Julius Müller – Sammelsurien eines Bestatters

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Dieses alte Klischee funktioniert auch heute noch einwandfrei. Ob Nina Ruzicka, die mit ihrem „thanatologischen Slapstick“ Der Tod und das Mädchen einen beachtenswerten Erfolg erzielt hat, oder eben Julius Müller: einem Wiener kauft man die Verbundenheit zur morbiden Seite des Menschseins eben leichter ab. Einem Bestatter sowieso und einem amtlichen, der bei der Städtischen Wiener Bestattung seine Berufserfahrungen gesammelt hat, erst recht. Wer eignet sich besser, als ein solcher Experte? Aus fachlicher Perspektive möglicherweise niemand, so sollte der Satz wohl weitergehen. Doch leider ist dem nicht unbedingt so.

Julius Müller, seines Zeichens Amtsrat i.R., ist aus bundesdeutscher Sicht sicherlich ein Kuriosum. Hierzulande sind städtische Bestattungen zur Seltenheit geworden. Private Unternehmen übernehmen hier in der Regel die Aufgabe, die letzte Reise eines Verstorbenen vom Totenbett ins Grab zu organisieren. Nicht so in Wien. Dort gibt es noch einen offensichtlich wunderbar bürokratischen, öffentlichen Apparat, der diese Aufgabe übernimmt. In dieser Institution hat Julius Müller dann auch den Großteil seines Berufslebens verbracht, nachdem seine Karriere bei Gericht nicht richtig zünden wollte. Aus diesem Berufsleben als Bestatter und später Bestatterausbilder plaudert Herr Müller in inzwischen zwei Buchbänden: „Man stirbt nur einmal“ (2005) und „Es ist fast ein Vergnügen zu sterben“ (2008).

Um es vorweg zu schicken: Ein Buch hätte gereicht. Schon allein aufgrund der unzähligen Redundanzen, die sich im zweiten Band finden. Führt uns Müller schon im ersten Büchlein in die Prozeduren der Wiener Bestattung ein, zeigt er uns dort schon seine Lieblingsfriedhöfe, erzählt er an dieser Stelle schon unzählige Male von seinem Liebling Joseph II., der mit allerhand kuriosen Dekreten das Land regierte, so wiederholt er das meiste davon im zweiten Band nocheinmal. Neu verpackt, mit einigen wenigen zusätzlichen Details – zugegeben. Aber deswegen einen neuen Band zu drucken, erscheint mir eine rein ökonomische Erwägung (möglicherweise des Verlages) gewesen zu sein.

Der interessierte Laie erfährt in den Bändchen das ein oder andere Neue, der in der Thematik Vertiefte wird fast ausschließlich Bekanntes wiederfinden. Viele der Zitate, die Müller anführt, sind weit verbreitet, seine Sammlung von Partezetteln (zu deutsch: Todesanzeigen) ist teils sogar aus den bekannten Editionen abgeschrieben (vgl. auch die Literaturangaben am Ende des ersten Bandes).  Insgesamt sind die Büchlein (besonders das erste) ohne erkennbare Systematik und Zusammenhang. Es ist tatsächlich eine Sammlung rein persönlicher Eindrücke. Anekdoten, wie der Großvater sie aus seinem Leben erzählen würde. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung fehlt. Sie soll auch gar nicht geleistet werden.

Stattdessen erhält der Leser von allem nur einen sehr flüchtigen Überblick, fast verhuscht. Da werden Benimm-Regeln für Bestatter abgedruckt (von 1971), die größtenteils in jedem Knigge stehen könnten und selbstverständlich sein sollten; da werden Lieblingsfriedhöfe vorgestellt, auf wenigen Seiten ein paar zusammengewürfelte Grabinschriften, Partezettel und berühmte letzte Worte aufgelistet – ohne in irgendeinen Bereich tiefer einzutauchen oder zu begründen, warum ausgerechnet diese Beispiele gewählt wurden.  Der interessanteste Teil findet sich aber dort, wo Müller über die österreichische Grenze hinüberblickt. In dieser Beziehung offenbart er eine gewisse konservative Naivität, eine Kritiklosigkeit gegenüber Medien, die zu denken gibt. So stellt er etwa die Seebestattung als Kuriosum dar: „In einigen Ländern, …, ist bereits die Seebstattung möglich.“ (I, 45) Er zitiert den „Playboy“, um auf Shoemakers Mondbestattung zu verweisen, oder die Wiener Kronenzeitung, die gemeinhin eher als Boulevardblatt gilt. Er schreibt zweideutig über die kulturellen Unterschiede in Mexico (II, 57). Ohne Kommentare, ohne weitere Recherchen werden Zeitungsmeldungen übernommen. Dies gilt für Berichte über Bestattungformen genauso wie für die kuriosen „juristischen Leichen“. Eingestreut immer wieder Anekdoten, die dem Autor wohl gerade spontan eingefallen waren. Ein Habitus, der sich auch im „Alphabet der letzten Dinge“ manifestiert.

