Neil Gaiman „The Absolute Death“

Endlich ist sie da, die lange erwartete Kompilation der wichtigsten und besten Geschichten des berühmtesten Mitglieds der Endless: Death.

In den USA bereits seit einer Woche zu erwerben, ist der Verkauf in Deutschland erst heute offiziell angelaufen. Dank Vorbestellung liegt aber schon ein Exemplar vor mir auf dem Tisch. Schmuck sieht sie aus, die gebundene, übergroße Ausgabe im robusten Schuber. Der Band selbst ist stoffbezogen, mit einem schwarzen Lesebändchen versehen, der Titel ist aufgedruckt, der Buchrücken in Lederoptik gehalten. Auch wenn alles nur Blendwerk ist, die Covergrafik auf der Front des Buches bei mir leicht schief aufgeklebt scheint und das Buch frisch aus China kommt (wonach es auch riecht) – zumindest auf den ersten Blick wird hier Stil bewiesen. Schade, dass es nur low budget-Stil aus Asien ist, der hier teuer verkauft wird. Interessant, dass Amazon bereits eine noch teurere Ausgabe für den Dezember ankündigt.

Inhaltlich hält der Band, was in den Vorankündigungen bereits versprochen worden war (ThanatoBlog berichtete): „Death: The High Cost Of Living“ und „Death: The Time Of Your Life“ (inkl. „Death talks about life“) sind genauso enthalten wie die Sandman-Folgen #8 („The Sound Of Her Wings“) und #20 („Façade“). Darüber hinaus enthält der Band die Geschichten „Death and Venice“ aus dem Werk „Sandman: Endless Nights“, „A Winter’s Tale“ und „The Wheel“.  Auch die angekündigte Einleitung von Amanda Palmer und die Zugaben aus der „Death Gallery“ (insgesamt über 40 Bilder!) sind enthalten. Als Dreingabe gibts dann auch noch eine Zusammenstellung mit dem Titel „The Collectible Death“, in dem Original-Poster, T-Shirt-Drucke, Death-Figuren, Schmuck, u.v.m. vorgestellt werden, sowie das komplette Skript zu Sandman #8, plus weiterer Skizzen und Materialien von Chris Bachalo (darunter der legendäre Eintrag zu Death im „Who’s who in the DC Universe“ #8). Abgeschlossen wird der Band von zwei (!) Nachwörtern des Autors selbst und einer Sammlung der Biographien der wichtigsten Künstler des Bandes.

Die beiden Geschichten „The High Cost Of Living“ und „The Time Of Your Life“ habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich besprochen. Da bis auf kleine Verbesserungen im Lettering keine Veränderungen vorgenommen wurden,  kann ich mich an dieser Stelle auf Überblicke zu den kürzeren, bislang nicht besprochenen Texten beschränken, wobei ich das teils absurde Vorwort von Amanda Palmer, in welchem sie ihre bisherigen Begegnungen mit  Gaiman Revue passieren lässt, absichtlich auslasse.

The Sound Of Her Wings

(Sandman #8)

Zum ersten Mal überhaupt erschien die Figur „Death“ in dieser kurzen Geschichte, die 1989 erstveröffentlicht wurde. Dream, Deaths Bruder, der zu Beginn der Sandman-Serie entführt und gefangengehalten wurde, ist aus seinem Gefängnis entkommen und hat seine Macht wiederhergestellt. Tatsächlich ist er nun mächtiger als zuvor, doch fühlt er sich dennoch unbeschreiblich leer, ausgelaugt und enttäuscht. Anstatt sich besser zu fühlen, nachdem er seine Vendetta gegen seine Entführer zu Ende gebracht hat, sitzt er – sich selbst bemitleidend – herum und weiß nichts mit sich anzufangen.

In dieser Situation taucht seine Schwester auf, die sich bereits Sorgen um ihn gemacht hat. Sie hört sich voller Mitgefühl an, was Dream bedrückt und kann doch nicht anders, als ihn schliesslich als das zu entlarven, was er ist: „You are utterly the stupidest, most self-centered excuse for an anthropomorphic personification on this or any other plane!“ Death kann nicht verstehen, wie ihr Bruder sich so hängen lassen kann, nur weil seine Mission, Rache zu nehmen, erfüllt ist. Stattdessen solle er sich doch einfach eine neue Aufgabe suchen, aber sich nicht selbst bemitleiden. Death nimmt daraufhin ihren Bruder einen Tag lang mit „zur Arbeit“: sie besucht einen alten jüdischen Musiker, eine Stand-Up-Comedian, ein kleines Kind und viele andere Menschen, die an diesem einen Tag ihr Leben zu Ende bringen – und alle, obwohl verwundert oder zunächst erschrocken, finden heraus, dass ihre Existenz, wenn auch in veränderter Form, weitergeht: „So. I’m dead. Now what?“ – „Now’s when you find out.“ Und mit diesen Worten erklingt das Geräusch von Flügeln, der Tote verschwindet zusammen mit Death und Death kehrt wenig später allein zurück. Man sieht nicht genau, was passiert, aber man kann es vermuten.

