Willi wills wissen – Wie ist das mit dem Tod?

Als jemand, der in seiner Kindheit eine nicht unbedeutende Anzahl „Was ist was?„-Bücher besessen hat, habe ich mich, spätestens seit ich mich mit thanatologischen Themen beschäftige, immer wieder gefragt, wieso es in dieser Reihe eigentlich keinen Band gibt, der einem Kind die wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben erklärt. Es ist schon bezeichnend, dass eine so populäre Reihe, die heute auch als Fernsehsendung, in Magazin-Form und als Hörbuch vermarktet wird, dieses Thema einfach ausklammert. Aber zum Glück gibt es ja die Konkurrenz…

Im Auftrag des Bayerischen Rundfunks und in Zusammenarbeit mit dem Medieninstitut der Länder (FWU) produziert die Firma megaherz seit 2002 das Format „Willi wills wissen“, eine Dokumentationsreihe in der der Reporter Willi Weitzel den unterschiedlichsten Fragen nachgeht, die Kinder früher oder später einmal beschäftigen: „Wer hilft kranken Tieren?“, „Wie wird man Astronaut?“ oder „Wie kommt das Geld in die Welt?“ heißen einige der ersten Episoden. Relativ früh – also wohl keinesfalls als Verlegenheitsthema, weil der Redaktion  sonst nichts mehr eingefallen wäre – greift die Serie dann aber auch das Thema Tod auf: „Wie ist das eigentlich mit dem Tod?“ ist die sechzehnte Folge von „Willi wills wissen“ und überraschenderweise auch die bislang einzige, die mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist, darunter der Bayerische Fernsehpreis und der Erich-Kästner-Fernsehpreis.

Das sich diese Folge von den anderen Episoden der Reihe deutlich unterscheidet, merkt man schon an der Einleitung. Da weist Willi Weitzel schon vorsorglich darauf hin, dass es heute mal ausnahmsweise nicht so bunt und lustig zugeht, wie in den bisherigen Abenteuern. Allerdings wird bewusst darauf verzichtet, übermäßige Dramatik aufzubauen. Kinder und Eltern werden nur knapp aufgeklärt, worum es in der nächsten halben Stunde geht und von diesem Punkt an liegt es in deren eigener Verantwortung, ob sie nun weiterschauen, oder nicht. Wenn der Zuschauer – egal welchen Alters – sich nicht von der ernsten Stimmung zu Beginn vertreiben lässt, geht es  mit Willi direkt weiter auf Erkundung. Besucht werden u.a. Bestatter bei ihrer Arbeit auf dem Friedhof und beim Vorbereiten eines Sarges, eine echte Leiche im Verabschiedungsraum (vor der vorher aber sicherheitshalber noch einmal gewarnt wird), ein Seelsorger, ein todkranker Mann, der weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat und Kinder, die gerade eine nahe Angehörige verloren haben. Schließlich geht es wieder zurück auf den Friedhof zu einer Beerdigung, bevor Willi sich auf dem folgenden Leichenschmaus stärken kann und am Grab ein paar letzte Worte im Andenken an die Verstorbene gesprochen werden. Die Sendung deckt damit in einem Rutsch alle wichtigen Personen und Stationen der Thematik ab: Sterbebett, Bestattungshaus und Friedhof, Sterbenskranke, Thanatopraktiker und Trauernde werden aufgesucht, um aus verschiedensten Perspektiven Einblicke zu gewinnen.

Sehr positiv fällt dabei auf, dass der Umgang miteinander in der ganzen Episode äußerst einfühlsam ist, aber kein bisschen kitschig daherkommt. Natürlich ist es ungewohnt für alle Beteiligten, wenn Willi in Bereiche vordringt, die sonst eher einem sehr kleinen oder speziellen Personenkreis vorbehalten sind – und das merkt man allen, inklusive Willi, auch an. Auch für den Neugierigen scheinen so manche Begebenheiten gewöhnungsbedürftig und ungewohnt, aber eben nicht, weil er sich vor diesem oder jenem fürchtet oder ihm das Thema unangenehm ist, sondern weil er sich offensichtlich des Umstands bewusst ist, dass er sich in einem ganz sensiblen Bereich bewegt, in dem er darauf achten muss, nicht zu jovial zu wirken, ohne dabei die Lust am Wissen einer falsch verstandenen Pietät zu opfern. Dabei wirkt der junge Reporter durchweg authentisch, auch in seinem Bemühen, Zuversicht und Beistand ausdrücken zu wollen – oft sucht er den körperlichen Kontakt zu seinen Interviewpartnern und will zeigen, dass er da ist und Anteil nimmt, auch wenn er aus beruflichen Gründen gekommen ist.

