtlich des Motivs fragwürdig bleibt. Zum anderen erkauft mit Geld. Nach dem Abbruch seines alten, unglücklichen Lebens, nach dem Mord und dem damit verbundenen Raub an Zagreus, arbeitet Mersault nicht mehr. Zunächst lebt er nur von seiner Beute, später beauftragt er einen Angestellten mit Geschäften – nebenbei erwähnt, völlig ohne Bedeutung scheint dieser Umstand zu sein, ebenso wie die Feststellung, dass die Geschäfte nicht einmal gut laufen. Wir wissen alle, dass ein Leben wie das des Mersault in dieser Situation undenkbar ist. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Mersaults Beute so gewaltig ist, dass sie seinen Lebensunterhalt bis zu seinem Tode decken konnte, so verliert der Roman für den „normal-begüterten“ Menschen durch diese Umstände deutlich an Bedeutung. Camus hat dies in seinen Cahiers so ausgedrückt: „Um glücklich zu sein, braucht es Zeit, viel Zeit. […] Die Zeit jedoch wird uns von der Notwendigkeit des Geldverdienens gestohlen. Die Zeit ist käuflich. Alles ist käuflich. Reich sein heißt Zeit haben zum Glücklichsein, …“ (147) Ist Glück also Geld? Spricht Camus hier ein Faktum aus, das in seinem Realismus geradewegs deprimierend ist? Können Menschen, die nicht reich sind, niemals glücklich sein? Ein düsterer Ausblick, dem im Buch aber nirgendwo widersprochen wird…

Auch im dem Roman nachgestellten Nachwort zu einigen interessanten Aspekten des Romans (biographische Anleihen des Romans bei Camus, Entstehungsgeschichte, Komposition, der Frage nach der Nicht-Veröffentlichung, einem Vergleich mit „Der Fremde“) wird dieser Pointe nicht weiter nachgegangen. Bei mir lies das Buch daher einen faden Nachgeschmack vom Unglück und der Machtlosigkeit derer zurück, die sich ihr Glück eben nicht erkaufen können. Dennoch bleibt der Roman uneingeschränkt empfehlenswert. Vielleicht ist gerade das dumpfe Gefühl, dass die Lektüre hinterlässt, ein Grund, dieses Buch zu lesen.

Daten und Fakten: Albert Camus:  Der glückliche Tod, Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 20. Auflage 2008. Broschiert, 192 S., € 7,95, ISBN 978-3-499-22196-5.

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3 Gedanken zu „Albert Camus „Der glückliche Tod“

  1. Meludram

    Ich bin froh, dass Du eine Rezension zu diesem Buch gemacht hast, jetzt brauch ichs nämlich nicht mehr lesen. Denn: Sollte ich nicht lieber versuchen in meinem eigenen Kopf glücklich zu werden, als jemandem dabei zuzusehen wie ers mehr oder weniger schafft ohne, dass ich etwas dabei lerne? Wenn der Protagonist tatsächlich so ‚menschlich‘ ist, wie Du schreibst, dann ist es doch reine Zeitverschwendung, wenn er keine neuen Einsichten ermöglicht als meine, die ich mir selbst mach?
    So wie Du es beschreibst ist es ein reines „Auskotzen der subjektiven Welt‘.
    Oder hab ich da was falsch verstanden?

    Was ich aber auf jeden Fall nicht verstehe: Wenn ich glücklich Lebe warum sollte der Tod dann glücklich sein, ist es nicht viel mehr anders herum? Wenn das Leben unglücklich ist, ist der Tod glücklich.

    Es ist erfreulich, dass man sieht, dass Du die Rezension im Mai geschrieben hast:)

    Antwort
    1. Thanatos Autor

      Es steht mir nicht zu, für Camus zu sprechen, aber ich vermute mal, dass das Buch sich vor allem an solche Menschen richtet, die eben noch immer glauben, dass es da irgendwo einen (objektiven) Sinn in der Welt zu entdecken gibt, dem man vielleicht nachjagen muss – Menschen, die rastlos sind, so wie Mersault. Für solche Menschen bedeutet die Geschichte dann möglicherweise eine Frusterfahrung, die (objektive) Banalität der Existenz wird ihnen noch einmal aufgezeigt, der man eben nur durch (subjektive) Sinnsetzung („glücklich sein“, „sein Leben leben“, „sich selbst finden“, „seine Lebenszeit nutzen“ …) begegnen kann. Vielleicht ist es auch nur eine moralische Unterstützung, Menschen wie Mersault zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Der Roman als Ausdruck des Zeitgeistes vielleicht? Auf jeden Fall als Ausdruck einer ganz besonderen Denkweise.

      Camus‘ Grundidee ist: Wer ein glückliches Leben geführt hat, also ein bewusstes Leben, wer seine Zeit genutzt hat, der kann auch dem Tod als Teil dieses Lebens positiv begegnen. Vielleicht lässt sich die Einstellung mit der von Seneca verbinden: „Wir haben nicht zu wenig Zeit, wir nutzen sie nur nicht (oder nicht richtig).“ Wenn wir diesen Missstand abstellen, erscheint uns auch unser Ende nicht mehr so tragisch. Lassen wir unsere Lebenszeit hingegen „ungenutzt“ (was auch immer das heißen mag – genau das lässt Camus ja offen), so dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir am Ende jammern, dass der Tod viel zu früh komme und uns unserer noch ungenutzten Potentiale beraube.

      Die Position „Wenn das Leben unglücklich ist, ist der Tod glücklich.“ ist schon ein klassisches Argument für Suizidenten. Allerdings beruht diese Sicht auf einer Fehleinschätzung, die ich an anderer Stelle mal folgendermaßen zu erklären versucht habe:

      „Wenn das Ziel ein Leben ohne Leid ist, dann ist Selbstmord wohl das schlechteste Mittel der Wahl, denn nach dem Selbstmord kommt nur noch… Nix (auf anderslautende Erklärungen kann ich verzichten, weil wir dafür keinerlei Belege haben, die einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten – und selbst wenn man korrekterweise von einem agnostischen Ansatz ausgeht, kann zumindest festgehalten werden, dass es äußerst gewagt vom Suizidenten ist, sich in eine Unwissenheit zu begeben, die er selber genauso wenig abschätzen kann).“

      Antwort
  2. Thanatos Autor

    Nachtrag:

    Per Zufall bin ich heute auf etwas gestoßen, das eventuell für die Interpretation des Textes interessant sein könnte, speziell wenn man die Figur des Zagreus bzw. die Beziehung, in der Mersault zu diesem steht untersuchen möchte. Diesen Fund will ich daher dem interessierten Publikum nicht vorenthalten…

    In Gerhard Finks „Who’s who in der antiken Mythologie“ wird darauf hingewiesen, dass der Name „Zagreus“ ursprünglich einen vorgriechischen Gott der Jagd und des Todes bezeichnet hat – ein Blinder, wer da die Parallele zum nordgermanisch/skandinavischen Mythos übersieht. Noch interessanter aber ist der Umstand, dass Zagreus u.a. auch als „erste Erscheinungsform des Dionysos“ bezeichnet wird.

    Man verbinde diese Informationen mit der Beschreibung der Figur und deren Schicksal im Roman und man erhält eine weitere spannende Basis für Interpretationen…

    Antwort

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