Héctor Wittwer „Zu Ende denken“

Eher selten findet man Ankündigungen für interessante Vorträge zu thanatologischen Themen, die sich nicht ausschließlich an ein hochspezialisiertes Fachpublikum, sondern auch an eine breitere Öffentlichkeit richten, die dabei aber nicht – wie leider so häufig – platt populärwissenschaftlich werden, sondern eine klare, seriöse, fachwissenschaftliche Linie beibehalten. Im Rahmen der in diesem Sommer erstmalig stattfindenden Vortrags-Reihe „Weltwissen“ an der Universität zu Köln gab es nun aber eine solche Ankündigung – und tatsächlich hielt das Referat auch, was die Einladung versprochen hatte.

Am gestrigen Abend sprach Dr. Héctor Wittwer in der Aula 1 der Kölner Hochschule über den „Tod als Thema der Philosophie“. Unter dem Titel „Zu Ende denken“ gelang dem Philosophen, der sich bereits in seiner Promotionsschrift mit der „Selbsttötung als philosophisches Problem“  (Humboldt Universität Berlin, 2001) beschäftigt hatte, eine didaktisch sehr gut strukturierte Einführung in ein Forschungsfeld, das oft einen unüberschaubaren Eindruck macht. Nach einer sehr behutsamen Heranführung an die Fragen, die die thanatologische Philosophie an Tod und Sterben stellt und einem knappen Versuch einer diesbezüglichen Strukturierung, verdeutlichte Dr. Wittwer dann die philosophische Methode an zwei konkreten Beispielen, die das Publikum zum Nachdenken anregten.

Wittwer unterschied in seinem Vortrag vornehmlich vier unterschiedliche, originär philosophische Fragenkomplexe zu thanatologischen Themen:

  1. begriffliche und metaphysiche Fragen
  2. erkenntnistheoretische Fragen
  3. Fragen, nach der Bedeutung des Todes für die Lebensführung
  4. moralische Fragen

Jeder dieser Komplexe wurde anhand von Beispielen konkretisiert. So gehören zum ersten Bereich etwa die Fragen „Was ist der Tod?“ bzw. „Worin besteht das Wesen des Todes?“, die beide nur aus einer begriffsrealistischen Position heraus sinnvoll gestellt werden können, während etwa die Frage „Wie sollten wir den Begriff ‚Tod‘ sinnvollerweise nutzen?“ ein typisch nominalistisches Problem innerhalb der Untersuchung unseres Sprechens über den Tod darstellt. Als klassisches Beispiel für eine metaphysische Frage musste – wie zu erwarten war – die Problematik der Fortexistenz nach dem Tode herhalten, die natürlich prompt anhand Platons Thesen aus dem Phaidon vertieft wurde, nur um direkt im Anschluss entsprechend kritische Nachfragen aufzuwerfen, die in der Geschichte der moderneren Philosophie immer wieder auftauchen: „Wie kann eine immaterielle Substanz an einem bestimmten Ort sein?“, „Wie kann die Seele mit dem Körper interagieren?“, usw.

Zum zweiten Fragekomplex gehört nach Wittwers Ausführungen etwa: „Woher weiß der einzelne Mensch, dass er sterben muss?“ Gewinnt er diese Erkenntnis aus der Empirie, also aus der Erfahrung des Todes anderer – was aber schnell in die spätestens seit Hume weithin bekannte Induktionsproblematik führt – oder ist es vielmehr ein Wissen a priori, dass uns unsere Sterblichkeit vor Augen hält? Dies hat etwa Scheler versucht zu zeigen, wobei Wittwer allerdings explizit darauf hinwies, dass Schelers Position heutzutage eigentlich nicht mehr zu halten sei. Auch die Frage, wie und ob sich der Tod überhaupt „begreifen“ lasse, fällt nach Wittwer in diesen Fragekomplex – und wird mit den ebenfalls klassischen Argumenten beantwortet, nach denen für die Unbegreiflichkeit durchaus einiges spreche, wie etwa der Umstand, dass wir uns eine Welt ohne uns nicht vorstellen können und wir zudem nicht wissen können, wie es wäre, tatsächlich tot zu sein.