Im Verlauf dieses Tages wundert sich Dream zusehends über die Menschen, über ihre Furcht vor dem Tod, der Angst davor, in die Sunless Lands (so der Name von Deaths Reich) überzusiedeln, obwohl die Menschen doch auch jede Nacht in sein Reich, das der Träume, eintauchen und dort teils weitaus Schrecklicheres erleben. Er sinniert über das Geschenk des Todes nach und weiß dabei, dass seine Schwester nur ihre natürliche Funktion erfüllt. Sie hat, wie alle der Endless, ihren Zuständigkeitsbereich, ihre Verantwortung – genau wie er selbst. Mit dieser Erinnerung – ich will es nicht „Erkenntnis“ nennen, weil Dream sich diesen Umstand ja nur ins Gedächtnis rufen musste – lichtet sich die Dunkelheit, die auf Dreams Gemüt gelegen hat – er erkennt endlich wieder, was wirklich wichtig ist, und worin seine eigentliche Aufgabe besteht. Ganz so, wie es seine Schwester schon zu Beginn ihrer Begegnung mit ihren Anspielungen auf Mary Poppins versucht hatte. So trennen sich die Geschwister wieder und ein letztes Mal erklingt an diesem Tag des Geräusch von Flügeln.

Façade

(Sandman #20)

Wie grausam Dream, Deaths Bruder und Hauptfigur der ganzen Sandman-Serie, tatsächlich sein kann wird in der kurzen und gradlinigen Episode 20 der Reihe, erstveröffentlicht 1991, deutlich: Urania Blackwell, einst hübsche, blonde CIA Agentin, nach einem Unfall in Ägypten von Ra persönlich in „Element Girl“, je nach Perspektive eine Superheldin oder ein Freak, verwandelt, spricht darüber, wie schrecklich es ist, einen Traum zu haben, in dem alles so normal ist, wie es eigentlich sein sollte und man nach einem solchen Traum zurückkehrt in die kranke, anormale, absurde Realität. Alles ist noch immer genauso schlimm wie vor dem Traum, nein, es ist noch schlimmer. Urania findet ihr Leben – vergessen von der  eigenen Firma und von allen anderen, abgespeist mit einer kleinen Rente, aufgrund ihres Aussehens isoliert von ihren Mitmenschen – dermaßen unerträglich, dass sie sich den Tod wünscht, als Erlösung von ihrer Einsamkeit, ihrem Anderssein. Sie will endlich keine Masken mehr tragen müssen, sie will ein Ende, doch sie weiß nicht wie sie es anstellen soll. Wie tötet man eine göttliche Kriegerin?

Death kommt dann – ohne Witz – eher zufällig vorbei und nimmt sich doch sofort Zeit für Urania, die kurz zuvor bei einem überraschenden Mittagessen mit einer Bekannten sprichtwörtlich ihr Gesicht verloren hat und die deshalb wieder kurz vor einem Zusammenbruch steht. Dieses Verhalten Deaths ist ein weiterer Beweis für die durchweg positive Gesinnung, die der personifizierte Tod bei Gaiman immer wieder gegenüber den Sterblichen an den Tag legt und die von mir schon in der Vergangenheit genauer untersucht worden ist. Doch genau aus dieser Einstellung heraus verweigert Death Urania die erhoffte Erlösung. So einfach macht sie es der Verzweifelten nicht. Stattdessen erklärt die Endless der jungen Frau erst einmal, was Menschen gerne falsch machen: Death weiß besser als jeder andere, dass es die Menschen selbst sind, die sich ihre Hölle auf Erden erschaffen und dass es oft schon ein Anfang ist, seine persönliche Einstellung, seine Perspektive auf die Dinge zu verändern, um diese Hölle wieder verschwinden zu lassen. Sie weiß auch von der Eigenart zu berichten, dass Menschen sich immer wieder verzweifelt dagegen wehren, sich zu verändern, oder Veränderungen zu akzeptieren, obwohl das doch viel natürlicher wäre – und gesünder. Alle diese Hinweise zielen darauf ab, Urania noch einmal zum Überdenken ihres Wunsches zu bewegen, ihr Möglichkeiten aufzuzeigen, wie auch aus ihrer aktuellen Situation heraus das Leben noch lebenswert sein kann. Ein Tod der für das Leben streitet, wieder ein Motiv, das wir von Gaiman schon kennen.

