Thomas Wiens „Unternehmen Tod“

In der Geschichte der phantastischen Literatur haben sich nur wenige Autoren überhaupt daran versucht, eine Geschichte zu erzählen, in welcher der personifizierte Tod eine zentrale Rolle einnimmt. Einer noch geringeren Anzahl an Schriftstellern war es vergönnt, originelle Erzählungen dieser Art zu schreiben. Zu dieser Handvoll gehören sicherlich Terry Pratchett, Neil Gaiman, Christopher Moore aber auch Piers Anthony. Ihnen allen ist gemein, dass sie schlaue Abenteuer erzählen, die fast immer auch mit einer guten Prise Lebensweisheit hinsichtlich des Todes gespickt sind. In den Texten dieser Schreiber ist der Tod nicht nur Figur, sondern gleichzeitig ein Problem, an dem man sich abarbeiten muss – emotional, moralisch, erkenntnistheoretisch, usw. Deshalb macht es Spaß, diese Geschichten zu lesen: Sie sind eine Herausforderung und machen nachdenklich, egal wie lustig oder spannend es wird.

Leider gehört Thomas Wiens nicht zur Gruppe dieser großen Autoren. Kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Es ist fraglich, ob „Unternehmen Tod“ sein Geld überhaupt wert ist. Dieses Urteil stützt sich dabei nicht nur auf die formalen Aspekte wie das Buchcover, dass sich gern fast vollständig aufrollt, oder die Unmengen an Rechtschreibfehlern im Text, die den Eindruck erwecken, die einzige Korrektur, die überhaupt durchgeführt wurde, war die automatisierte Rechtschreibprüfung des verwendeten Textverarbeitungsprogramms. Nein, es ist vor allem auch der Inhalt, die Handlung, die Figuren, die am Ende die Frage aufkommen lassen: Was sollte das eigentlich?

Dabei ist eine Antwort auf diese Frage durchaus schnell gefunden: Das Buch ist, wenn man sich an den vielen orthographischen Stolperfallen nicht sonderlich stört, ein folgenloser Zeitvertreib. Einfache Unterhaltung zum Abschalten. Eine unkomplizierte Handlung, recht platte aber überzeichnete Charaktere und ein sehr profaner Schreibstil machen es leicht, die Seiten eine nach der anderen schnell umzublättern. Nur die Langeweile, die vor allem zu Beginn aus dem Buch förmlich heraustropft, die macht es einem schwer. Beinahe hätte ich das Buch nach den ersten 50 Seiten beiseite gelegt.

Dabei scheint Wiens doch alles richtig zu machen: Er hält sich sklavisch an die Rezeptur, die Terry Pratchett vor ihm zum Erfolg geführt hat. Vielleicht hält er sich sogar zu sehr daran? Gerade der Anfang der Geschichte ruft dermaßen viele Erinnerungen an die Geschichten um Pratchetts Tod wach, dass ich schon glaubte, ich hielte eine bislang unveröffentlichte Geschichte des Kultautors in meinen Händen, oder – angesichts des doch merklich schlechteren Stils – zumindest Fanfiction, die sich auf Morts Lehrmeister bezieht. Da wären die monochrome Gestaltung von Tods Reich, ein im Haushalt wohnender, schrulliger, vor langer Zeit verstorbener Zauberer, die überdurchschnittliche Körpergröße Tods, seine leuchtenden Augen, die Todes-Sensibilität von Hexen, die Anspielungen auf andere Filme der Popkultur (hier u.a. Kubricks „Odyssee“ und Monty Pythons „Der Sinn des Lebens“ ), usw. usf. Auch die zunehmend häufiger auftauchenden Fußnoten sind typischer Pratchett-Stil.  Nur an wenigen Stellen trifft man überhaupt auf Neuerungen. So hat Wiens es geschafft, Sanduhren und Lebensbücher zugunsten vollkommen künstlicher, deplatziert wirkendener „Lebenskugeln“ verschwinden zu lassen. Auch ist die zeitliche und räumliche Platzierung immerhin eine andere: Ganz offensichtlich spielt Wiens Geschichte in unserer modernen Gegenwart und nicht auf einer mittelalterlichen Parallelwelt. Schließlich ist auch die Grundidee des Romans, dem Tod eine Unternehmensberatung ins Haus zu schicken, etwas Neues, das ich so noch nicht gelesen habe. Dennoch: Insgesamt bleibt der Originalitätsgrad der Erzählung deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Zudem braucht die Geschichte sehr lange, bis sie erst mal in Fahrt kommt. Der Anfang wirkt zäh und flapsig, macht kaum Lust aufs Weiterlesen. Vieles ist schon von vorneherein absehbar, wirklich interessante Fragen hinsichtlich des Fortgangs der Handlung stellt man sich erst ab der Mitte des Buches, wenn nicht noch später. Die Grundstruktur der Geschichte wird hingegen so früh deutlich, dass es wiederum langweilig wird. Alle Konflikte liegen sehr bald offen zu Tage – banale Angelegenheiten nach einem simplen Schwarz-Weiß-Schema gestrickt: die bösen, geldgierigen Unternehmensberater machen gemeinsame Sache mit dem ebenso raffgierigen „Hohen Rat“, um Tod seinen vermeintlichen Reichtum aus der Tasche zu ziehen. Natürlich wehrt sichTod gegen jede Einmischung in sein Traditionsunternehmen und taktiert mit der vermeintlichen Gerissenheit eines Schachspielers, wobei er von seinen Mitarbeitern bedingungslos unterstützt wird. Allein zahlenmäßig sind die „Mehr-als-ehrenwerten-Herren“ in der Unterzahl, dazu in der Mehrheit nicht sonderlich schlau und was ihre Pläne und Vorstellungen angeht, voll auf dem Holzweg. Wie kommt man eigentlich auf die total irrsinnige Idee, als normalsterblicher Unternehmensberater den Tod betrügen zu wollen, um an dessen Schätze zu gelangen? Gibt es keine leichteren und ungefährlicheren Wege, zu Geld zu kommen? Wie gelangen die „Nadelstreifen“ überhaupt an den Hohen Rat? Woher wissen sie überhaupt von dessen Existenz – wenn selbst Tod bei seiner Arbeit lieber unsichtbar bleibt? Überzeugend ist diese Geschichte zu keinem Zeitpunkt.

Wenn dann auch noch der Humor auf der Strecke bleibt, Götter und Zufall gegen Ende die Handlungen beeinflussen und schließlich sogar das verdiente Ende der Unternehmensberater – wieso bloß? – in ein familienfreundlicheres Finale umgewandelt wird, dann hat das Buch wirklich keine positive Bewertung verdient – zumal für den Preis deutlich bessere Unterhaltung auf dem Markt existiert. Hoffen wir, dass dieser Ausflug Wiens in die Welt des Todes der einzige bleibt und bald wieder vergessen ist. „Keine Diskussion.“

Daten und Fakten: Thomas Wiens: Unternehmen Tod. Fantasy-Roman. Norderstedt: Books on demand, 2007. Softcover,   246 S. , € 14,95 , ISBN 978-3837013511.

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Ein Gedanke zu „Thomas Wiens „Unternehmen Tod“

  1. fleure85

    Wow, endlich mal ein Verriss 🙂 Gefällt mir… Mehr gibts wohl nicht zu sagen, kann ja schlecht behaupten, dass ich es trotzdem lesen werde, inzwischen verlasse ich mich ja viel zu oft auf dein Urteil…

    Antwort

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