Eric Liberge „Monsieur Mardi-Gras“

Victor Tourterelle findet sich plötzlich in einer trostlosen Wüste wieder. Staub soweit das Auge reicht, und nur ein fahler Mond am Himmel, dessen Licht in der ihn umgebenden Dunkelheit keinen Trost zu spenden vermag. Die endlose Einöde um ihn herum ist wahrlich deprimierend. Doch noch viel erschreckender ist sein eigener Anblick. Anstelle seiner vertrauten Hände findet Victor nur noch Knochen, gleiches gilt für den Rest seines Körpers: Sein Fleisch ist völlig verschwunden. Victor existiert nur noch als Gerippe – eine naturwissenschaftliche Unmöglichkeit…

Schnell erkennt unser Held nun, das er tot sein muss. Doch er verzweifelt angesichts der Welt, in die es ihn verschlagen hat. Er hatte sich das Jenseits wohl etwas anders vorgestellt. „Auf der Erde haben Sie uns was von einem hellen Licht erzählt… […] Es muss doch mehr geben als das!“ Erst als plötzlich ein merkwürdiger Postbote auftaucht, nimmt sein Schicksal eine unerwartete Wendung. Victor erhält nicht nur einen neuen Namen – er heißt fortan nach dem Postkalender „Mardi-Gras Aschermittwoch“ – sondern auch noch Einblick in seine persönliche Fallakte, nach welcher er im Badezimmer über ein Spielzeug seines Sohnes gestolpert ist, sich dabei das Genick brach und daher nun in dieses Totenreich eingegangen ist. Zudem führt ihn der Postbote, der, wie sich später herausstellen wird, „23“ heißt, in die nächste Stadt: St. Cécile.

Hier traut Victor seinen Augen nicht: Selbst im Jenseits gibt es überlaufene Städte, Verwaltungen, Bürokratie und Regeln. Der Kartograph Tourterelle fragt sogleich nach einer Karte des Gebietes und muss erfahren, dass es eine solche nicht gibt und dass es gar verboten sei, eine solche anzufertigen. Schmerzlich und schnell lernt Victor nun auch die anderen Regeln: Knochen sind wertvoll in dieser Welt, Kaffee  auch und Kartographen erst recht! Denn eine kleine Gruppe von Verschwörern, die sich selbst die „Bruderschaft“ nennt, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Kartenverbot zu umgehen – und dazu braucht sie den Neuankömmling, der noch immer völlig verwirrt durch die Stadt streift und versucht, sich zurechtzufinden. Dabei stört er die Ordnung und Apathie, die sich in der Stadt breit gemacht haben, erheblich – Mardi-Gras wirbelt eine Menge Staub und Knochen auf, verliert seine Seele sowie einen Teil seines Schädels und landet prompt im Gefängnis. Ihm droht Schlimmes, doch die Bruderschaft nutzt die Situation, eilt ihm zur Hilfe und hat damit einen neuen Mitarbeiter rekrutiert… Soweit zum Inhalt des ersten Bandes, der als Eröffnung für die weitere Geschichte dient.

Achtung, es folgen Spoiler!

Im Verlaufe der folgenden drei Bände entwickelt sich nun eine teils konfuse Geschichte, die zum Glück immerhin einen dünnen roten Faden vorzuweisen hat. Victor, der Rebell, der seine Situation nicht annehmen will, reibt sich an allen Widerständen, die sich ihm bieten – und derer gibt es viele. So stellt sich heraus, dass die Regierung des „Fegefeuers“, wie diese Welt genannt wird, massiv versucht, die Bevölkerung – nötigenfalls mit Gewalt – unter Kontrolle zu halten und die Menge an Informationen zu begrenzen, die hinsichtlich der Natur dieser Welt kursieren. Auch mit seinen Verbündeten, der Bruderschaft, legt sich Mardi-Gras an, denn er will nicht zu deren Spielball in ihrem politischen Streit mit der Regierung werden. Schließlich gibt es da noch die Fraktion der sogenannten „Seelenbestatter“, die als unabhängige Fährleute der Toten passenderweise von einem Ort names Charon aus operieren, unbemerkt von der Regierung und den meisten anderen Bewohnern des Fegefeuers, das sich bald als der Planet Pluto herausstellt, dem laut Liberges Auffassung zehnten (sic!) Planeten des Sonnensystems. Die Seelenbestatter sind Händler, Schmuggler und haben aufgrund ihrer Stellung einen größeren Überblick über die Lage im Fegefeuer, als jeder andere, weshalb die Bruderschaft bald ihre Hilfe sucht, um Victor bei seiner Aufgabe, eine Karte des Fegefeuers zu zeichnen, zu unterstützen.