Dieser lexikalische Teil ist noch der strukturierteste im ganzen Werk. Und dennoch… Die Lemmata wirken teils konstruiert, um ein möglichst vollständiges ABC abbilden zu können (vgl. Band I: „Oh, Du lieber Augustin“ unter O, während der lexikalische Eintrag die Figur des Augustin behandelt, oder auch das Lemma X im ersten Band, usw.). Noch deutlicher wird dies im zweiten Band, wo die Themen des ersten Bandes nun in das Alphabet eingefügt werden, z.B. die Liste neuer Grabinschriften von Verboten (vgl. juristische Leichen im ersten Band) oder die Vorstellung weiterer interessanter Friedhöfe (z.B. der Hundsturner Friedhof). Hinzu kommen Belehrungen, bei denen der Autor ein Zielpublikum jenseits der 50 im Auge gehabt haben muss (wofür übrigens auch viele andere Stellen sprechen). So finden sich im ABC der letzten Dinge allgemeine Informationen über das Internet und seine Bedeutung für die Gegenwart, inkl. einer Statistik über die Verteilung von Suchanfragen auf unterschiedliche Suchmaschinen aus dem Jahr 2007. Wozu? Die Ars moriendi werden zu allem Überfluss dann noch unter „Memento mori“ versteckt… Alles in allem lässt sich dieses ABC der letzten Dinge nur sehr spärlich „gebrauchen“. Zu groß die Redundanzen, zu unpräzise die dargebotene Information.

Immerhin folgt dem zweiten Alphabet ein deutlich stärkeres Kapitel über verschiedene, sehenswerte Friedhöfe, das wirklich Lust macht, diese Orte einmal zu besuchen. Hier werden allerdings ebenfalls teilweise Informationen aus dem ersten Band wiederholt. Etwas systematischer, aber es bleibt eine Wiederholung, so etwa zum Hamburger Friedhof Ohlsdorf, den der Leser schon im ersten Band ausführlich kennengelernt hat. Richtig interessant wird dann aber nocheinmal das Ende des zweiten Bandes, an dem Müller die Frage aufwirft: „Der Totengräber – ein unehrenhafter Beruf?“. Hier gibt der Autor auf knapp acht Seiten einen guten kulturhistorischen Abriß über die Entwicklung dieses Berufsstands und -bildes.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Büchlein, so kurzweilig sie auch sein mögen, sind eindeutig nur für Laien und Neugierige gedacht, die sich leicht von Kuriositäten beeindrucken lassen. Fachleute bzw. halbwegs Interessierte werden kaum Neues für sich entdecken und sollten sich die Anschaffung auch hinsichtlich der vielen Redundanzen und des doch sehr hohen Preises beider Büchlein sparen.

Daten und Fakten: [1] Julius Müller: Man stirbt nur einmal. Heitere Geschichten übers Grab hinaus. Mit einem Alphabet der letzten Dinge. Wien: Seifert, 3. A., 2008. Hardcover, 176 S., € 19,90, ISBN 978-3902406309. [2] Julius Müller: Es ist fast ein Vergnügen zu sterben. Besinnliches und Heiteres über das Ende alles Irdischen. Wien: Seifert, 2. A. 2009. Hardcover, 189 S., € 19,90, ISBN 978-3902406590.

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Ein Gedanke zu „Julius Müller – Sammelsurien eines Bestatters

  1. fleure85

    klingt nach einem Buch für mich 😛 außerdem muss ja nicht jeder gleich an der Thematik interessiert sein, das Buch scheint doch seine Daseinsberechtigung zu haben! Mit chaotischen Texten kommen auch einige Menschen besser klar als andere…

    Trotzdem werd ichs wohl nicht lese, zu niederschmetternd deine Kritik… Buchtechnisch fasse ich langsam vertrauen in dich, wenn man mal von Saramago absieht…

    Antwort

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