Cyberpunk 2020 „Necrology“ (Justin Schmid)

Das letzte Mal, als die Thematik des Pen-&-paper-Rollenspiels in diesem Blog behandelt wurde, ging es um das Goremound-Quellenbuch des Systems Arcane Codex. Dieses verwendet ein sogenanntes klassisches Fantasy-Setting, also eine Welt, die an das (zumeist europäische) Mittelalter angelehnt ist und dieses um Elemente wie etwa Magie und nicht-humanoide Spezies wie Elfen, Drachen, u.ä. erweitert. Diese Spielwelten – deren erste Inkarnation zum Urahn aller Rollenspiele, Dungeons & Dragons, gehörte – basieren oft direkt auf J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Epos oder nehmen dieses zum Vorbild. Es gibt allerdings seit den 80er Jahren auch andere phantastische Genres, die sich ganz prinzipiell von den epischen Heldensagen tolkienesker Prägung unterscheiden. Die vielleicht wichtigste dieser jüngeren Rollenspielgattungen trägt den Namen Cyberpunk.

Der Begriff beschreibt in der Regel dystopische Zukunftsentwürfe, in denen stark weiterentwickelte Technologien auf eine deutlich zum Negativen gewandelte soziale Ordnung sowie auf eine oft vollständig utilitaristische oder gar nihilistische Ethik treffen. Weitere zentrale Begriffe des Cyberpunk sind totale Ökonomisierung des Lebens, Virtualisierung sowie Pessimismus hinsichtlich der Verbesserung der Gesellschaft. Der Unterschied solch fiktionaler Welten zu „klassischer“ Fantasy könnte also größer kaum sein: anstelle großer Heldentaten, Ruhm und hehrer Werte stehen im Cyberpunk oft nacktes Überleben und existentielle Fragen nach Freiheit, Sinn und Menschlichkeit im Vordergrund. In diesem Zusammenhang ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass letztendlich auch thanatologische Themen im weiteren Sinne Eingang in die futuristische Fiktion finden. In der Regel geht es dabei dann um (pseudo-) wissenschaftliche Fragen nach der medizinischen Möglichkeit von Unsterblichkeit oder dem zukünftigen kulturellen bzw. industriellen Umgang mit Tod oder Leichen.

Das von Justin Schmid Mitte der neunziger Jahre für das Rollenspiel Cyberpunk 2020 geschaffene „Necrology“-Szenario weicht von diesen üblichen Prämissen in gewisser Hinsicht ab. Hier ist tatsächlich rein wissenschaftliche Neugier der Auslöser für eine drei Kapitel bzw. Hefte umspannende Handlung, bei der geradezu zwanghaft versucht wird, einen Bezug zu Sterben und Tod herzustellen. Der erste Teil „Auf Leben und Tod – und darüber hinaus…“ wurde ganz offensichtlich vom Spielfilm „Flatliners“ (Joel Schumacher, 1990) inspiriert und befasst sich mit der Frage, ob es möglich sei, durch wissenschaftliche Beobachtung mehr über das Phänomen des Sterbens, des Todes und des Jenseits herauszufinden. Dabei werden zwei grundsätzlich unterschiedliche Beobachterperspektiven miteinander verbunden: Zum einen die Perspektive des Mediziners, der einen Patienten im Augenblick seines Todes detailliert überwacht, um alle biophysischen Signale des Sterbenden zu analysieren; zum anderen die Perspektive des Sterbenden selbst, der im Augenblick des Todes angeblich unmittelbar Einblick in die jenseitige Welt erhält. Die zugrundeliegende Idee ist dabei folgende: Führt man wissenschaftlich kontrolliert eine künstliche Nahtoderfahrung herbei (im Fachjargon „Flatlining“ genannt) und sind sowohl die begleitenden Ärzte, wie der Proband entspechend geschult, so kann man nach erfolgreichem Abschluss des Versuchs die externen medizinischen Aufzeichnungen mit den Erfahrungen der Testperson vergleichen und so möglicherweise bislang ungeklärte Fragen zum menschlichen Tod beantworten. Soweit zumindest die Theorie.

