Pernilla Stalfelt „Und was kommt dann?“

Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Menschen zu jeder Zeit und in jedem Lebensalter mit dem Tod konfrontiert werden. Der Tod macht keinen Unterschied zwischen Alten, Erwachsenen in ihren besten Jahren, Heranwachsenden oder Kindern. Das betrifft sowohl die aktive Konfrontation (das Sterben) wie auch die passive Begegnung (das Miterleben des Sterbens anderer). Speziell wenn Kinder zum ersten Mal den Tod naher Verwandter erleben, entsteht schnell Hilf- und Ratlosigkeit bei Eltern und Erziehern: Wie erkläre ich einem Kind, was selbst Erwachsene oft genug nicht verstehen? Wie führe ich einen jungen Menschen, der oft genug noch nicht über die komplexen Abstraktions-Fähigkeiten verfügt, um des Todesproblems wenigstens teilweise Herr zu werden, an dieses Phänomen heran? Wie helfe ich diesem Menschen bei der Bewältigung seiner Neugier, aber auch seiner Gefühle?

In der jüngeren Vergangenheit haben sich Kinderbuchautoren an Antworten auf diese Fragen versucht. Mit Geschichten und Bildern rund um den Tod nahestehender Menschen etwa oder mit Büchern wie dem vom Pernilla Stalfelt, das eher ein Sachbuch, denn ein Geschichtenbuch zu sein scheint. Vielleicht ist es auch dieser, beim Thema Tod und Kinder ungewöhnliche, eher sachlich-nüchterne, themenorientierte Ansatz, der die Leserschaft dieses Kinderbuches so polarisiert. Während die einen das Buch mit Lob überhäufen, wird es von anderen hemmungslos zerrissen: pietätlos sei es, es gehe „über die Grenzen des guten Geschmacks“ hinaus, sei nur ein „Sammelsurium“ verschiedener Aspekte ohne roten Faden, es mache sich über den Tod lustig und sei daher nur geschmacklos. Dagegen wird vorgebracht, dass insbesondere der unsentimentale, pluralistische, weitgehend religiös neutrale, ehrliche Charakter des Buches so positiv sei. Dabei behaupten beide Rezensenten-Gruppen genau zu wissen, was ein Kind in der (passiven) Begegnung mit dem Tod brauche und was unangebracht sei. Niemandem kommt allerdings die Idee, dass wir dies vielleicht besser unseren Kindern überlassen sollten, oder sie zumindest der konkrete, individuelle Ausgangspunkt sind, an dem wir uns zu orientieren haben. Deshalb will ich vorweg schicken, dass meine Beurteilung des Stalfelt-Büchleins sich ganz klar des Umstandes bewusst ist, dass ich als Autor dem Kindesalter schon lange entwachsen bin. Meine Perspektive ist die eines Erwachsenen und davon kann ich mich nicht freimachen. Der geneigte Leser sollte sich also fragen, ob er meine Ausführungen als Erwachsener nachvollziehen kann und ob er dann auf dieser Grundlage seinem Kind die Lektüre zumuten möchte. Ein Probelesen ist grundsätzlich ratsam.

Die Lektüre des schmalen Bändchens ist recht kurzweilig. Es enthält nur 25 Seiten eigentlichen Inhalts. Fließtext wurde sehr sparsam verwendet, im Schnitt gibt es weniger als 5 (zumeist kurze und grammatikalisch einfache) Sätze pro Seite, dazu knappe Bildbeschreibungen, hier und da ein paar Sprechblasen. Das größte Manko des Büchleins fällt dabei schon beim einfachen Durchblättern auf: Der Stil der Zeichnungen ist sehr gewöhnungsbedürftig und wahrscheinlich eine Geschmacksfrage, die jeder (erwachsene) Leser mit sich selbst ausmachen muss. Persönlich kann ich mit der Ausführung der Darstellungen nichts anfangen. Das ganze Buch wirkt wie von Kleinkindern gezeichnet; von einer professionellen Grafikerin, auch einer Kinderbuchgrafikerin, die für ein ganz besonderes Publikum zeichnet, hätte ich mehr erwartet. Technisch stimmt hier gar nichts, weder Anatomie, Proportionen, Perspektive noch Schattierung. Teilweise ist auch die Wahl der Motive fragwürdig (z.B. Esel-Symbolik auf S. 3, „Schöne Decke“ auf S. 5, u. ä.). Dagegen ist der Text deutlich besser gestaltet, sowohl stilistisch, wie auch inhaltlich. Aber apropos Inhalt, worum geht es denn nun überhaupt?