Scheinen die Fronten zu Beginn noch klar, so verwischen und verwirren sich die Grenzen und Bündnisse im Laufe der Geschichte doch erheblich. Denn es wird bald deutlich, dass mehr hinter dem Fegefeuer steckt, als ursprünglich angenommen. Diese Welt ist eine nachträglich von Menschen geschaffene – und bei dieser Erschaffung ist etwas fürchterlich schief gelaufen. Dieser Teil der Geschichte wird erst sehr spät klar, ist aber wohl der zentrale Schlüssel zum Verständnis von Victors Reise und Taten. Ein Quartett mächtiger Männer aus dem Mittelalter ist für die Situation im Fegefeuer verantwortlich und seitdem verschwunden oder untergetaucht. Die Namen dieser Männer tauchen zunächst nur unzusammenhängend in der Geschichte auf. Erst im vierten Band wird ihre Identität und Rolle endgültig geklärt werden – Überraschungen inklusive. Auch wird erst in diesem Band deutlich, worauf die Geschichte am Ende hinauslaufen wird – letztlich steht die Existenz des Fegefeuers auf dem Spiel.

Die Geschichte um Monsieur Mardi-Gras zu beurteilen fällt schwer. Zum einen, weil spätestens mit dem Auftreten der Bruderschaft im ersten, bzw. mit der Einführung des Septuagesimae im zweiten Band auffällt, dass es sich bei „Monsieur Mardi-Gras“ nur teilweise um die Geschichte einer Selbstfindung und dem Zurechtkommen mit seinem eigenen Leben handelt. Zu einem sehr großen Teil ist die Erzählung eigentlich eine politische. Auf der einen Seite die Diktatur des S., der mit einem Kartenverbot und repressiven Maßnahmen die Bevölkerung zu kontrollieren versucht. Ihm gegenüber eine Handvoll Rebellen, die diesen Zustand beenden möchte und sich dazu eines Auserwählten bedient, Bündnisse mit einer dritten Kraft von außen schmiedet usw. Diese Konstruktion klingt vertraut und ist so oder so ähnlich schon Dutzende Male erzählt worden, ja sogar besser erzählt worden.

Neben der politischen Erzählung gibt es hingegen nur wenig philosophische Ansätze. Hier wären vor allem Victors Reise in das Innere des Pluto zu nennen, wo er auf der Suche nach dem Ursprung des Flusses Lethe mit seinem Innersten konfrontiert wird und zumindest die ersten fünf von acht Kreisen der Tränen durchquert, die ihrem Namen nach von den sieben biblischen Todsünden abgeleitet sind. In episch opulenten Bildern wird hier eine fantastische Reise in Tourterelles Ich visualisiert: Traumbilder, Wahnvorstellungen, Schmerz, Verzweiflung werden greifbar. Unklar ist, wieso die Reise nach dem fünften Kreis („Trägheit“) endet, wieso er ausgerechnet hier auf eine Figur trifft, die ihm das erste Puzzle-Stück zum Verstehen der Natur des Fegefeuers überreicht. Wieso musste Victor dazu nicht alle acht Kreise durchschreiten?