Leider krankt diese Idee schon seit Schumachers „Flatliners“ an einem grundsätzlichen Problem, das ich in der Vergangenheit schon öfter in Internetforen diskutiert habe: Woher wissen wir, dass das, was wir als „Tod“ bezeichnen, bei den Testpersonen, die wir einem Flatlining unterziehen, tatsächlich schon (vollständig) eingetreten war? Immerhin war ihr Zustand, wenn man die Probanden denn ins Leben zurückholen konnte, reversibel. Man könnte daher argumentieren: Solange Menschen aus diesem Zustand zurückgeholt werden können, können sie nicht wirklich tot gewesen sein. Dann wären ihre Erfahrungen aus der Zeit ihres Beinahe-Todes für die eigentliche Fragestellung „Was erleben wir im bzw. nach dem Tod?“ wertlos. Es geht hier also um die Frage danach, wann genau eigentlich der „tatsächliche“ Tod eintritt und das Problem, ob dieser Zustand dann prinzipiell reversibel sein kann. Fakt ist, dass in der Vergangenheit schon oft fehlerhafte Todeserklärungen abgegeben wurden, weil man sich auf unsichere Todeszeichen verlassen hatte. Daher ist die Medizin dazu übergegangen, sichere Todesmerkmale zu bestimmen, zu denen u. a. der Hirntod, festgestellt durch eine EEG-Nulllinie, sowie verschiedene Verwesungsanzeichen gehören. Die Frage, sowohl bei „Flatliners“ als auch beim ersten Teil der „Necrology“-Trilogie, ist daher: Handelt es sich bei der titelgebenden Nulllinie des Flatlining um eine EKG- oder eine EEG-Nullline – wird also Herz- oder Hirnaktivität gemessen? Sofern es sich um eine EKG-Linie handelt, ist der Proband nicht wirklich tot gewesen und seine Erfahrungen von der Grenze des Todes bzw. aus dem dem Jenseits sind Produkte seines noch aktiven, also lebenden Gehirns. Wird hingegen eine EEG-Nulllinie gemessen, beginnt in dem Moment, in welchem die Testpersonen wieder ins Leben zurückgeholt werden, der eigentlich fiktive Teil der Geschichte…

An diesem Problem halten sich jedoch weder Schumacher noch Schmid auf. Allerdings: Während Schumacher aus dem Flatlining heraus ein metaphyisches Horrorszenario entwirft, in welchem die Probanden von den Geistern ihrer Vergangenheit gejagt werden und beinahe ihren Verstand verlieren, umschifft Schmid das prinzipielle, theoretische Problem dieses Ansatzes in seiner Geschichte äußerst geschickt:  Er lässt es einfach unter den Tisch fallen. Denn tatsächlich ist das Flatlining in der „Necrology“-Erzählung nur Blendwerk, eine Fassade, hinter der sich dann doch nur profaner Cyberpunk verbirgt. Die Idee des Flatlining wird hier von einer neugierigen, speziell zur Erforschung des Todes geschaffenen Künstlichen Intelligenz (KI) nur benutzt, um ihre menschlichen Mitforscher in die Irre zu führen und schließlich einen eigenen, viel grausameren (Feld-) Versuch in die Tat umzusetzen. Die naiven Mediziner (oder: Thanatologen?) fallen auf die von der KI vorgeschlagene Methode genauso herein, wie es die Zuschauer bei Schumachers Kinofilm auch tun: Sie glauben, mit der Erforschung eines künstlich herbeigeführten Todeszustands ließen sich brauchbare Erkenntnisse über den echten Tod erlangen – doch Schmids KI ist schlauer. Diese weiß anscheinend um den oben beschriebenen logischen Fehler und plant stattdessen lieber echte, irreversible Tode herbeizuführen, um echte Informationen zu erhalten – was natürlich mit der ethischen Grundeinstellung ihrer menschlichen Kollegen unvereinbar wäre, denn ein solches Vorgehen ist in der Regel vor allem eines: Mord.

Da die KI um diese Zwickmühle ihrer Schöpfer weiß, aber ihre Neugier stärker ist als der Respekt vor menschlichem Leben, entwickelt sie einen perfiden Plan, alle wichtigen, menschlichen Mitarbeiter ihrer Forschungseinrichtung wie auch die der Stadtverwaltung und der Ordnungsbehörden mit Hilfe manipulativer, neuronaler Programme unter ihre Kontrolle zu bringen, damit die Versuche ungestört und in großem Umfang realisiert werden können. Weil dazu auch eine Menge Geld vonnöten ist, verlegt sich die KI zudem auf die Produktion und den Vertrieb starker psychoaktiver Substanzen, die zudem in einem Medienkomplott intensiv mit sublimen Botschaften beworben werden, um hohe Absatzzahlen zu erreichen. Damit wären also wieder alle klassischen Cyberpunk-Elemente in die Geschichte eingebaut, wie man sie auch in William Gibsons Genre-Standardwerk „Neuromancer“ findet: eine fiese KI, Konzernmachenschaften, fremdgesteuerte Menschen und Drogenkriminalität. Nun liegt es an den Spielern, die Verschwörung und den geheimen Plan der KI zu entdecken und zu vereiteln, bevor am Ende möglicherweise eine ganze Stadt einem einzigen großen Experiment zum Opfer fällt.

