Martha Wells „Necromancer“

Nicht immer hat man Lust, hochkomplex konstruierte oder unendlich tiefsinnige Geschichten zu lesen. Manchmal muss es auch mal leichte Unterhaltung sein. Wenn diese dann aber doch thematisch interessant sein soll, muss man sehr sorgfältig suchen. Phantastische Geschichten beschäftigen sich viel lieber mit schrecklichen Monstern, Elfen, Zwergen und Drachen, als mit der dunkleren Seite des Lebens. Zentraler Fokus vieler Fantasy-Romane sind epische Schicksale und Schlachten, die in den schillerndsten Farben gezeichnet werden. Phasen der Dunkelheit sind meist nur Zwischensequenzen, die es zu überbrücken gilt, will der Held ein strahlender werden. Wenn überhaupt, so spielen Untote oft nur den Part des moralisch einwandfreien Gegners des oder der Helden – zumeist in der Nebenrolle, wobei es dann eigentlich um etwas ganz anderes geht: Macht, Herrschaft, Schätze, usw. usf.

Wenn man aber nun schon auf der Suche nach einer düsteren Geschichte ist, was läge näher, als sich zunächst am Titel und an der Umschlaggestaltung des Buches zu orientieren? Martha Wells hat  ihr Buch „Necromancer“ genannt, im englischen Original sogar eigentlich „The Death of the Necromancer„, und damit hat sie, wie sich später herausstellt, tatsächlich das Programm ihres Romans wunderbar zusammengefasst. Ein Glücksfall, denn besonders deutsche Titel von fremdsprachigen Romanen sind oft nur Schatten des Originals, oder gar völlig frei erfunden. Auch der Umschlag kommt düster daher, zumindest in der zweiten Taschenbuchauflage (mass market) sogar sehr düster: mit schwarzem Hintergrund und einer grässlichen Fratze, die allerdings dank der langen Fangzähne eher den Eindruck eines Vampirs macht, was evtl. enttäuschend sein könnte, denn Vampire kommen in der Geschichte nun gar nicht vor. Für mich persönlich war dies eine Erleichterung, denn Vampirgeschichten gibt es derzeit nun wahrlich genug auf dem Markt. Liest man nun noch den Klappentext, indem von einer „atemberaubenden[n] Mischung aus Fantasy und Horror“ berichtet wird, „in einem Land, in dem die Magie Teil des täglichen Lebens ist“, so verdichtet sich der Eindruck einer düsteren High-Fantasy.

Dieser Eindruck wird allerdings später teilweise revidiert werden müssen. Speziell, was den Anteil an Magie im Alltag betrifft. Zwar ist die Geschichte tatsächlich düster, Zauberer gibt es an jeder Ecke und natürlich auch im Staatsdienst, inkl. eigener offizieller Zauberer-Universität und teils doch sehr mächtiger Zaubersprüche, doch man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Magie in Ile-Rien, so der Name des oben schon erwähnten Landes, auf dem Rückzug ist. Magie kommt im Alltag vor allem bei der Sicherung von Grundstücken zum Einsatz: Sogenannte „Hüter“ tauchen als Form der magischen Alarmanlage ständig in der Geschichte auf, doch ansonsten beschränkt sich das thaumaturgische Repertoire hauptsächlich auf Flüche und Kampfzauber. Magie also, die im Alltag eigentlich nicht so häufig vorkommen sollte. Tatsächlich ist der Großteil der Geschichte eher profane Detective-Story – mit magischen Einschlägen. Aber worum geht es denn nun eigentlich?

Achtung, es folgen Spoiler!

Nicholas Valiarde, unsere Hauptfigur, ist ein Gentleman-Dieb, oder so könnte man denken. Manchmal möchte man ihm auch das Prädikat „Dandy“ geben. Im bürgerlichen Leben Kunsthändler, der vom Erbe seines Vaters lebt und dabei einen gehobenen Lebensstil pflegt, führt er ein Doppelleben als Donatien, zwielichtige Unterweltfigur und Meisterdieb. Unterstüzt von der schönen, geheimnisvollen und natürlich in magischen Dingen bewanderten Schauspielerin Madeleine, vom homosexuellen Ex-Offizier Reynard, vom einst mächtigen, aber inzwischen von seiner Opiumsucht deutlich geschwächten Magier Arisilde und einigen weiteren Handlangern, verfolgt Valiarde mit seinem Handwerk vor allem ein Ziel: Seinen Stiefvater Edouard zu rächen, welcher von dessen früherem Förderer Count Montesq einst verleumdet und daraufhin hingerichtet wurde. Der Vorwurf: Edouard, seines Zeichens „Naturphilosoph“, habe mittels eines von ihm entwickelten, technischen Apparates Nekromantie betrieben – ein schweres Vergehen, selbst in einer so von Magie durchsetzen Stadt wie Vienne.  Zwar wurde Edouard postum rehabilitiert, doch was nutzt einem Hingerichteten die nachträgliche Entlastung?  Der Wunsch nach Vergeltung für dieses Fehlurteil bestimmt den einen zentralen Handlungsfaden, der sich durch die Geschichte zieht.