Allerdings: Alle Hinweise und Aufklärungsarbeit sind umsonst. Death muss weiterhin den unbändigen Willen Uranias zum Tod anerkennen, und so zeigt sie ihr schließlich doch noch einen Weg auf, ihr Ende zu finden – sofern sie es wirklich wolle. Dieses Ende kommt dann aber ohne jegliches zutun der Endless. Denn auch dieser Satz stammt aus Deaths Mund: „Your life is your own…, so is your death.“

[Fortsetzung vom 21.10.09]

A Winter’s Tale

(Winter’s Edge #2)

Hat der Leser in den bisherigen Geschichten eher eine Death kennengelernt, die sich vornehmlich um andere kümmert, sich mit deren Sorgen befasst und versucht, ihnen die Angst zu nehmen, so erlebt er in der kurzen Wintergeschichte eine andere Facette des Charakters. Hier wird offenbart, dass auch Death eine sehr introspektive Seite hat und nicht immer so selbstsicher und mit ihrer Aufgabe zufrieden war.

Im Laufe eines winterlichen Spazierganges – durch eine raue, kalte, düstere Welt voller Todessymbolik – erzählt die Figur von ihren Anfängen, der Aufregung, die herrschte, als der Tod noch etwas Neues war, der später zunehmenden Furcht und dem Hass, der ihr immer heftiger entgegenschlug, wenn sie ihrer Arbeit nachging. Sie berichtet von ihren Selbstzweifeln, davon wie die Belastung sie immer mehr angriff – das klassische Motiv der Nicht-Wertschätzung der eigenen Arbeit durch jene, denen man damit doch eigentlich helfen will. Und wie viele andere, die durch ein solches Verhalten der Mitmenschen irgendwann die Lust an ihrer Arbeit verlieren und einfach nur aussteigen wollen, stieg auch Death aus – hörte irgendwann einfach auf, ihre Aufgabe zu erfüllen und stürzte damit die Welt ins Chaos (ganz ähnliche Geschichten von einer Arbeitspause des Todes haben später auch Terry Pratchett, aber auch José Saramago erzählt). Zwar nahm Death ihre Pflichten dann doch wieder auf, doch waren es eben nur Pflichten. Was fehlte, war die richtige Einstellung zur Arbeit, das Gefühl, dass sie trotz allem Sinn ergab.

Diesen Sinn fand Death erst wieder, als sie, inspiriert von einer Toten („How would you like it?“), den Beschluss fast, selbst für einen Tag als Sterbliche unter Sterblichen zu wandeln, das Leben kennenzulernen und am Ende den Tod zu erleiden. Diese Erfahrung hat sie maßgeblich verändert. Sie erkennt, warum die Menschen ihr alle so negativ gegenüberstehen: „You see, when somone’s died, mostly they’re a bit shaken, or hurt, or angry, or worse. And all they need is a kind word, and a friendly face.“ Daraufhin ändert die Endless ihr Verhalten gegenüber den gerade Verstorbenen und bemerkt sofort die Veränderung. Nach ihrem ersten Erlebnis dieser Art macht sie ihrem alten Ich den garaus und nimmt sich vor diese Mahnung  nun in einem festen Rhythmus zu wiederholen. Der Grundstein für ihre Erfahrungen mit Sterblichen, wie sie etwa auch in „The High Cost of Living“ beschrieben werden, ist gelegt. Und zugleich ist wieder einmal eine positive Aufforderung an den Leser ergangen, sich selbst zu prüfen, denn er ist dafür, wie er sein Leben und seine Arbeit empfindet, selbst verantwortlich.

The Wheel

(9-11 …)

Der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York im September 2001 hat in der amerikanischen Gesellschaft und Psyche deutliche Spuren hinterlassen. „God’s own country“ wurde durch das Werk einiger weniger Männer verwundet und erschüttert, die binnen weniger Augenblicke ca. 3000 Menschen töteten. Ganz selbstverständlich ist die Frage „Wie konnte das passieren?“ Und speziell gläubige Menschen, von denen es in den USA noch immer genug gibt, mussten sich fragen „Wie konnte Gott soetwas zulassen?“ Das klassische Theodizee-Problem.