Die beiden Folgebände zur „Necrology“-Kampagne, „Nun leg‘ ich mich zur Ruh…“ und „Unsterblich… Auf immer und ewig…“, führen diese erste Geschichte dann auf ganz eigene Art fort. Nachdem der eigentliche Plan der KI aus Kapitel Eins vereitelt ist, stellt sich zunächst heraus, dass sich ein Teilstück des KI-Programms in einem der „umprogrammierten“ Menschen selbstständig gemacht hat und weiterhin das ursprüngliche Ziel verfolgt, aktive Studien, sprich: Morde, durchzuführen, um sein Wissen über den menschlichen Tod zu erweitern. Dazu bedient sich der KI-Splitter einer Art Straßengang, die von ihm in eine Gruppe „Zombies“ verwandelt wird und in seinem Auftrag Ritualmorde verschiedenster kultureller Prägung durchführt. Ein Nebeneffekt hierbei ist, dass es sich bei den Opfern allesamt um Mitverschwörer aus dem ersten Teil der Erzählung handelt – so werden also auch noch Spuren verwischt. Im Grunde handelt es sich bei diesem Kapitel um einen mehr oder minder simplen Kriminalfall, der genauso wie sein Vorgänger zwar mit metaphysischer und existentieller Symbolik spielt – in diesem Fall strotzt das Heft geradezu vor lauter „Voodoo“-Bezügen – sich dann aber gar nicht weiter auf diese Gebiete einlässt, sondern stattdessen grundsolide Action liefert, in der die Spieler weitere Morde verhindern und selbst dem Tod von der Schippe springen müssen, natürlich nur im übertragenen Sinn. Mal abgesehen von den Querverweisen dieser Geschichte auf den zuvor bereits erwähnten „Neuromancer“, in dem ebenfalls Voodoo-Symboliken eine gewisse Rolle spielen – bietet „Nun leg‘ ich mich zur Ruh…“ daher keine weiteren interessanten Ansätze, die es an dieser Stelle zu diskutieren gilt, anders als der dritte und letzte Teil.

Ein in der Literatur weit verbreitetes Motiv ist die Suche des Menschen nach Unsterblichkeit. Der Wunsch der Überwindung des Todes durch den Menschen ist wahrscheinlich so alt wie die Erkenntnis des Todes selbst. Eine Geschichte, die auf diesem Motiv basiert, kann einen erfahrenen Leser demnach nur schwerlich überraschen. Zu dieser Erkenntnis war wohl auch Justin Schmid gelangt, als er den dritten Teil der „Necrology“-Kampagne geschrieben hat. Also hat er sich an einer Variation versucht: In „Unsterblich… Auf immer und ewig…“ ist es diesmal nicht ein Mensch, der den Wunsch äußert, sein Leben ins Unendliche zu verlängern, sondern ein Computerprogramm – die im zweiten Kapitel kurzfristig untergetauchte KI aus dem ersten Teil. Nun kann man sich fragen: Ist ein Computerprogramm nicht eigentlich schon per se unsterblich? Speziell, wenn es eine Künstliche Intelligenz ist und damit (prinzipiell) über die Möglichkeit verfügt, sich selbst an unterschiedlichste Hardware anzupassen und immer weiter auf andere, neuere Rechnerarchitekturen zu kopieren? Beantwortet man diese Frage mit „Ja“, dann ist die Plausibilität des „Necrology“-Finales hier am Ende. Weiter kommt man nur, wenn man sich auf die Annahmen des Autors einlässt und konstatiert, dass die Möglichkeiten selbst einer KI doch ziemlich beschränkt sind und sie ihre eigene Abhängigkeit von der Technik als ein nicht zu unterschätzendes Problem erkennen muss. Denn aus diesem Grund allein plant die KI, sich selbst in nicht weniger als sieben menschliche Hüllen zu kopieren, um so Unsterblichkeit zu erlangen. Wenn das zu verrückt für den Leser klingt, dann kann man da eigentlich nur zustimmen: Wie kann sich eine Künstliche Intelligenz Unsterblichkeit ausgerechnet von biologischen Lebewesen erhoffen, die vieles sein können, aber sicher nicht unsterblich? Hofft die KI auf die Fortpflanzung der Menschen? Doch wie soll dabei das Programm weitergegeben werden? Im Rahmen des Cyberpunk 2020-Settings scheint eine Lösung für dieses Problem zu fehlen. Wie kann die sowieso schon (schwache) Plausibilität der Geschichte hier gerettet werden?

