Wittwer / Schäfer / Frewer „Sterben und Tod“

Es ist schon viel geschrieben worden über den Tod und den Prozess des Sterbens – und es wird stets noch viel mehr darüber geschrieben. Gerade in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart findet der Tod wieder verstärkt Interesse bei Wissenschaftlern – nachdem er auch im öffentlichen Kulturbetrieb wieder deutlich stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, so dass Thomas Macho bereits von der „Neuen Sichtbarkeit des Todes“ spricht (ThanatoBlog wird hierüber noch ausführlich berichten). – Was bislang jedoch fehlte, waren gute, interdisziplinäre Überblickswerke zur Thanatologie; Sammlungen und Handbücher, die den aktuellen Forschungsstand zusammenfassen und dem Fachmann sowie dem Neugierigen den Einstieg und die Orientierung in diesen inzwischen nahezu unüberschaubaren Bereich der humanwissenschaftlichen Forschung erleichtern.

Dieser Zustand des Mangels hat nun ein Ende. Mit dem vorliegenden Band haben die Herausgeber Héctor Witter, Daniel Schäfer und Andreas Frewer ein interdisziplinäres Handbuch zur Geschichte, Theorie und Ethik von Tod und Sterben vorgelegt. Motiviert durch den Wandel der Umgangsformen mit Tod und Sterben, dem Wachstum der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Eingriffsmöglichkeiten sowie der immer wieder aufflammenden Diskrepanz zwischen technischer Entwickung und allgemein akzeptierter Moral ist es das erklärte Ziel dieses ersten thanatologischen Handbuchs in deutscher Sprache, in der immer unübersichtlicher werdenden wissenschaftlichen Debatte einen Überblick zu bieten. Dieser soll zudem nicht nur geeignet sein, theoretisch Interessierten umfassende Informationen über den gegenwärtigen Forschungsstand zu vermitteln, sondern auch auch all jenen als praktische Entscheidungshilfe dienen können, die in der Verantwortung stehen.

Ein erster Schritt zur Lichtung des gerade in jüngster Zeit wieder stark wuchernden Waldes an relevanter Information (vgl. die schnell und stetig anwachsende Bibliographie von Thanatologie.Net) besteht dabei in der von den Herausgebern vorgenommenen Neugruppierung der hochspezialisierten Einzelwissenschaften in zusammenfassende, homogene Themenbereiche, die sich voneinander wiederum in ihren übergeordneten Fragestellungen, also in ihrer grundlegenden, wissenschaftlichen Perspektive unterscheiden. Die vorgeschlagene Gliederung sieht neben einer naturwissenschaftlichen Perspektive, in der z.B. die Disziplinen Medizin und Biologie zusammengefasst werden, denn auch empirischehistorisch-anthropologische sowie evaluativ-normative Betrachtungen thanatologischer Themen vor. Ursprüngliches Ziel dieser Strukturierung mag es dabei wohl gewesen sein, in einem zweiten Schritt  jedes Problem bzw. jeden Gegenstand wissenschaftlich-thanatologischer Untersuchung jeweils aus allen vier Perspektiven innerhalb eines Kompositartikels zu untersuchen. Dass diese Vorgabe nicht streng eingehalten werden konnte, versteht sich fast von selbst – so ist etwa der „Sarg“ allein aus historisch-anthropologischer Richtung beleuchtet worden, andere Artikel, wie etwa „Todestrafe“ sind nur in zwei Perspektiven – hier die historische und die philosophische (als Bereich der evaluativ-normativen Forschungsrichtung) – untergliedert. Immerhin gibt es mit Artikeln wie „Sterbehilfe“ durchaus auch Beispiele für eine Dreigliedrigkeit der Analyse.

Leicht verwundert ist der Leser eventuell von der Grobaufteilung in die fünf Kapitel  „Sicht der Wissenschaften und Religionen“, „Grundlagen und Konzepte“, „Allgemeine Haltungen und Umgangsweisen“, „Konkrete Ausdrucks- und Umgangsformen“ sowie „Töten und den Tod erleiden“. Diese Oberthemen werden leider im Vorwort nicht theoretisch hergeleitet und so muss ein Rätsel bleiben, wieso die Autoren ausgerechnet diese Einteilung gewählt haben. Naheliegend wäre die Vermutung, dass es sich bei diesen Begriffen um jene handelt, die in der aktuellen, öffentlichen Debatte immer wieder Thema sind. Ein kurzer Blick in die Tageszeitungen und andere Infomedien scheint diese Annahme jedenfalls zu bestätigen. Auch die fehlende alphabetische Anordnung der Artikel mag den ein oder anderen zunächst irritieren – jedoch sei hier noch einmal daran erinnert, dass es sich bei dem vorliegenden Band nicht um ein Lexikon, sondern eben um ein Handbuch handelt, dass die simple alphabetische Sortierung der Lemmata zugunsten eines thematischen Gesamtkonzepts ganz bewusst vernachlässigt. Wer unbedingt Listen von A bis Z benötigt, dem stehen am Ende des Buches sowohl ein umfangreiches Personen- wie auch ein Sachregister zur Verfügung, die zusammen mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis sowohl eine intensivere buchimmanente wie auch eine über den Band hinausgehende Beschäftigung mit dem Thema erlauben.

Letztlich macht das Handbuch „Sterben und Tod“ sowohl auf den ersten als auch auf den zweiten Blick eine insgesamt sehr gute Figur. Mit seinen insgesamt 48 wirklich umfassenden, von renommierten Fachwissenschaftlern verfassten Artikeln, deren übersichtlicher, thematischer Gliederung, dem ausführlichen und weiterführenden wissenschaftlichen Apparat am Ende des Bandes sowie der vom Verlag gewohnten, hohen Qualität in Lektorat, Satz und Druck erfüllt es alle Anforderungen, die heutzutage an ein wissenschaftliches Überblickswerk gestellt werden, in vollem Maße. Die Herausgeber haben mit diesem ersten thanatologischen Handbuch wohl auch zugleich das Standardwerk für die kommenden Jahre vorgelegt, das im Regal der Fachkollegen auf keinen Fall fehlen darf. Nun muss allein noch ein dritter Blick – die alltägliche, fachliche Arbeit mit dem Buch – zeigen, ob diese aufgrund einer ersten Beschäftigung mit dem Werk erstellte Prognose gerechtfertigt ist.

Daten und Fakten: Sterben und Tod. Ein interdisziplinäres Handbuch. Herausgegeben von Héctor Wittwer, Daniel Schäfer und Andreas Frewer, Stuttgart: J. B. Metzler 2010. Hardcover, 389  S.,  € 49,95 , ISBN 978-3-476-02230-1. – Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt können den Titel als Lizenzausgabe für nur € 39,90 unter der ISBN 978-3-534-23938-2 erwerben. Die Lizenzausgabe der WBG war auch Grundlage für die hier veröffentliche Buchvorstellung.

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