Auch der junge Matt, der bei dem Anschlag seine Mutter verloren hat, stellt sich diese Frage – und er will eine Antwort, von Gott. Deshalb will er diesem persönlich gegenübertreten, was, so glaubt er, nur gelingen kann, wenn er sich selber tötet. Also klettert er nachts in einem Vergnügungspark auf das Riesenrad, von dem er sich herunterstürzen will (wieso er gerade diesen Ort wählt, wird am Ende der Geschichte enthüllt werden), im Hintergrund ist die Staubwolke zu sehen, die noch immer über Ground Zero liegt, doch bevor er springen kann, taucht eine Gestalt neben ihm auf… Destruction, Deaths Bruder. Dieser verwickelt Matt in ein Gespräch und bekommt schließlich Unterstützung von seiner Schwester; gemeinsam versuchen sie Matts Fragen zu beantworten, vor allem seine wichtigste: „Then what’s the point of anything?“ Die Antwort ist so knapp wie faszinierend, und sie kommt von Death höchstselbst (man achte auf die darin steckende Symbolik): „Do what you can to leave the world a better place.“

Die Parallelen dieser kurzen Geschichte zu „The High Cost Of Living“ sind unübersehbar, die Aussage im Kern dieselbe: Das Leben ist hart, das Leben wird eines Tages enden – aber Du hast die Möglichkeit das Beste daraus zu machen. Nur dass diese Botschaft in „The Wheel“ neu verpackt wurde, speziell um die Hinterbliebenen und vielleicht die ganzen USA nach den Anschlägen dabei zu unterstützen, zu trauern, zu trösten und zu verstehen. Aufgrund dieses doch sehr viel spezifischeren Publikums allein ist auch nur zu erklären, wieso diese Geschichte eine klare Anspielung auf die de facto Existenz Gottes enthält. Etwas, dass in den anderen Episoden bislang nicht auffiel. Es ist eben eine allgemeine Geschichte für Amerikaner, die sich gerade angesichts der gerade erlebten Ereignisse noch mehr als Amerikaner fühlen, als sonst sowieso schon.

Death and Venice

(Endless Nights)

Obwohl der Titel dieser letzten Geschichte sofort an Thomas Manns „Tod in Venedig“ erinnert, halten sich die Parallelen zwischen beiden Erzählungen doch sehr in Grenzen. Die größte Gemeinsamkeit bleibt noch der Ort des Geschehens, der hier sehr düster gezeichnet wird, zumindest in der Geschichte von Sergei – denn, das sollte man vielleicht von Anfang an herausstellen: „Death and Venice“ besteht eigentlich aus zwei Geschichten, der von Sergei, der in unserer Gegenwart in das Venedig seiner Kindheit zurückkehrt, und jener von Alain, einem Grafen, der im 18. Jh. sein Leben auf einer Insel in der Lagune Venedigs verbringt. Scheinen diese beiden Geschichten zu Beginn nur nebeneinander und abwechselnd erzählt zu werden, ergibt sich später ein unmittelbarer Zusammenhang, der hier aber nicht aufgedeckt werden soll – das würde der komplexen Erzähltechnik nicht gerecht.

Es lässt sich aber soviel sagen, dass in den beiden Protagonisten, ihren Gegensätzen und ihrer jeweiligen Beziehung zu Death das zentrale Merkmal der Geschichte zu suchen ist: der eine, Sergei, hat sich in seiner Kindheit in den Tod verliebt, als er ihm beim Spielen flüchtig begegnete und hat schließlich das Töten selbst zu seinem Beruf gemacht; der andere, Alain, hat eine solche Furcht vor dem Tod, dass er alles unternimmt, ja mittels Magie und Alchemie sogar die Zeit höchstselbst von seiner Insel aussperrt, um von Death verschont zu bleiben. Während Sergei sein Leben dementsprechend hasst, zunehmend die negativen Seiten der Menschen bemerkt, einsam und grübelnd durch die Welt geht, vergnügt sich Alain nach Kräften: auf seiner Insel wird gesündigt und ausschweifend gefeiert – die Größe der Dekadenz eröffnet sich schon auf den ersten Seiten, auf denen der Graf seinen eigenen Tod durch einen Elefanten in Szene setzt, während er sich mit zwei Jungfrauen im Bett vergnügt.

Nur langsam ergibt sich der Zusammenhang zwischen den Geschichten, dessen Schlüssel natürlich Death höchstselbst ist. Wortkarg ist sie in dieser Geschichte, teils kühl und distanziert – dennoch sind ihre Motive so aufrichtig wie eh und je. Man erkennt ihre Liebe zu den Menschen selbst durch die Strenge hindurch und so wirkt sie auf dem Höhepunkt der Geschichte wie eine Gouvernante oder auch eine Mutter, die – obwohl sie böse mit ihren Zöglingen ist – doch nur Gutes will. Auch in dieser Episode behält Death also ihren Charakter bei.