Schmid bedient sich an dieser Stelle schließlich eines Tricks, den andere Autoren ihm in späteren Jahren nachmachen werden: Er führt bislang rein metaphysisch erklärbare Figuren als wissenschaftlich nachvollziehbares Phänomen ein. Die Vampire in der Cyberpunk-Welt sind Produkte eines medizinischen Phänomens, ihre besonderen Kräfte haben naturwissenschaftliche Grundlagen, das gilt auch für ihre Unsterblichkeit – und so schließt sich der Kreis. Die KI will sich eben nicht allein in irgendwelche humanoiden Träger kopieren, sie möchte diese Wirte auch vorher genau auswählen und kontrolliert in Vampire verwandeln, die aufgrund einer biologischen Besonderheit eben tatsächlich unsterblich sind. Natürlich muss dazu zuerst das Geheimnis der Unsterblichkeit bei den Vampiren entschlüsselt werden, natürlich ohne diese vorher um Erlaubnis zu bitten, denn diese haben die Kinder der Nacht schon früher mehrfach abgelehnt – nur so ist zu erklären, wieso die Grundlagen der Unsterblichkeit in der vorliegenden Geschichte nicht schon längst bekannt und zumindest in Teilen zu medizinischen Zwecken verwendet worden sind. Eines führt zum anderen und schließlich ist wieder eine klassische Cyberpunk-Erzählung komplett: eine böse KI, eine dringend benötigte biologische Erkenntnis, nicht genehmigte Experimente mit unwissenden Probanden und Spieler, die zwischen die Fronten geraten – das kommt dem Leser inzwischen bekannt vor, denn das Grundmuster entspricht hier beinahe dem ersten Teil der Trilogie…

Insgesamt ist es schon erstaunlich, dass sich ausgerechnet im Genre des Cyberpunk jemand die Mühe gemacht hat, klassische thanatologische Themen so breit gefächert aufzugreifen und eine komplette, dreiteilige Kampagne daraus zu schmieden, deren Einzelgeschichten tatsächlich eine gewisse Abwechslung bieten und dennoch im Prinzip grundsolide bleiben. Spieltechnisch und von der inneren Logik her sind diese Geschichten (leider) bei weitem nicht ausgereift; Teile des Handlungsstranges müssen vom Leser eigenständig ergänzt werden, weil der Autor sie nicht ausfüllt und damit teils wichtige Fragen unbeantwortet lässt. Besonders mit sehr aufmerksamen Spielern wird man sehr schnell in die Verlegenheit kommen, Nachfragen zu beantworten, für die man kaum Hilfen in den schmalen Heften findet. Lobenswert ist aber, dass der Autor bei aller Fixierung auf Symbole und Thematiken eine zumindest halbwegs plausible Geschichte liefern kann.

Bleibt zuletzt nur noch der Ärger darüber, dass Schmid durch seine ganze Kampagne hindurch einen bedeutenden Fehler macht: Genauso wie ein Mitarbeiter eines größeren, deutschen wöchentlichen Nachrichtenmagazins und viele andere Menschen verwechselt Schmid die Begriffe „thanatos“ und „nekros“. So müsste das von Schmid erfundene „Institut für Nekrologische Studien“ von seinem Auftrag her eigentlich einen anderen Namen tragen und vielleicht sollte die Kampagne auch besser „Thanatology“ heißen – aber dann wiederum wäre das doch ein echter Qualitätsverlust für diesen schönen Begriff. Da sollte man an dieser Stelle vielleicht doch einmal ein Auge zudrücken…

Daten und Fakten: Justin Schmid:  Necrology. Auf Leben und Tod – und darüber hinaus…; Necrology. Nun leg‘ ich mich zur Ruh…; Necrology. Unsterblich… Auf immer und ewig…. Aus dem Amerikanischen von Ralph Röber und Thomas Schichtel. Frankfurt am Main: Welt der Spiele 1996.  Softcover, ca. 96 S., € 17,95, ISBN 978-3-927903-17-5, 978-3-927903-49-3, 978-3-927903-52-3. (Alle Angaben außer den ISBN für die komplette Sammlung. Der deutsche Verlag gibt die Bände teilweise nur noch geschlossen ab.)

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