Isabel Coixet „Mein Leben ohne mich“

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Sie mit der Nachricht umgehen würden, dass Sie unheilbar krank sind? Dass Sie nur noch wenige Wochen zu leben haben – ohne Chancen auf Heilung? Würden Sie nach Hause fahren und ihrem Lebenspartner davon erzählen? Ihre Familie und ihre Freunde informieren? Ihrem Arbeitgeber Bescheid sagen, damit er sich schon einmal nach einem Ersatz für Sie umsehen kann? Würden Sie ihr Ableben vielleicht sogar zelebrieren? In aller Öffentlichkeit? Wie Jane Goody? Oder würden Sie einfach nichts sagen? Kein Wort darüber verlieren? Es für sich behalten, bis es schließlich passiert…

Genau diesen stillen Weg beschreitet Ann, nachdem man ihr im zarten Alter von 23 Jahren mitteilt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Sie erzählt niemandem von der Diagnose, teilt das Geheimnis nur mit ihrem Arzt. Ihre Familie und ihr ganzes soziales Umfeld bleiben unwissend, bis sie schließlich gestorben ist. Aktiv hat sie zuvor die Verschleierung ihres Zustandes betrieben, aus ihrem Leben ein Puzzle und aus ihrem Befinden ein Versteckspiel gemacht. Nur ein sehr aufmerksamer Betrachter hätte vor dem tatsächlichen Zeitpunkt ihres Todes etwas ahnen können – wenn er denn all das mitbekommen hätte, was der Zuschauer miterleben kann: Ann erstellt eine Liste mit Dingen, die sie vor ihrem Tod noch tun möchte, probiert aus, verändert – zumeist nur kurzweilig und ohne wirklichen Erfolg – ihr Verhalten, ihr Aussehen, usw.; sie spricht Geburtstagsgrüße für ihre Kinder auf Band – für die Zukunft, in der sie diese Grüße nicht mehr persönlich überbringen können wird; sie „arrangiert“, dass auch nach ihrem Tod eine Frau bei ihrer Familie sein wird, die sich um die Kleinen und Anns Mann Don kümmert; sie besucht ihren Vater im Gefängnis, den sie schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat… Alles Zeichen einer Veränderung, eines Wandels – Hinweise, die aber niemand deuten kann, außer dem Zuschauer eben.

So simpel die Geschichte ist, die Isabel Coixet in ihrem Film erzählt, so vielfältig sind die Probleme, die aufgeworfen werden: Ist es eigentlich ethisch vertretbar, seinem Umfeld die Todesnachricht vorzuenthalten, die Menschen, die man liebt, unvorbereitet zu lassen? Haben bestimmte Personen nicht sogar das Recht zu erfahren, dass man sterben wird? Ist es nicht verantwortungslos, diesen Umstand zu verheimlichen? Oder ist es vielleicht sogar besser, wenn man sich nicht in den Vordergrund rückt? Wenn man die Liebsten nicht mit Gefühlen belastet, die scheinbar unnötig sind? Gehört es vielleicht sogar zum absoluten Recht einer Person, selbst im Tode unbehelligt zu bleiben? Wir reden immerzu von Sterbebegleitung und der unerwünschten Einsamkeit im Sterben – was aber ist mit den Menschen, die eben nicht in Gesellschaft sterben wollen? Für die Sterben etwas Individuelles ist, das sie mit sich selbst ausmachen müssen? Oder denen, die andere Menschen nicht belasten wollen? Denn zur Sterbebegleitung gehört ja auch immer ein Sterbebegleiter, auf dem auch eine nicht unerhebliche Bürde lastet. Reden wir nicht bei der Sterbehilfe davon, dass das eigentliche Problem der Moment ist, in dem ein Dritter über den Tod eines Kranken entscheiden muss oder soll? Von der Belastung, die Ärzte empfinden, wenn sie aktiv am Sterben eines Menschen beteiligt werden? Inwiefern unterscheidet sich die Konfrontation mit dem Tod in den beiden Fällen?

