The Oxford Book of Death

Passend zum Todestag von Dennis Joseph Enright, einem britischen Intellektuellen, Professor und Dichter, der am 31.12.2002 starb, befasst sich die aktuelle Buchvorstellung mit einem von Enright herausgebenen Klassiker: einer wahren Fundgrube für alle, die sich für die Einstellungen von Menschen zu Tod und Sterben interessieren und die der Meinung sind, dass man diese Einstellungen vor allem in Form von Zitaten und Auszügen aus den Werken dieser Menschen herauslesen kann. Im Band „The Oxford Book of Death“  (OBD) hat Enright die mit Abstand umfassendste Sammlung entsprechender Äußerungen zusammengestellt, die mir bislang bekannt ist. Enright, der außer am OBD auch an anderen Sammelbänden gleicher Art mitgewirkt hat (z.B. dem Oxford Book of the Supernatural), trägt weitaus mehr Material zusammen, als etwa Rainer Beck in seinem „Lesebuch von den letzten Dingen“ oder Daniel Keel, der zusammen mit  Isabelle Vonlanthen „Über den Tod“, eine Sammlung  poetischer und philosophischer Texte von „Homer, Shakespeare und Montaigne bis Balzac, Čechov und Dürrenmatt“ herausgebracht hat.

In insgesamt 14 Kapiteln sammelt Enright Zitate und Textauszüge, manchmal sogar komplette Gedichte. Die jeweiligen Themen der Kapitel reichen dabei zunächst von der Bestimmung des Todes, über die möglichen Einstellungen zu diesem Ereignis, bis hin zur konkreten Konfrontation mit dem Tod selbst. Hiernach schließt sich eine Art Exkurs zur besonderen Todesart des Suizids an, bevor der Leser erwartungsgemäß mit Standpunkten zur Trauer sowie zu Bestattung und Friedhöfen im Allgemeinen bekannt gemacht wird. Konsequent folgen nun mögliche Antworten auf die metaphysischen Fragen nach Wiederauferstehung und Unsterblichkeit, nach Möglichkeit und Bedeutung von Jenseits und Wiedergängern. Schließlich werden in loser Folge Einzelthemen behandelt, die zwar mit dem Tod in Verbindung stehen, sich aber von Enright offenbar nicht leicht in eine chronologische Systematik bringen ließen: die Sektion „Krieg, Krankheit und Verfolgung“ steht scheinbar losgelöst neben Themen wie „Liebe und Tod“, „Kinder“ und „Tiere“; letztere bilden den vorläufigen Abschluss der thematischen Folge, nur noch ergänzt durch eine obligatorische Sammlung von Grabinschriften, Totenmessen und Letzten Worten. Bei vielen Büchern oft nur Luxus oder notwendiges Übel, bei diesem Band aber unerlässlich und aufschlussreich sind dann die Quellennachweise sowie der angehängte Autorenindex, der es dem geneigten Leser ermöglicht, nachzusehen, zu welchen Themen er Bemerkungen eines bestimmten Autors finden kann. Erst durch diesen Apparat erhält das Buch einen Mehrwert über das simple Schmökern hinaus.

Jedes Kapitel wird von einer kurzen Einführung des Herausgebers eröffnet, in welcher er – unter Rückgriff auf besonders wichtige Zitate aus dem jeweils folgenden Teil seiner Sammlung – eine Auswahl unterschiedlicher Standpunkte vorstellt, die in der Menschheits- (oder doch besser: Literatur-?) Geschichte zum jeweiligen Thema eingenommen worden sind. Diese knappen Überblicke sind für sich allein bereits ein großer Pluspunkt der Sammlung. Fasst man die Einleitungen zusammen, ergeben sie ein Desiderat des Umgangs des Menschen mit Tod und Sterben und zeigen zugleich auf, welches Ziel der Herausgeber mit seiner Sammlung eigentlich verfolgt. Denn nur durch das stete Sammeln von neuen Auffassungen und Urteilen, und nur durch das fortgeführte Einordnen dieser Fundstücke in die bereits vorhandene Wissensstruktur, gelangen wir zu einem qualifizierten Gesamteindruck, der sich aus unzähligen Stimmen speist, die im OBD nur exemplarisch durch jene mit größerer Reichweite vertreten werden können. Dabei hält sich Enright übrigens mit eigenen Bewertungen der verschiedenen Standpunkte stark zurück, obwohl sich hier und da durchaus vereinzelt und sehr subtil Sympathien für die ein oder andere Denkrichtung bemerkbar machen. Insgesamt bleibt der Herausgeber aber unparteiisch und ermöglicht es dem Leser so, selbst zu entscheiden, welche der vorgestellten Positionen er denn einnehmen will, bevor er sich dann tatsächlich an die Lektüre der einzelnen Zitate begibt.

