Christiaan L. Hart Nibbrig „Ästhetik des Todes“

Bei der Durchsicht alter Unterlagen bin ich heute rein zufällig auf eine frühe Rezension gestoßen, die ich ursprünglich auf einer anderen Internetseite veröffentlicht hatte. Dies ist nun aber bereits 5 Jahre her und meine Verbundenheit zu besagtem Internetangebot hat in der Zwischenzeit stark nachgelassen. Damit der Text nicht völlig verloren geht, veröffentliche ich ihn daher an dieser Stelle erneut. Dabei habe ich keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen, sondern nur Rechtschreibfehler korrigiert, wo dies geboten war.

Ich bitte bei der Lektüre das Alter der Rezension stets im Hinterkopf zu behalten. Mit großer Sicherheit würde ich sie heute anders schreiben.

Selten habe ich ein Urteil über ein Buch gefällt, obwohl ich es noch nicht ganz gelesen hatte, doch gerade bei meiner ersten Rezension an dieser Stelle handelt es sich um einen Text, der nach einer Beurteilung, einer klaren und deutlichen, schon nach knapp der Hälfte seines Umfanges so schreit, dass ich diesen Ruf unmöglich weiterhin überhören kann.

Christiaan L. Hart Nibbrig, seines Zeichens seit 1980 ordentlicher Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Lausanne, hat mit seinem Buch „Ästhetik des Todes“ (Erstveröffentlichung: Frankfurt a.M.,1989) ein Werk vorgelegt, das man auf keinen Fall unterschätzen sollte – vor allem was seine sprachliche Komplexität angeht. Als studierter Literaturwissenschaftler und Philosoph hat er einen Versuch unternommen, die verschiedensten Interpretationen und Herangehensweisen an den Tod innerhalb der verschiedensten künstlerischen Bereiche zusammenzufassen, zu ordnen und zu kommentieren.

Dazu hat er zunächst ein System aus 7 Kapiteln – alle mit unterschiedlichem Schwerpunkt (z.B. „Malerei/Bildkunst“, „Literatur/Wortkunst“ oder auch „Teufel/Böses“) – entwickelt, welches er jeweils mit zwölf Unterabschnitten unterschiedlichster Länge füllt. Dabei muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass diese formale Aufteilung von Seiten des Autors nur strukturell vorgenommen wird. Eine tatsächliche systematische Gliederung muss Spekulation bzw. Interpretationsarbeit bleiben, da weder Kapitel noch Abschnitte Überschriften besitzen und auch kein Inhaltsverzeichnis vorhanden ist. So bleibt das System für den Leseanfänger zunächst äußerst unbestimmt. Erst im Laufe des Leseprozesses ergeben sich inhaltliche Übereinstimmungen und Abgrenzungen, welche zumeist sehr schwammig bleiben und durchaus immer wieder in Frage gestellt werden können.

Innerhalb seines Textkörpers gelingt es Nibbrig dann, den Leser geschickt davon abzuhalten, zu verstehen, was der Autor eigentlich vermitteln will, ja es könnte sogar bezweifelt werden, dass eine solche Absicht überhaupt vorlag, als das Buch verfasst worden ist. Sätze – nein, Satzungetüme wie: „Darin ist der Text im Medium seiner Rhetorik am Ende weniger, wie seine öffentliche Aufnahme in erschreckter kritischer Identifikation mit dem Opfer einer Leben verhindernden Gesellschaft es unterstellte, als authentisches Dokument zu lesen, sondern als erschütterndes Symptom dieser Krankheit zum Tode, die Zorn, seine ‚Angst‘ – so heißt er ja – in Wut verwandelnd, mit einem letzten Kraftakt anzunehmen versucht: durch generalisierende Integration in ein über die kranke Einzelzelle hinaus rasant anschwellendes krankes Ganzes – biologisch, soziologisch, kosmisch, dämonologisch – unter gleichzeitig sich steigernder Abspaltung davon…“ (146f.) lassen Erinnerungen an schlimmste philosophische Sprachverwirrungen wie zB bei Kant oder Heidegger wach werden. Und dieser Auszug ist kein Einzelfall sondern die Regel, welche nur selten von klaren Passagen unterbrochen wird.