Pernilla Stalfelt hat versucht, ein „Kinderbuch vom Tod“ zu kreieren, wie man auch am schwedischen Originaltitel „Dödenboken“ erkennen kann. Der deutsche Titel „Und was kommt dann?“ ist ein wenig irreführend, gerade weil auch Elemente des Sterbens vor dem eigentlichen Sterbeereignis thematisiert werden. Das liegt schon am Ausgangspunkt des Buches, der wunderbar philosophisch ist: Wenn man über den Tod nachdenkt, dann ist er erstmal ein scheinbar unlösbares Mysterium, ein sehr schwierig zu verstehendes Geheimnis – und zwar nicht nur für die Kleinen, sondern auch für die Großen. Das wird dem jungen Leser bereits auf der ersten Seite eindringlich erklärt. Hier wird die Grundlage dafür geschaffen, gemeinsam auf eine kleine Reise zu gehen, um den Tod besser verstehen zu können. Genau diesen Punkt gilt es übrigens bei der Lektüre nie zu übersehen: Das Buch ist zum gemeinsamen Lesen gedacht. Eltern/Erzieher und Kind fragen gemeinsam nach dem Tod und kommen über die Lektüre ins Gespräch. Keinesfalls sollte das Kind mit der Lektüre allein gelassen werden. Diese Einschätzung entspringt dabei nicht irgendwelcher übertriebener Vorsicht, sondern der Idee, dass es in mehrfacher Hinsicht einfacher ist, einen Todesfall gemeinsam zu verarbeiten – das trifft auch für Erwachsene zu, bei Kindern – speziell bei solchen, die noch nie zuvor mit dem Tod konfrontiert waren – sollte dies aber eine Selbstverständlichkeit sein. Schließlich gilt es hier etwas Neues zu lernen und wer lässt sein Kind schon bei der ersten Begegnung mit etwas ganz Neuem allein? Wenn wir es mit dem Lernen ernst meinen, dann sollten wir zumindest den ersten Schritt mit unseren Kindern zusammen gehen.

Gemeinsam werden dann ganz unterschiedliche Aspekte des Sterbens und des Todes untersucht, größtenteils in chronologischer Abfolge. Nach der Erkenntnis des Problems, welches der Tod für uns darstellt, wird zunächst noch einmal eine absolute Gewissheit als Fundament ausgelegt: Alles, was lebt, muss sterben. Hieraus ergibt sich dann die nächste Frage: Warum? Eine mögliche Antwort lautet: Weil der Kreislauf des Lebens notwendig ist. Oder weil man alt ist, oder krank, oder weil man einen Unfall hat, oder weil es manchmal einfach so ist, wie im Falle so mancher Totgeburt. Ist ein Mensch erstmal fort, ergibt sich dann die nächste Frage: Wohin ist er denn? Hier schließen sich verschiedenste Ideen an: Aufstieg in den Himmel und Reinkarnationstheorien werden genauso thematisiert wie die atheistische Sichtweise, womit das Buch ganz eindeutig einen modernen Weg geht. Schließlich werden auch Mythen von Untoten (spukende Skelette, Vampire und Geister) angesprochen, bevor sich das Buch wieder der Realität der Bestattung zuwendet. Leider verliert sich hier ein wenig der pluralistisch neutrale Standpunkt des Büchleins zugunsten der christlichen Bestattungsform und -zeremonie, sehr gut beschrieben sind jedoch das grundlegende Problem der Trauer und die unterschiedlichsten Bestattungsformen (Erd- & Feuerbestattung), inklusive der Erläuterung des Grabes/Friedhofs als Erinnerungs- und Gedenkstätte sowie anderer Formen des Gedenkens und der Bedeutung von Testamenten. Sogar zwei kleine kulturelle Exkurse hat die Autorin untergebracht: Zum einen die historischen Bestattungsformen der Germanen (Bootsbestattung, Hügelgräber), womit das Buch seine Herkunft unterstreicht, zum anderen eine kurze Reise nach Mexiko zum „Tag der Toten“ – eine der schönsten Seiten im ganzen Band.