Der zweite eher philosophische Aspekt der Geschichte liegt dann in der Erkenntnis, dass sich die existentiellen Probleme der Menschen im Jenseits im Vergleich zum Leben nicht verändert haben. Schon im ersten Band beschreibt der Postbote „23“ seine Motive, die ihn zum Schreiben brachten: „Es gibt dermaßen viele bohrende Fragen, Aschermittwoch… Werden diese handvoll Knochen, die uns geblieben sind, eines Tages wieder neues Fleisch tragen? Oder werden wir eher in dieses helle Licht entschwinden, von dem alle reden, aber keiner genaues weiß? Oder weder das eine noch das andere… Nun, um diesen Abgrund zu überwinden, versuche ich zu schreiben.“ Später in Band 4 werden dann gar die Zustände im Tode und im Leben direkt einander gegenübergestellt, als jeder einzelne der Toten sich entscheiden muss, für wen er Partei ergreift – ob es nicht besser sei, die fleischlichen Probleme hinter sich gelassen zu haben und davon unbekümmert als Unsterbliche im Fegefeuer weiter zu existieren, oder ob die vielen wundervollen Sinneseindrücke des Lebens die Schmerzen der biologischen Existenz aufwiegen können. Victor kann dieser Diskussion überhaupt nichts abgewinnen und auch der Leser steht für einen Moment unschlüssig dar, denn die Argumente für beide Seiten sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Dass der Leser hier Position beziehen muss, ist nur folgerichtig. Er wird dadurch persönlich betroffen. Hier hat die Geschichte den größten Mehrwert.

Kompliziert wird die Lektüre der Geschichte dann leider – neben teilweise weder personal noch temporal eindeutig verortbaren Sprechblasen – durch den konsequenten Zeichenstil. Die Uniformität der Protagonisten – man bedenke: sie bestehen alle nur noch aus Knochen und eventuell aus kleineren Prothesen – macht es schwierig, einzelne (Neben-)Figuren sicher in jedem Bild zu identifizieren. Es fehlen oft deutliche Signalmerkmale, wie sie etwa in anderen Comics durch unterschiedliche, teils unnatürliche Haarfarben und Frisuren, durch unterscheidbare Kleidungsstile, usw. erreicht werden. Daher ist die Lektüre der Geschichte von M. Mardi-Gras ganz sicher nichts für „zwischendurch“. Zu genau muss man hinsehen, auf die Details achten und die subtilsten Anspielungen und Hinweise erkennen, um nicht an späterer Stelle plötzlich stoppen zu müssen, weil man sich gerade völlig in der Erzählung verrannt hat. Damit sei aber überhaupt nichts Grundsätzliches gegen den Zeichenstil gesagt! Die Darstellung der Figuren und der Örtlichkeiten sind grandios! Sehr detailliert und aufwendig produziert. Die Farbpalette durchgängig düster und atmosphärisch passend. Künstlerisch ein Meisterwerk, keine Frage! Schön anzusehen auf jeden Fall!

Was bleibt am Ende? Eine komplexe aber dennoch klassische Erzählung in einem innovativen Stil. Persönlich habe ich nach dem ersten Durchlesen noch eine ganze Menge Fragen. Ich kann nicht behaupten, die Geschichte Victors und des Fegefeuers komplett verstanden zu haben. Dazu war ich womöglich bei Teilen der Lektüre doch zu unkonzentriert (Tipp: Nicht abends zum Einschlafen lesen!). Dennoch muss ich die Lektüre der vier Bände definitiv empfehlen. Nicht nur, dass die Geschichte optisch ein Genuss ist, ich bin mir vielmehr sicher, dass sich zwischen den Buchdeckeln eine noch viel tiefgründigere Erzählung verbirgt, als ich sie bislang entdecken konnte. Vielleicht beim nächsten Mal… denn erneut lesen werde ich diese Erzählung auf jeden Fall!

p.S.: Übrigens ein nachträgliches Lob an den Verlag. Die hochwertige deutsche Produktion macht die Bände in jedem Regal zu etwas Besonderem. Auch die Übersetzungsleistung muss gelobt werden, genauso wie das Lektorat, das meines Erachtens nur einen einzigen Fehler in den Druck gehen ließ, der aber nicht besonders schlimm ist.

Daten und Fakten: Eric Liberge: Monsieur Mardi-Gras. Unter Knochen. 4 Bde. Aus dem Französischen  von Thomas Stauss und Tanja Krämling.  Bielefeld: Splitter  2008-2009. Hardcover, ca. 264  S.,  € 56,20 , ISBN 978-3-940864-31-4, 978-3-940864-33-8, 978-3-940864-34-5, 978-3-940864-35-2.

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