Die Zitate selbst sind schließlich sehr bunt gemischt. Auszüge aus prosaischen Texten, philosophische Aphorismen sowie lyrische Kompositionen stehen gleichberechtigt und völlig unsystematisch nebeneinander. Weder chronologisch noch anderweitig ist innerhalb der Kapitel eine Ordnung auszumachen. Die Reihenfolge der Zitate kann demnach nur als zufällig bezeichnet werden. Lobenswert ist allerdings die historische Reichweite der Sammlung: Enright deckt mit seiner Zusammenstellung den Großteil der menschlichen Geschichte ab, soweit sie uns schriftlich überliefert ist. So findet sich das altbabylonische Gilgamesh-Epos neben dem Werk Homers, auch das Ägyptische Totenbuch und andere antike Quellen sind vertreten. Von dort aus wird eine nahezu durchgängige Überlieferung bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erreicht. Allein das frühe Mittelalter wirkt deutlich unterrepräsentiert. Auch geographisch bemüht sich der Herausgeber um eine möglichst große Vielfalt: neben den üblichen Verdächtigen, nämlich griechisch-römischen, westeuropäischen und amerikanischen Autoren, lassen sich auch chinesische, japanische, indische, russische, osteuropäische und afrikanische Autoren bzw. Auszüge finden. Hier ist es allerdings Mittel- bzw. Südamerika, das meiner Meinung nach zu kurz kommt. Die Urheber der Zitate stammen dabei übrigens vornehmlich aus klassischen Schriftsteller- bzw. Intellektuellenkreisen, ihre im OBD gesammelten Worte sind also aus Büchern, Theaterstücken, Aufsätzen, Traktaten – kurz: aus geschriebenen Werken zusammengetragen. Allerdings ist mit Woody Allens berühmten Zitat „It’s not that I’m afraid to die, I just don’t want to be there when it happens.“ tatsächlich auch ein Beispiel für eine moderne Filmreferenz vorhanden. Dieses Ungleichgewicht in der Berücksichtigung der Medien kann und muss allerdings vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des OBD erklärt werden und ist nicht unbedingt dem Herausgeber anzulasten. Das OBD wurde bereits 1983 erstveröffentlicht und seitdem zwar immer wieder nachgedruckt aber nicht überarbeitet. Anfang der 80er Jahre war die Beschäftigung mit Film und Fernsehen in wissenschaftlichen Kreisen noch immer eine Ausnahme, erst in jüngerer Zeit rücken die entsprechenden Medien und Werke zunehmend in den Fokus von Kulturwissenschaftlern.

Insgesamt lässt sich daher konstatieren, dass Enrights Vorhaben, eine möglichst breite Grundlage für die weitergehende individuelle wie wissenschaftliche Beschäftigung mit Tod und Sterben vor geistesgeschichtlichem Hintergrund abzuliefern, nahezu vollends geglückt ist. Die benannten Auslassungen sind sicherlich schmerzlich, aber im Hinblick auf die geleistete Arbeit zumindest nicht allzu dramatisch. Immerhin bleibt so noch genug Raum für zukünftige Überarbeitungen und Ergänzungen der Textgrundlage. Auch wenn damit wahrscheinlich noch fast 70 Jahre gewartet werden muss, denn erst 2072 wird das OBD in seiner aktuellen Zusammenstellung gemeinfrei. Bis dahin wird die Sammlung aber dennoch jedem gute Dienste leisten, der einen kulturhistorischen Überblick über einzelne Aspekte des Todes und des Sterbens erhalten will und dazu möglichst authentische Quellen sucht.

Daten und Fakten: The Oxford Book of Death, edited by D. J. Enright. Oxford: Oxford University Press. 1983 u.ö. Softcover, ca. 354 S., ca. € 12,99, ISBN 978-0199556526.

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