Auf das dritte Problemfeld schließlich ging Wittwer dann im Laufe des Vortrags genauer ein. Die zentrale Frage dieses Bereiches, nämlich ob der Tod nun etwas Gutes oder ein Übel sei, sollte eines der Beispiele sein, an denen das philosophische Arbeiten konkreter nachvollzogen wurde. Dabei begab sich der Autor auf die Spuren von Epikur (Argument der Existenzbedingung: ein Übel kann nur etwas sein, das ich als solches mit meinen Sinnen wahrnehmen kann) und Lukrez (Symmetrieargument: die Qualität der Nichtexistenz vor der Geburt entspricht der Qualität der Nichtexistenz nach dem Tod), die mit ihren weithin aus der Fachliteratur (und darüber hinaus) bekannten Argumentationen schon in der Antike versuchten, dem Tod seinen „Schrecken“ zu nehmen. Allerdings ist ihren Begründungen im Laufe der Zeit immer wieder widersprochen worden. U.a. von Thomas Nagel, der etwa gegen Epikur Kritik an der Bedingung äußerte, dass nur dasjenige ein Übel für uns sei, was wir auch als solches mit unseren eigenen Sinnen wahrnähmen. Nagel versuchte im Gegenzug zu zeigen, dass es auch solche Übel gebe, die unabhängig von unserer Wahrnehmung für uns existieren können – jedoch, so zumindest meine Meinung, ohne durchschlagenden Erfolg. Die Beispiele, die Wittwer bei Nagel zur Verdeutlichung von dessen Thesen entliehen hat, konnten aufgrund eines gewichtigen Wechsels in der Wahrnehmungs-Perspektive nicht überzeugen. (Nagel lässt jeweils dritte Personen ein Übel für ein Subjekt wahrnehmen, das dieses Subjekt selbst nicht wahrnimmt.) Der Exkurs über Bernard Williams These von der „Langeweile der Unsterblichkeit“ war indes viel fruchtbarer. Williams kam zu dem Schluss, dass es, obwohl es gut sei, sterblich zu sein, schlecht sei, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt sterben zu müssen, weil der Tod in der Regel die Erfüllung von (kategorischen, also sinnstiftenden) Wünschen der Menschen verhindere. Auf weitere Fragen dieses Problembereichs, etwa: „Wie sollte man sich zum bevorstehenden, eigenen Tod verhalten?“, „Ist es vernünftig, den Tod zu fürchten?“ oder „Wie sollte sich das Wissen um unsere Sterblichkeit auf unsere Lebensführung auswirken?“ ging Wittwer bewusst nicht weiter ein. Sicherlich auch aus Zeitgründen, aber zuallererst, dies betonte er auch selbst, weil die Antworten auf diese Fragen natürlich von der Bewertung des Todes und Totseins als Gut oder Übel direkt abhängen.

Der vierte Fragenkomplex endlich ist wohl der aktuell am ehesten auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommene. Hier geht es der Philosophie etwa um die Möglichkeit einer Rechtfertigung der Todesstrafe, des Suizids, der Sterbehilfe oder des Abwägens von Menschenleben gegeneinander. Wahrscheinlich aufgrund der breiten Debatte in den Feuilletons, wie auch in der populäreren Fachliteratur, blieb dieser Bereich der am geringsten während des Vortrages beachtete, mit einer Ausnahme: Wittwer selbst hat sich in der Vergangenheit intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, welchen ontischen bzw. moralischen Status menschliche Leichnahme besitzen, also kurzum, ob wir gegenüber Leichnahmen moralische Pflichten zu erfüllen haben, oder nicht. Diese Frage wurde als zweites Problemfeld intensiver beleuchtet, indem auf die beiden sich gegenüberstehenden Lager der Anhänger der „Beendigungs-These“ (BT) und jener der „These der begrenzten körperlichen Fortexistenz“ (TKF) verwiesen wurde – wobei Wittwer sich klar zugunsten von TKF positionierte. Diese Debatte möchte ich hier kurz nachzeichnen.

Die Thesen:

(BT) Mit dem Tod endet nicht nur das Leben eines Menschen, sondern auch seine Existenz.

(TKF) Nach dem Tod existiert ein Mensch weiter, solange sein Leichnahm inakt ist.

