Neil Gaiman „The Graveyard Book“

Ursprünglich Autor von anspruchsvollen und erfolgreichen Graphic Novels, später auch von Romanen mit erwachsenem Publikum widmet sich Neil Gaiman bereits seit 2002 auch dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur und schreibt auf diesem Feld preisgekrönte Bücher, wie etwa „Coraline“ und „The Wolves In The Walls“. 2008 erschien Gaimans jüngstes Werk in diesem Segment: „The Graveyard Book“, wörtlich übersetzt: „Das Friedhofsbuch“, wobei sich der deutsche Verlag des Bandes dazu entschlossen hat, den Titel lieber nicht (so) zu übersetzen.

Von Lesern und Kritikern konnte man bereits im Vorfeld eine Menge positiver Kommentare zum Buch vernehmen. Eine der häufigsten Bemerkungen bezieht sich dabei auf die mehr als offensichtliche Verbindung zwischen Gaimans Werk und dem „Dschungelbuch“ (engl.: The Jungle Book) von Rudyard Kipling, die Gaiman bereits selbst in seinem Nachwort erwähnt. Ohne im Detail auf die Parallelen eingehen zu wollen, lässt sich bereits oberflächlich erkennen, dass die beiden Bücher in Teilen eine ähnliche Geschichte erzählen, nämlich die eines Waisenjungen, der unter widrigen Umständen von einer neuen Familie ganz andersartiger Wesen aufgenommen und großgezogen wird, der dabei seine Identität sucht und wie jedes Kind das ein oder andere spannende Abenteuer erlebt, bevor es sich schließlich seiner größten Angst stellen muss und hierüber zum Erwachsenen reift. Im Falle des „Graveyard Book“ sieht die Variante der Handlung dabei im Detail so aus:

Eines Nachts kommt es in einem kleinen englischen Ort zu einem schrecklichen Verbrechen an einer offensichtlich völlig unschuldigen Familie. Vater, Mutter und Tochter werden im Schlaf gemeuchelt, das jüngste Kind der Familie, ein nicht mal zwei Jahre alter Knabe, entkommt nur durch Zufall gepaart mit Glück dem scharfen Dolch des Mörders… und durch die Hilfe einiger Gestalten, die sonst eher als gefährlich oder schaurig gelten. Denn der kleine Junge, der sich bei seinem nächtlichen Spaziergang auf einen nahegelegenen Friedhof verirrt hatte, wird von den Bewohnern dieses Ortes, den Geistern der Verstorbenen, aufgenommen und dann auch adoptiert, als sie erfahren, was mit seiner Familie geschehen ist. Von dieser Nacht an wächst der Junge auf dem Friedhof auf, in Gesellschaft von Geistern und einiger weniger anderer dunkler Fabelwesen, wie etwa Vampiren, Werwölfen und Ghoulen. Hier kennt man ihn fortan als Nobody (also „Niemand“, vgl. „Nemo“) Owens, oder einfach „Bod“. Bod wächst heran, lernt so einige Geistertricks – etwa Sich-in-Luft-auflösen, Traumwandeln, Spuken – und erlebt so manches Abenteuer auf dem Friedhof, wenn er beispielsweise ein Grab besucht, dass so alt ist, dass keiner  der anderen Friedhofs-Bewohner genau weiß, was sich in diesem befindet. Ein andermal reist er beinahe bis nach Ghûlheim, der Hauptstadt der Ghule, menschenfressender Plagegeister. Er versucht zudem, einer Freundin einen hübschen  Grabstein für ihr bislang schmuckloses Grab zu verschaffen, nimmt am großen und äußerst seltenen Ritual des Danse Macabre teil, und gerät mit Bullys in der Schule in einen Konflikt. Doch während Bod auf dem Friedhof alles in allem eine doch recht unbeschwerte Kindheit erlebt, und er – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel – mehr mit sich selbst als mit der Welt jenseits der Friedhofstore beschäftigt ist, dreht ebendiese Welt sich weiter. Der Mörder von einst weiß, dass er in dieser Nacht damals versagt hat und er muss seinen Auftrag um jeden Preis doch noch erfüllen, sein eigenes Schicksal und jenes einer ganzen Gruppe von Leuten wie ihm hängt davon ab. Bod hingegen wird mit zunehmender Pubertät zorniger auf den Mörder seiner Familie und sinnt seinerseits teils unverholen nach Rache. Er will den Mann, von dem er nur seinen Namen kennt, „Jack„, unbedingt finden und sich der Gefahr stellen um sie zu überwinden. Vielleicht können ihm dabei ja die neuen Freunde helfen, die Bod bei seinen bisherigen Abenteuern kennenlernt hat:  Silas, sein Beschützer und Vormund, Miss Lupescu, seine Lieblingslehrerin, Scarlett, die immer gern auf dem Friedhof gespielt hat, oder Mr. Frost, der sich für die Inschriften der Gräber interessiert…