Ein zweiter Handlungsfaden hat zunächst gar nichts mit Valiarde und seinen Machenschaften zu tun, oder so scheint es: Der vor zweihundert Jahren ebenfalls wegen Nekromantie (dieses Mal aber gerechtfertigterweise) hingerichtete Constat Macob hat seinen physischen Tod anscheinend überdauert und im Spiritisten Dr. Octave eine Möglichkeit gefunden, mit der Welt der Lebenden zu kommunizieren. Mit dem eher schwach talentierten und eigentlich nur auf das schnelle Geld fixierten Octave als Komplizen bereitet er seine Rückkehr ins Diesseits vor, natürlich mittels übler nekromantischer Praktiken, für die so einige Unschuldige ihr Leben lassen müssen. Nur durch Zufall geraten Valiarde und seine Freunde in diesen Handlungsfaden, als sie eines Nachts in den selben Keller einbrechen, in den auch Macob bzw. Octave einsteigen. Valiarde entdeckt eine geheimnisvolle, leergeräumte Kammer und wird von einem Gehilfen des Nekromanten, einem Ghul, angegriffen, kommt aber noch mit dem Schrecken davon. Überraschenderweise taucht jedoch noch in der selben Nacht Octave in Coldcourt, Valiardes Anwesen, auf. Er hat den Verdacht, dass der Dieb etwas vom Plan Macobs entdeckt hat, bzw. etwas weiß, was er nicht wissen sollte. Zum Leidwesen des Spiritisten – und später auch des Nekromanten – ist es aber gerade dieser späte Besuch, der Valiarde davon überzeugt, der Sache genauer nachzugehen.

Was nun folgt ist eine zunächst sehr träge, sich später aber deutlich verbessernde Geschichte in einem französisch inspirierten, frühen 19. Jahrhundert (mit interessanten Bräuchen, vgl. die öffentliche Aufbahrung unidentifizierbarer Toter, S. 82), angereichert mit Elementen aus den anderen Ile-Rien-Romanen (etwa den Fay), die etwa nach zwei Dritteln ihren Höhepunkt erreicht und auch bis fast zum Schluss spannend bleibt, wo mir die Überwindung Macobs doch ein wenig zu einfach erschien. Das mag aber vor allem auf zwei Aspekte zurückzuführen sein: Erstens handelt es sich bei der Gruppe von Helden, die sich hier einem übermächtigen Feind stellt, um größtenteils langjährige Freunde, die schon einiges miteinander durchgestanden haben und daher extrem eingespielt sind. Zweitens benutzen diese Charaktere in der Regel tatsächlich ihren Kopf bevor sie ihre Waffen benutzen! Ja, die Autorin hat intelligente, planende, vorausschauende Protagonisten geschaffen, die sich Gedanken machen, Risiken abwägen und sich immer der Situation angepasst verhalten. Überraschungen sind daher selten, können immer irgendwie durch einen Plan B oder einen Geistesblitz aufgefangen werden und wenn alle Stricke reißen, hilft dann doch noch die Intuition, die ein erstaunlich guter Ratgeber zu sein scheint. Bei allem Respekt davor, dass Helden auch mal ihr Köpfchen benutzen können und sollten: Martha Wells übertreibt es mit diesem Prinzip doch erheblich. Die Geschichte verliert einen Gutteil ihres Reizes und ihrer Spannung aufgrund der perfekten Vorbereitung und Planung, aufgrund der übermäßig großen finanziellen Mittel Valiardes und seiner langjährigen Erfahrung im Täuschen und Stehlen. Vieles in der Geschichte läuft einfach zu glatt. Wenn sich dann im späteren Verlauf auch noch der größte Widersacher Valiardes bzw. Donatiens, Inspektor Ronsarde, auf seine Seite schlägt und er am Ende noch die Unterstützung des Königshauses hinter sich weiß, kommt er sogar mit einer schlechten, nachgereichten Rache an Montesq durch – und hier heiligt wohl wirklich der Zweck die Mittel, wenn die gesamte Justiz sich nicht an ihre eigenen Regeln hält, um den Count hinter Gitter zu bringen.