Die Implikationen sind bedeutsam. Aus BT folgt: Es gibt nur lebende Menschen. Leichen sind keine toten Menschen, sondern etwas wesensmäßig Verschiedenes. Im Augenblick des Todes findet eine Art Metamorphose statt, die ein Objekt vom Typ „Mensch“ in eines des Typs „Leiche“ verwandelt. Damit ergibt sich konsequenterweise auch, dass wir keine moralischen Pflichten gegenüber Leichen zu erfüllen haben, weil sie nach dem Todesereignis eben nur einfaches, organisches Material ohne jedwede ethische Sonderstellung sind. Aus TKF folgt andererseits: Menschen existieren nacheinander auf zwei unterschiedliche Arten, bleiben dabei aber stets „Menschen“. So gibt es, abhängig von der Relation zum Todeszeitpunkt eben „lebende“ und auch „tote“ Menschen. Wobei allerdings nicht alle Menschen nach dem Tode als Leiche fortexistieren, da möglicherweise ihr Leichnahm schon zum Zeitpunkt des Todes seine Intaktheit eingebüßt hat. (Die Definition von „Intaktheit“ scheint mir bei diesem Ansatz eine nicht unerhebliche Schwierigkeit darzustellen. Wo hört dieser intakte Zustand auf? Lässt sich diese Grenze sinnvoll festlegen? Wenn ja, wie?) Verständlicherweise besitzen wir nach den Überlegungen dieser Denkrichtung ganz eindeutig auch moralische Pflichten gegenüber Leichen, sollten diese also nach den gleichen, oder zumindest ähnlichen moralischen Maßstäben behandeln, nach denen wir auch mit anderen „lebenden“ Menschen interagieren.

Das hier zugrunde liegende Problem ist wieder – und so schließt sich der Kreis zum Beginn des Referats – ein begriffs-nominalistisches: „Ist es sinnvoll, Leichen als tote Menschen zu bezeichnen?“ Hier muss man dann aber auch fragen: Was soll mit einer solchen Bezeichnung erreicht werden? Versuche, TKF anhand von Untersuchungen der Umgangssprache, in der wir verstorbene Lebewesen zunächst immer noch als Mitglieder ihrer Spezies bezeichnen, zu stützen, sind u.a. von J. Rosenberg kritisiert worden, der die Umgangssprache als schlichtweg „irreführend“ bezeichnet habe. Auch sei eine rein numerische Identität von lebendem Menschen und Leichnahm nicht hinreichend, zumal ganz offensichtlich der qualitative Unterschied in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen sei. Hiergegen werden von TKF-Anhängern weitere Ähnlichkeitsmerkmale zwischen lebenden Menschen und Leichnahmen angeführt, u.a. etwa die äußerliche Gleichheit der Körper, die Identität des organischen Materials, die genetische Identität, sowie das Postulat von Leiche und Körper als „Ganzes“, was aber erneut Nachfragen bzgl. der begrifflichen Definition von „Ganzheit“ bzw. „Intaktheit“ aufwirft. Als Kompromißvorschlag zwischen BT und TKF könnte auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass wir vielleicht keine direkten aber sehr wohl indirekte moralische Verpflichtungen gegenüber Leichen zu erfüllen haben, d.h. dass wir sie etwa auf der gleichen moralischen Stufe einordnen, wie etwa andere Nicht-Personen, die aber sehr wohl Gegenstand ethischen Verhaltens sind, wie etwa Tiere.

Nur aus Zeitgründen musste der Vortrag, der bis hierhin schon eine gute Stunde ausgefüllt hatte, an dieser Stelle abgebrochen werden. Ich bin mir sicher, Dr. Wittwer wäre auf viele Punkte gerne noch näher eingegangen – und er hätte ein durchweg interessiertes Publikum damit begeistern können. Die Klarheit und Struktur seines Vortrages, seine Präsentationsleistung und seine didaktische Herangehensweise, die es leicht machten, dem Referat auch schon zu vorgerückter Stunde aufmerksam zu folgen, kann ich nur nocheinmal positiv hervorheben. Ich würde mich freuen, Dr. Wittwer noch einmal als Redner erleben zu dürfen und bin nun endlich stark motiviert, seine im Reclam-Verlag erschienene Einführung in die „Philosophie des Todes“, die schon seit Monaten ungelesen in meinem Regal liegt, in den nächsten Tagen zur Hand zu nehmen, zu lesen und auch an dieser Stelle zu rezensieren.

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