Das Graveyard Buch erzählt in acht Kapiteln und einem Interludium  ebensoviele kürzere Geschichten, von denen eigentlich nur drei (Kap. 1, 7, 8 ) direkt zur Rahmenhandlung beitragen. Die anderen Geschichten können auch als unabhängige Erzählungen bestehen, die sich jeweils einem einzelnen Abenteuer widmen und dieses auch abschließen. Damit bietet sich ein kapitelweises Lesen – vielleicht auch Vorlesen – geradezu an. Erleichtert wird dieses Vorgehen auch durch die zeitlichen Sprünge zwischen den Kapiteln. Als Faustregel kann ungefähr gelten: Die Kapitelnummer multipliziert mit zwei entspricht dem jeweiligen Alter Bods im entsprechenden Abschnitt. So ist das Graveyard Buch auch ein Entwicklungsroman, in dem Bod von seinem Säuglingsalter bis in die Pubertät begleitet wird. In dieser Zeitspanne verändert sich der Junge drastisch, sowohl hinsichtlich seiner Größe, als auch in Bezug auf seine Bedürfnisse, Wünsche und Einstellungen. Die große Besonderheit liegt dabei im Graveyard Buch darin, dass sich außer Bod auf dem alten Friedhof nichts mehr verändert. Da der Ort seit mehr als 30 Jahren nicht mehr als Bestattungsstätte genutzt wird, kommen keine neuen Gräber/Geister hinzu, auch die Zahl der lebenden Besucher hält sich in Grenzen und die bereits vorhandene Einwohnerschaft aus Geistern verändert sich auch nicht mehr. Sie sind ja tot und haben die endgültige Form ihres Daseins erreicht. Bod wächst so in einer statischen Umgebung auf, die zudem von der modernen Welt, mit ihren Computern, Mobiltelefonen usw. nicht nur durch ein Stahltor, sondern auch durch eine zeitliche und kulturelle Hürde getrennt ist. Nur Silas, der weder tot noch lebendig ist und der wie Bod den Friedhof verlassen kann, wenn es sein muss, schafft eine gewisse Verbindung zwischen den Welten; er ist Bod damit am ähnlichsten und doch grundverschieden. Sowohl die Beziehung, die sich zwischen Silas, der Vaterfigur, und dem jungen Bod entwickelt, wie auch Bods Beziehungen zu seinen Lehrern (Miss Lupescu, Mr. Pennyworth, Miss Borrows, aber auch die Lehrer an der öffentlichen Schule, die Bod eine zeitlang besucht) stellen sich beim Lesen als zentrale Aspekte des Romans heraus, die an dieser Stelle jedoch gar nicht in ihrer Gänze gewürdigt werden können, so dass dem Leser hier genug zu entdecken bleibt. Augenfällig ist allerdings, das der junge Bod sehr bald ein eifriger Schüler wird und versucht, soviel wie möglich zu lernen – vorrangig, um dem Leben außerhalb des Friedhofs gewachsen zu sein, das er eines Tages führen wird. Stolz rekapituliert er an mehreren Stellen, was er schon alles gelernt hat und stellenweise erscheint Bod als Musterschüler, viel reifer als seine Altersgenossen – so dass ab und an durchaus das Gefühl aufkommen kann, hier war der Wunsch der Vater des Gedankens und die Figur sei in diesem Aspekt zu ideal gezeichnet.