Ambivalent, aber in der Tendenz positiv, ist der Umgang mit unterschiedlichen Wertevorstellungen im Film. Willi kommt aus Bayern und die Produktion erfolgte im Auftrag des BR, was bereits vor dem Ansehen der Folge Bedenken verursacht, es könne sich hier um ein vorrangig christliches bzw. katholisches Werbevideo handeln. Entsprechend überrascht ist man dann vielleicht, wenn die ganze Zeit über ein grundsätzlich neutraler Ton gewahrt wird. Zwar lassen sich die katholischen Wurzeln der Menschen und Begebenheiten im Film nicht leugnen, aber immerhin hat man es mit aufgeklärten Menschen wie dem Seelsorger Peter Heimann zu tun, der sich zwar zu seinem Glauben als Hoffnung bekennt, aber ganz offen einräumt, dass keiner genau weiß, was nach dem Tod kommt. Schon die Wahl eines Seelsorgers anstelle eines waschechten Pfarrers ist der Produktionsfirma übrigens hoch anzurechnen. Genauso, wie ein klarer Realismus in Bezug auf den Tod, der immer wieder zum Vorschein kommt: „alles muss sterben“ heißt es immer wieder, „der Tod muss sein“ oder „Tote kommen nie wieder“. Hier werden keine Illusionen aufgebaut oder kitschige Vorstellungen aus dem Bereich des Phantastischen propagiert.

Damit einher geht die Einsicht, dass die, die sterben werden, und die, die zurückbleiben, irgendwie mit ihren Gefühlen hinsichtlich dieser Situationen umgehen lernen müssen. In diesem Punkt will Willi Hilfestellung leisten, zumindest auf rudimentärem Niveau. Der Seelsorger Heimann erläutert in für Kinder sehr schönen Vergleichen die Bedeutung von Trauerarbeit als Wiederverwurzelung im Leben, betroffene Kinder berichten von der Wichtigkeit des Weinens zur Trauerbewältigung und der Sohn eines Todkranken zeigt, wie man Menschen schon dadurch helfen kann, dass man sie nicht alleine lässt. Überhaupt, so ist das Fazit am Ende der Sendung, sind Geduld, Ehrlichkeit und Unterstützung ganz wichtige Eigenschaften für alle, die anderen Menschen in einem Sterbefall helfen möchten. Dann klappt es auch irgendwann wieder mit dem Lachen, dass ja vielleicht sogar schon beim Leichenschmaus zurückkehrt, wenn man sich gemeinsam an den Verstorbenen erinnert.

Negativ aufgefallen ist lediglich die Kürze der Episode. Bei einer Sendezeit von knapp 25 Minuten sind so viele Gesprächspartner und Stationen eine Herausforderung. Oft bleiben die gestellten Fragen rein oberflächlich, teilweise werden sie gar nicht richtig beantwortet. Auch wenn während der ganzen Folge keinerlei Hektik aufkommt, alle Bilder und Dialoge sehr ruhig sind, die ganze Produktion Langsamkeit und Nachdenklichkeit erzeugen will: thematisch ist die Sendung ein Sprint, der alles nur anreißt. Natürlich gilt auch hier – wie bei so vielen Produktionen, die für Kinder gedacht sind -, dass das Medium nur als Gesprächsanlass, als Anreiz oder Hinführung zu einem Thema gedacht sein kann, jedoch haben Eltern oder Lehrer hier noch einiges an Arbeit zu leisten. Außerdem eignet sich die DVD in dieser Form auch nur bedingt für Kinder höheren Alters, die es gerne etwas genauer hätten.