Fazit

Alles in allem beweist dieser Band noch einmal die wundervolle Kreativität des Autors und der Zeichner, die die Sandman-Reihe inkl. der Figur Death erschaffen haben. Obwohl sich die Graphic Novels an jeder Ecke bei klassischen Motiven bedienen (das Anch, der Sandmann, die Geschwisterschaft von Hypnos und Thanatos, die Parallelität beider Figuren, usw.) werden die einzelnen Komponenten zu etwas völlig Neuem, einem eigenständigen, modernen  Mythos verwoben. Zwar nimmt auch dieser neue Mythos nur die alten existentiellen Fragen auf (Was ist wirklich wichtig im Leben? Wie sollte ich mein Leben führen? Muss ich Angst vor dem Tod haben? usw.), doch die Antworten sind eben Antworten des 20. Jahrhunderts. Moderne Antworten. Sich an diesen Antworten abzuarbeiten, seine eigene Meinung zu finden, sich über sein eigenes Leben und seine Gestaltung, aber auch seine Sinnhaftigkeit selber bewusst zu werden ist damit wohl eines der primären Ziele dieses Bandes, ja der gesamten Geschichten um die Figur Death.

Dabei behält die Figur – trotz aller optischen Veränderungen und Varianten – ihren ganz eigenen Charakter stets bei. Mit der Wintergeschichte erfahren wir sogar, wodurch dieser Charakter geprägt wurde und wie er entstanden ist. Egal wie Death aussieht, wie sie ihre Haare trägt, sich kleidet oder welchen Stil sie repräsentiert (vom Rokokokleid mit Katzenmaske, über das berühmte, 80er Jahre-Goth-Outfit bis hin zur modernen Kurzhaarschnitt-Version der Gegenwart ist alles vertreten) man erkennt sie sofort. Allein die Umsetzung der Varianten durch die Zeichner ist gewöhnungsbedürftig, so etwa die unsäglichen Fingernägel in „The Sound Of Her Wings“ oder die doch sehr zierlich-mädchenhafte Version an der Chris Bachalo sich für „The Wheel“ versucht hat und die mir gar nicht gefiel. Gewöhnungssache sicherlich, doch den Geschichten und ihren Botschaften tut dies keinen Abbruch.

Schließlich finden sich im künstlerischen Anhang und Sammelsurium noch unzählige Variationen, von denen man sich die herauspicken kann, die dem eigenen ästhetischen Empfinden am nächsten kommen. Besondere Perlen darunter sind etwa Arthur Adams Visualisierung des Aussterbens der Dinosaurier (S. 284) oder Colleen Dorans Darstellung von Death in einem deutschen KZ (S. 287) aber auch die realistischen Inszenierungen, wie etwa die von Jon J. Muth (S. 290). Zu den Darstellungen und Zeichenstilen von „The High Cost Of Living“ und „The Time Of Your Life“ habe ich mich schon an anderer Stelle geäußert.

Es bleibt mir nur, diesen Band allen Fans von Neil Gaiman und insbesondere den Fans seiner Sandmann Reihe, vor allen anderen aber natürlich den Fans der Figur „Death“ uneingeschränkt zu empfehlen. Es lohnt sich diesen Band zu lesen und für viele wird es sich sicher auch  lohnen, ein Exemplar – ob als Referenz oder Inspiration – im eigenen Regal verwahrt zu wissen.

Zuletzt noch ein Hinweis in eigener Sache: Alle Death-Zitate, die auf ThanatoBlog und Thanatologie.Net verwendet werden, werden in Zukunft einheitlich nach dem vorliegenden Band angegeben. Die entsprechenden Änderungen, die z.B. in der Zitatesammlung notwendig sind, werden baldmöglichst vorgenommen.

Daten und Fakten: The Absolute Death. Written by Neil Gaiman.  Illustrated by Chris Bachalo, Mark Buckingham, Mike Dringenberg, Colleen Doran, P. Craig Russell, Malcom Jones III, Mark Pennington, Dave McKean, Jeffrey Jones. Introduced by Amanda Palmer. New York: DC Comics/Vertigo 2009. Hardcover,   360 S. , ca. $ 99,99 , ISBN 978-1-401224639.

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Ein Gedanke zu „Neil Gaiman „The Absolute Death“

  1. Fleure85

    Laaaaaange Rezension, aber 360 Seiten beansspruchen wohl auch einigen Platz 🙂 Es regt zum lesen an, wie immer 🙂 Sollte mir das Buch wohl echt mal besorgen, aber 100$ sind auch ein stolzer Preis…

    Antwort

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