Nur eine weitere ganz besondere Beziehung Bods soll kurz genauer beleuchtet werden, nämlich das Verhältnis Bods zum Tod. Denn natürlich kann von einem Autor wie Gaiman, der sich als Autor schon in der Vergangenheit ausführlich der Personifizierung des Todes gewidmet hat (vgl. die Sandman-Comics), nicht erwartet werden, dass er in einem Buch mit der thematischen Färbung des Graveyard Book auf ein Erscheinen dieser Figur völlig verzichtet. Gaiman bleibt sich sogar treu darin, den Tod als Frau darzustellen, auch wenn die „Lady on the Grey“ in ihrem Aussehen und Verhalten bis auf ihr Geschlecht keine weitere Ähnlichkeit zu „Death“ aus den Sandman-Comics aufweist. Die Lady taucht auch nur zweimal kurz auf, dafür sind ihre Auftritte aber in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzten. So ist sie es, die zu Beginn der Geschichte ein Machtwort spricht und die zerstrittenen Friedhofsbewohner dazu auffordert, Bod bei sich aufzunehmen. Später tanzt sie dann beim Danse Macabre mit dem Jungen, der ihr so zum ersten Mal bewusst begegnet. Der Tanz währt nur kurz, ist aber eine Erinnerung daran, das Bod noch immer zu den Lebenden gehört, die am Ende alle mit der Lady auf ihrem Grauschimmel reiten werden. Doch auch wenn der Tod nicht persönlich erscheint ist er immer in Bods Nähe, immerhin ist der Junge auf dem Friedhof ständig von Toten umgeben, und wenn er diesen Ort verlässt, schwebt er in stets in Lebensgefahr: denn außerhalb der Friedhofsmauern können ihn seine toten Freunde nicht vor seinem Häscher beschützen. Schließlich gewöhnt sich Bod sogar so sehr an die stete Anwesenheit des Todes, dass er übermütig wird und sich fragt, wieso er sich denn eigentlich vor dem Tod fürchten solle: „It’s only death. I mean, all my best friends are dead.“ (179) Es bedarf erst einer Erklärung Silas über den Unterschied zwischen den Lebenden und den Toten, um Bods Perspektive wieder zurechtzurücken. Denn den Toten fehlt etwas entscheidendes: Potenzial – die schier unbegrenzte Möglichkeit zu verändern, zu gestalten, zu träumen. Dieses Potenzial sei es, was das Leben so lebens- und schützenswert mache. Eine wunderbar moderne Auffassung, die nicht mit überflüssigem metaphysischen Ballast daherkommt oder irgendeiner speziellen (religiösen) Weltanschauung verpflichtet ist. Ein neutrales Statement, das doch lebensbejahender nicht sein könnte – und das von einem Untoten! Noch präziser kann man die Grundaussage des gesamten Buches nicht zusammenfassen: denn auch wenn die Thematik düster ist, so geht es Gaiman doch vorrangig um das Abenteuer des Lebens, des Wachsens, des Reifens und des Erwachsenwerdens, darum sich dem Leben da draußen zu stellen und sein Potenzial sinnvoll zu nutzen – auch wenn dazu zunächst Hindernisse und Gefahren überwunden oder Abenteuer bestanden werden müssen. Kann man sich für ein Jugendbuch eine bessere Aussage wünschen?

Übrigens ist nicht nur der Text des Buches uneingeschränkt empfehlenswert: Das Buch wird jeweils am Anfang und Ende eines Kapitels von Illustrationen Dave McKeans geziert, mit dem Gaiman schon seit langer Zeit zusammenarbeitet. Die in schwarz-weiß gehaltenen Darstellungen verschaffen dem Leser eine ungefähre Vorstellung davon, wie Autor und Künstler die wichtigsten Figuren und einige Schauplätze des Buches imaginiert haben. Natürlich entspricht die graphische Gestaltung dabei der auch im Text düsteren Grundstimmung. Wer sich ein Bild von der Kunstfertigkeit Mr. McKeans machen möchte, sollte einen Blick auf den Trailer zum Buch werfen.

Daten und Fakten: Neil Gaiman: The Graveyard Book. With illustrations by Dave McKean. New York: HarperCollins 2008. Softcover, 312  S., ca. € 10,- (US$ 12,00), ISBN 978-0-06-171282-1.

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4 Gedanken zu „Neil Gaiman „The Graveyard Book“

  1. fleure85

    Wow, klingt nach einer interessanten Geschichte- aber gibts im Buch überhaupt noch neues zu entdecken? Das klingt ja seeehr ausführlich…

    Antwort
    1. Thanatos Autor

      Ja, die Besprechung ist ausführlich, stimmt. Allerdings ist die Geschichte selbst sehr 08/15 von ihrem Grundaufbau her. Das Interessante sind eben tatsächlich die kleinen Details und die veränderte Atmossphäre beim Lesen. Es geht vielmehr darum, wie Gaiman einen klassischen Stoff interpretiert. Außerdem hab ich bewusst keine Spoiler eingebaut und so ziemlich alle echten Überraschungen unerwähnt gelassen. Ich denke also, man kann noch sehr viel Freude mit dem Buch haben. 😉

      Antwort
  2. Antonio

    Und Dave McKean ist ein wirklich guter Illustrator! Ich freu mich schon, wenn ich die illustrierte Ausgabe von London Orbital mal in die Finger kriege.

    Ciao,
    Antonio

    Antwort
  3. Fleure85

    Ich habs inzwischen gelesen, größtententeils in zwei Nächten. Es stimmt, dass es dabei jede Menge Neues zu entdecken gibt. Aber ob es sich zum kapitelweisen Vorlesen eignet, möchte ich bezweifeln- ich konnte es nur sehr schwer aus der Hand legen.

    Die Geschichte ist wirklich wunderschön und ziemlich einfallsreich. Nur die Zeichnungen bringen mich bei weitem nicht so ins schwärmen- sind mir vermutlich zu düster 🙂 Außerdem kollidierten sie mit meinen Vorstellungen.

    Trotzdem absolut empfehlenswert, da schließe ich mich an!

    Antwort

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