Was vom Buch in Erinnerung bleibt ist vor allem der differenzierte Umgang mit Nekromantie, der an die Entwicklung dieses Begriffes (bzw. der Kunst) in unserer realen Welt erinnert. So war Nekromantie in der Wellschen Welt, wie etwa im alten Griechenland, zunächst „zwar nicht sehr geschätzt, aber durchaus legal. Damals ging es dabei in erster Linie um Wahrsagerei. Man wollte alte Könige […] nach Geheimnissen befragen.“ (S. 302) Und an anderer Stelle heißt es: „Nekromantie war in erster Linie eine Magie des Wahrsagens, der Enthüllung geheimer Informationen durch den Umgang mit den Geistern von Toten. Es gab zahlreiche einfache und harmlose nekromantische Zauber, die zum Beispiel dazu dienten, Diebe oder verlorene Gegenstände aufzuspüren. Solche Zauber erforderten kein Blutvergießen.“ (S. 90) Mehrfach wird im Buch darauf hingewiesen, dass quasi jeder Magier irgendwann einmal mit Nekromantie dieser Art experimentiert habe. Eine Art Ausprobieren, speziell unter Studenten, vergleichbar vielleicht mit dem rezenten Phänomen des experimentellen Cannabis-Konsums. Nur diejenigen, die sich mit dem Ausprobieren nicht begnügen, die werden schließlich zur Gefahr, hier wie dort, denn: „Die mächtigeren Zauber setzten die Verwendung von Leichenteilen oder gar den Tod eines Menschen voraus.“ (S. 90) Etwa die Erschaffung eines Ghuls (vgl. S. 203), die Beschwörung von Krankheiten (vgl. S. 503), die Herstellung eines Leichenringes (vgl. S. 525), eines Wiedergängers (vgl. S. 582) oder eben die Rückkehr aus dem Jenseits (vgl. S. 642-659). Dieses Verhalten wird dann verständlicherweise nicht mehr akzeptiert, sondern verfolgt und sogar mit dem Tode bestraft. In der modernen Literatur gibt es keinen mir bekannten Fall, in dem Nekromantie anderes beurteilt werden würde – sofern man nicht die Charakterklasse der „Nethermancer“ aus dem Fantasy-Rollenspiel „Earthdawn“ heranzieht, die – schon dem Namen nach an den Begriff „Necromancer“ angelehnt – durchaus auf der Seite der „Guten“ stehen können, aber dennoch mit massiven Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen haben.

Abschließend nur noch ein Hinweis auf eine Parallele zu einem Buch, dass ich an dieser Stelle bereits rezensiert habe: Nahezu am Ende der Geschichte äußert sich Valiarde zu einer Schwäche Macobs, die ihm im weiteren Verlauf noch nützlich sein wird. „Macob lebte nur noch in der Vergangenheit, die für ihn zu einer ewigen Gegenwart ohne Zukunft geworden war. Er war zu keiner Veränderung mehr fähig. Das heißt, er kann auch nicht mehr aus seinen Fehlern lernen.“ (S. 600) Diese Feststellung erinnerte mich unweigerlich an eine Stelle aus Neil Gaimans „The Graveyard Book“, bei der es um das Potential der Veränderung geht, welches Lebende den Toten voraus haben. Schlussfolgerungen aus dieser Übereinstimmung überlasse ich meinen Lesern.

Daten und Fakten: Martha Wells: Necromancer. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader.  München: Heyne 2010. Softcover, 702  S.,  € 8,95 , ISBN 978-3-453-52649-5.

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Ein Gedanke zu „Martha Wells „Necromancer“

  1. fleure85

    hm… war das jetzt ein „lesen“ oder „nicht lesen“? Begeistert klangs ja nicht und wenn ich mich über Nekromantie informieren will, würde ich wohl eher nicht zu einem Roman greifen, oder? Also nicht, dass ich es wollte 🙂

    Antwort

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