Komplexität um jeden Preis – das scheint an so mancher Stelle der Wahlspruch Nibbrigs zu sein, dessen Text eben aufgrund der unzählbaren Flut an Fremdwörtern, Satzverschachtelungen und (scheinbar?) sinnlos zusammenhängenden Hauptsätzen oft geradezu unlesbar erscheint. Wobei hier mit „Lesen“ ein echter kognitiver Vorgang gemeint sein will und nicht bloß die überfliegende, beiläufige In-Augenschein-Nahme einer Menge Buchstaben.

Diese Kryptik wird dann leider auch nur selten – aber immerhin – von Abbildungen der besprochenen Werke, von Gemälden und Partituren vornehmlich, aufgelockert, welche dann auch noch – aufgrund der mangelnden Qualität – kaum zusätzlichen Beschäftigungs- und Erkenntnisgewinn liefern.

So gehen die manchmal durchaus komplexen aber auch interessanten Inhalte, welche zumeist aus (längeren) Zitaten großer literarischer Werke, wie auch aus stellenweise dem Laien kruden ästhetischen Überlegungen bestehen, in einer unnötigen Verschleierung unter. Ohne das Register, welches den 12. Abschnitt im 7. Kapitel ausmacht, und dem Buch somit wenigstens einige lexikalische Funktionen zukommen lässt, wäre das Buch wohl kaum sinnvoll zu lesen, ja zur wissenschaftlichen Arbeit eignet es sich sowieso nur auszugsweise (es sei denn, man ist Mitglied in einer Doktorklasse für Literaturwissenschaftler und braucht ein knappes Nachschlagewerk). Hierzu trägt im übrigen auch der nicht vorhandene akademische Apparat bei. Fußnoten, Anmerkungen, ein Glossar oder selbst ein Literaturverzeichnis fehlen völlig. Als Sach- und Studienbuch wäre es damit nur solchen Lesern zu empfehlen, die genügend Zeit mitbringen, sich einen solchen wissenschaftlichen Apparat selber zu erstellen.

Zeit sollte man sowieso für die Lektüre dieses Buches im Überfluss besitzen. Denn viele der kurzen, unzusammenhängenden Werkbeschreibungen bleiben, ohne die Kenntnis bzw. Vergleichbarkeit mit dem (vollständigen) Original-Text, äußert vage und unverständlich. Dies merkte ich vor allem bei der Durchsicht der Besprechung von Thomas Manns“‚Der Tod in Venedig“, welche mir als einzige wirklich zugänglich war, da ich Manns Novelle erst kurze Zeit zuvor gelesen hatte.

Fazit: Wer auf lange, anstrengende Lese-Stunden mit Stift und Notiz-Papier setzt, und genügend Zeit für weiterführende Recherchen mitbringt, dem sei NIbbrigs „Ästhetik des Todes“ ans Herz gelegt und wärmstens empfohlen. Doch wer ein ansprechend geschriebenes Sachbuch bevorzugt, bei dem Intention und Schreibstil didaktisch funktional übereinstimmen, der sollte einen großen Bogen um dieses Werk machen.

Daten und Fakten: Christiaan L. Hart Nibbrig: Ästhetik des Todes. Mit zahlreichen Abbildungen.Frankfurt am Main/Leipzig: Insel 1995. 371 S., DM 19,80, ISBN 3-458-33397-5. – Das Buch ist über den regulären Buchhandel nicht mehr erhältlich, kann aber – teils noch neuwertig – über Antiquariate erstanden werden.

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Ein Gedanke zu „Christiaan L. Hart Nibbrig „Ästhetik des Todes“

  1. Antonio

    In der Tat, das scheint eine ältere Rezension zu sein…. 5-zeilige Sätze Deinerseits sind wahrscheinlich ein Echo des rezensierten Textes. ;p Aber trotzdem finde ich Deinen damaligen Stil ansprechend zu lesen. 🙂 Ciao

    Antwort

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