Zum Abschluss darf dann auch die Betrachtung der Sprache hinsichtlich des Sterbens nicht fehlen – schließlich begegnen Kinder Redewendungen wie „Ricky hat ins Gras gebissen“ oder „Rosi hat den Löffel abgegeben“ durchaus auch ohne die Aufsicht der Eltern, da ist es nur von Vorteil, wenn sie mit der Bedeutung bereits vertraut sind.

Insgesamt deckt das Büchlein also fast erschöpfend alle großen Sachgebiete rund um das Sterben ab. Nahezu jeder Bereich kann dabei auch separat gelesen werden, überall werden Gesprächsanlässe geboten (in einigen seltenen Fällen leider eher unfreiwillig). Dabei wirkt das Buch unkompliziert, direkt, unverkrampft und offen. Die Autorin kokettiert mit einer Prise schwarzen Humors, der jedoch bei einigen Lesern auf Unverständnis stoßen dürfte. Dieser Umstand verweist jedoch auch auf das (neben der grafischen Qualität) eigentliche Grundproblem des Buches: Wer mit einer offenen, enttabuisierenden, modernen Annäherung an den Tod nicht zurechtkommt, weil er etwa selber noch in konservativ-verdrängenden oder romantisierenden Mustern denkt und handelt, der kann dieses Buch kaum mögen. Das Gleiche gilt für Menschen, die sich von dem Buch versprechen, dass es ihnen die eigentliche Arbeit bei der Unterstützung ihres Kindes abnimmt. Das kann ein Buch nicht alleine leisten. „Und was kommt dann?“ kann nur ein Anknüpfungspunkt und Gesprächsanlass sein. Es kann ein Gespräch zwischen Erwachsenem und Kind nicht ersetzen.

Mein Fazit: Wer sich mit der grafischen Gestaltung und dem doch recht hohen Preis anfreunden kann, dem sei das Buch aufgrund seiner modernen Herangehensweise an die Thematik klar empfohlen. Dies gilt insbesondere für die Eltern, die ihr Kind im Rahmen eines frühkindlichen Philosophierens unterstützen wollen und bereit sind, sich selber einzubringen, um mit ihrem Kind offen und ohne einschränkende Tabus über Tod und Sterben nachzudenken.

Daten und Fakten: Pernilla Stalfelt:  Und was kommt dann? Das Kinderbuch vom Tod, Frankfurt am Main: Moritz, 8. Auflage 2007. Hardcover, 32 S., € 11,80, ISBN 978-3-89565-110-6.

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Ein Gedanke zu „Pernilla Stalfelt „Und was kommt dann?“

  1. fleure85

    Stalfelts Buch gefiel mir gar nicht. Der pluralistische Ansatz nimmt an vielen Stellen zu breiten Raum ein, klar ist so ein Buch als Gesprächsanlass gedacht, aber Stalfelt springt von einem Thema zum anderen, ohne dass ein roter Faden erkennbar ist. Der erwähnte Vampir beispielsweise hat weder mit der vorangehenden noch mit der folgenden Seite irgendeine inhaltliche Verbindung.

    An vielen Stellen wirken die Zeichnungen (die wirklich nicht gerade schön sind, da stimme ich zu) und Bemerkungen abstrus, ich (von meinem Erwachsenenstandpunkt aus) würde das Buch nicht weiterempfehlen.

    Antwort

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