Neben diesen ethischen Implikationen kann man aber auch, wie Sarah Polley in einem Interview, nach der sozial-kritischen Dimension des Films fragen. Denn ihre Figur Ann stammt aus einem Milieu, über das nur wenige erzählt wird: den Trailer-People, einer Subspezies der hart arbeitenden Bevölkerung, praktisch veranlagt, ohne große Ambitionen. Menschen, für die im Vergleich schon kleine Schritte wichtig sind, kleine Fortschritte zählen. Wie geht Ann, als Vertreterin dieser gesellschaftlichen Schicht, mit ihrem Sterben um? Hier wird nicht vergeistigt, wie man es etwa bei Intellektuellen erwarten könnte, hier wird nicht glorifiziert, dramatisiert, verzweifelt oder lange lautstark lamentiert (weshalb zu Recht von Mr. Ruffalo angemerkt wird, dass der Film hauptsächlich über Subtexte und nicht über die Dialoge funktioniert). Hier wird gemacht, was nötig ist: eine Liste erstellt und abgearbeitet. Ann geht auch an die Aufgabe der Vorbereitung ihres Todes genauso praktisch heran wie an die Planung ihres Alltags; sie ist nichts anderes gewohnt und bislang hat diese Strategie bei ihren Problemen immer geholfen, wieso also auch nicht dieses Mal?

Leider leidet der Realismus des Films aber an dem Umstand, dass die gesamte Geschichte eben doch wieder von Intellektuellen geschrieben und produziert worden ist – sogar explizit als Gegenentwurf zum eigenen Verhalten, wie Coixet im Making Of auf der DVD zugeben muss. Damit bleibt die Geschichte klar Fiktion, eine Möglichkeit des Handelns praktischer Menschen, wie vergeistigte Menschen sich es vorstellen. Von einer konkreten biographischen Vorlage erfährt der Zuschauer nichts. Die oft als  Vorlage zitierte Kurzgeschichtensammlung „Pretending the bed is a raft“ von Nanci Kincaid ist leider noch immer nicht auf Deutsch erschienen, ein systematischer Vergleich daher schwierig und wohl auch wenig sinnvoll, wenn man die Buchbeschreibungen und -rezensionen englischsprachiger Portale berücksichtigt, die das eigentliche Thema Kincaids in Beziehungsproblemen zwischen Frauen und Männern sehen. Der Wert des Films bleibt dabei begrenzt auf seine Funktion als Problemaufriss und Gedankenspiel – so könnte es sein. Das muss klar gesagt sein.

Fast schon klassisch ist der Umfang des Bonusmaterials auf der DVD. Neben den Original-Kinotrailern aus Deutschland und Spanien (die bis auf die Sprache völlig identisch sind), den spanischen (sehr knappen) TV-Spots, Kurz-Interviews mit der Regisseurin sowie den Hauptdarstellern (Polley, Plummer, Speedman, Watling, Ruffalo) und einem 30-minütigen Making-Of, dem viele der Interview-Szenen entnommen sind, erwarten den Filmfreund auch eine sogenannte B-Roll, die unkommentierte und unbearbeitete Ausschnitte des Geschehens hinter der Kamera zeigt (und hier ebenfalls wieder teilweise mit dem Making-Of übereinstimmt) sowie der Original-Videoclip zu „Humans Like You“ von Chop Suey. Leider sind sowohl Teile des Making-Ofs als auch das komplette Interview mit Isabel Coixet nur in Spanisch verfügbar. Es fehlen an diesen Stellen sowohl eine englische oder deutsche Audiospur, wie auch entsprechende Untertitel.

Daten und Fakten: Isabel Coixet „Mein Leben ohne mich“, Universum Film 2004, Laufzeit 102 Min. + 78 Min. Bonusmaterial, EUR 10,95, EAN 8-28765-95579-9.

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