An dieser Stelle greift das von Heike Gätjen 2007 veröffentlichte Buch zur Sendung. Dieses lehnt sich stark an den Vorgaben aus der TV-Produktion an, weshalb dem Leser, der die Sendung kennt, auch Bekannte wiederbegegnen, so etwa der Bestatter und der Seelsorger Heimann. Auch die Stationen sind sehr genau abgebildet, Friedhof, Bestatterwerkstatt, Sterbebett, usw. finden sich wieder. Sogar die einfühlsame Warnung in der Einleitung wurde – wenn auch nicht wörtlich – übernommen.

Doch das Druckwerk hat einen entscheidenden Vorteil: Es nutzt die Möglichkeit an viele der Themen etwas näher heranzutreten und ein paar Einzelheiten mehr aufzufächern. So finden sich hier ganze Aspekte, die im Film nicht behandelt wurden: „Wie kann man sich das Sterben vorstellen?“, „Woran merkt man eigentlich, das ein Mensch tot ist?“, „Werden auch Haustiere beerdigt?“, „Gibt es noch andere Bestattungsformen als die Erdbestattung?“ und viele andere Fragen werden hier zusätzlich beantwortet. An zwei Stellen weicht der Band dabei besonders stark von der Sendung ab: Zum einen widmet sich das Buch auch dem medizinischen Aspekt des Sterbens und befragt dazu einen Mediziner, der im Video nicht behelligt wurde und zum anderen holt die Druckfassung in kultureller Hinsicht nach, was zuvor unterschlagen worden war: Auf sechs vollen Seiten steht der Umgang mit Tod und Sterben in anderen Kulturen im Mittelpunkt. Hindus, Muslime, Juden und auch Ägypter, Römer und Griechen werden vorgestellt und erlauben dem Leser Einblicke in andere Gesellschaften. Knappe Infos über Mexiko und die Inuit runden das Kapitel ab. Insbesondere weil auch in diesem Teil des Buches der durchgehend verwendete Interview-Stil beibehalten wird, bleibt es authentisch und gleichzeitig übersichtlich. Der Leser wird nicht mit einer Unzahl von Informationen erschlagen, sondern bekommt das Wichtigste aus erster Hand präsentiert. Zugleich wahrt auch das Buch die bereits oben angesprochene Neutralität so gut es eben geht. Auf eine Beantwortung der Frage „Was kommt nach dem Tod?“ verzichtet man ganz bewusst und weist darauf auch schon auf der ersten Doppelseite hin: „Dem Tod lassen sich viele Geheimnisse entreißen – aber eben nicht alle.“

Schade ist allerdings, dass gewisse Standardelemente eines Sachbuches fehlen. Sowohl Literaturtipps zum Weiterlesen als auch ein Inhaltsverzeichnis fehlen völlig. Das Buch ist auch nicht weiter gegliedert, jede Doppelseite steht für sich selbst. Der Bezug zu der Seite davor oder danach muss selbst hergestellt werden, was aber meistens unproblematisch ist. Die graphische Gestaltung hingegen ist einwandfrei, Farbgebung, Zeichnungen und Fotos wurden passend gewählt und angenehm dosiert. Das Schriftbild ist einwandfrei und gut zu lesen. Mir sind zudem – großes Lob an den Verlag – bislang keinerlei Rechtschreibfehler aufgefallen. Daher gibt es hier eine klare Empfehlung für das Buch, speziell für Kinder, die etwas wissbegieriger sind.

Daten und Fakten: Willi wills wissen – Wie ist das mit dem Tod? [1] DVD-Version:  Karussel/Universal 2009. Laufzeit ca. 24 Min, € 6,95, EAN 0-602517-986091. [2] Buchausgabe von Heike Gätjen, Frankfurt am Main: Baumhaus 2007. Hardcover, 48 S.,  € 9,90 , ISBN 978-3-8339-2709-6.

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Ein Gedanke zu „Willi wills wissen – Wie ist das mit dem Tod?

  1. fleure85

    Tolle Rezension, auch wenn sie mal keine Lust aufs anschauen oder lesen macht, aber vielleicht zum im Hinterkopf behalten, für wenn ich mal so was suche 🙂

    Ich glaub, das war die beste Rezension, die ich bisher von dir gelesen hab!

    Antwort

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