Henning Poehl „Totentanz“

Manchmal erlebt man Überraschungen. Zum Beispiel, wenn man beim Stöbern in einem Online-Katalog für Gesellschaftsspiele auf ein Produkt stößt, das „Totentanz“ heißt und dessen Boxart, also die graphische Gestaltung der Verpackung, sofort an die klassischen Totentänze von Hohlbein u.a. erinnert: Ein Spiel, das sich dem Thema „Tod“ annimmt?  Für die Macher vom Sphinx Spieleverlag, der in seiner „Schwarzen Reihe“ neben dem Tod auch schon andere düstere Themen untergebracht hat, kein Widerspruch: „Wenn wir uns nicht mal im Spiel einem Thema nähern können, wie sollten wir es dann anders tun können? Wir sehen in Form von Spielen eine Möglichkeit sich auch mit ‚heiklen‘ Themen auseinander zusetzen, so wie es in Musik, Literatur, Filmen und Malerei auch geschieht (nur das es dort keine Verwunderung auslöst).“ [Quelle] Doch kann ein solches Spiel wirklich Spaß machen? Kann man wenigstens etwas beim Spielen lernen? Oder ist das Thema nur Provokation und das Produkt ein reiner Nischenfüller, kurios aber nur was für Sammler? Um das herauszufinden, habe ich natürlich sofort auf den „Bestellen“-Link geklickt…

Direkt bei der ersten realen Begegnung mit dem Spiel erlebt man eine weitere Überraschung. Zwar hatte ich mich zwischenzeitlich online ein wenig über die Idee und Mechanik des Spiels informiert, mir etwa die Produktseite bei Sphinx und diverse Rezensionen bei Reich der Spiele, Lorp oder Win angesehen, weshalb ich wusste, dass es sich bei „Totentanz“ um ein Kartenspiel handelt, aber dennoch war ich unvorbereitet, was die Winzigkeit der Spielbox betraf. Die kleine Schachtel misst grade einmal 13x6x3 cm. Der Verlag hat es tatsächlich geschafft, in dieser kleinen Box Spielkarten, Marker, Stäbchen, einen Aufsteller und sogar einen Würfel unterzubringen!  Dabei wirkt das Spielmaterial durchaus hochwertig. Die stabile Verpackung ist als aufklappbare Schachtel ausgeführt, was edel wirkt; Spielkarten und übriges Material sind durchgehend in schwarz-weiß gehalten. Allein die 4-seitige Spielanleitung wirkt wie eine schlichte, medizinische Packungsbeilage und ist damit nicht ganz auf dem allgemeinen Qualitätsniveau. Übrigens wartet auf dem Innenboden der Box dann direkt noch die dritte Überraschung: Sehr sinnig ist hier die sonst leere Fläche für ein Erratum genutzt worden.

Gegenstand des Spieles ist, so erfährt man aus der Anleitung, ein Streit des „weißen Todes“ mit dem „schwarzen Tod“ um das Ende der Lebenden. Dabei sind die Bezeichnungen der beiden Parteien, die im Verlauf einer Partie natürlich von den Spielern vertreten werden, jeweils Synonyme für den „natürlichen“ bzw. „unnatürlichen“ Tod. Es geht in diesem Spiel also darum, wie gestorben wird. Jede Seite versucht, so viele Menschen wie möglich auf die ihr je eigene Art zu töten, dafür gibt es schließlich Punkte und am Ende siegt der Spieler, der die meisten Punkte vorweisen kann. Klingt soweit nach einem vertrauten Prinzip – auch wenn es eher ungewohnt ist, dass man die Rolle des Todes übernimmt. Immerhin hat das einen ganz besonderen Reiz und man sollte nicht vergessen: so wird man in diesem Spiel zumindest nicht mit dem eigenen Tod konfrontiert! Die Frage ist daher nur, ob man es über sich bringen kann, die Leben der Menschen im Spiel zu beenden, was angesichts der teils doch recht düsteren und traurigen Darstellungen auf den Spielkarten manchem gar nicht so leicht fallen dürfte. Wer sich dabei übrigens am Zeichenstil stört, der einerseits versucht, Hohlbeinsche Motive und auch dessen Stil nachzuahmen, dabei aber andererseits moderne Themen und Figuren aufnimmt (etwa den Hacker, die Geschäftsfrau, den Chirurgen oder den Scharfschützen), der verkennt, dass die Darstellungen auf ihre besondere Art insgesamt durchaus ansprechend sind. Leider hat nur bei einigen wenigen Karten das Motiv offensichtlich unter dem Reproduktionsverfahren gelitten, was insbesondere beim Chirurgen auffällt, der dann doch sehr blass geraten ist, aber ansonsten eher vernachlässigt werden kann.

Dank der ausführlichen Spielregel spielt sich eine Partie „Totentanz“ recht unkompliziert – oder sollte ich sagen: sie sollte sich wohl so spielen. Denn bislang ist es mir nicht vergönnt gewesen, das Spiel tatsächlich mit einem Gegenüber zu testen. Alle folgenden Informationen basieren daher auf diversen Partien gegen mich selbst – und wir wissen alle noch vom Schach, dass solche Solitär-Partien eine ganz andere Qualität haben, als „echte“ Duelle. Dennoch: Wenn man die Spielregel einmal verinnerlicht hat, wobei einem Spielkarten mit Regelzusammenfassungen helfen, und wenn man schließlich das Spielprinzip einmal verstanden hat, sollte sich ein flüssiger und klarer Spielablauf ergeben – trotz der vielen Möglichkeiten, die das Spiel zumindest theoretisch bietet. Dabei müssen allerdings ein paar kleinere Voraussetzungen beachtet werden. So benötigt eine Partie „Totentanz“ zunächst einmal eine Menge Platz. Die Spielkarten werden allesamt in einer bestimmten Anordnung ausgelegt, so dass sie einen teilweise variablen und teilweise stets gleichen Spielplan bilden. Während des gesamten Spiels werden keine Karten „auf die Hand“ genommen, wie bei vielen anderen Kartenspielen üblich. Das bedeutet also, dass insgesamt 32 Karten sinnvoll auf einer möglichst ebenen Fläche angeordnet werden müssen, wobei allein das zentrale Spielelement, die aus Karten zu legende, kreisförmige „Totenuhr“ eine Fläche von ca. 50 cm Durchmesser benötigt. Damit ist „Totentanz“ kein Spiel für eine Auto- oder Busfahrt und auch in vielen anderen Situationen dürfte es aufgrund des Platzbedarfs schwierig werden, eine ordentliche Partie zu spielen, zumal einerseits mit kleinen Chips gespielt wird, die sich, so die  Erfahrung, gern in Luft auflösen, wenn man sie nicht genau im Auge behält und andererseits auch noch das ein oder andere Mal im Laufe eines Spiels gewürfelt werden muss. Hat man aber erstmal einen passenden Spieltisch gefunden, kann es endlich losgehen…

Henning Poehls „Totentanz“ ist ein rundenbasiertes Spiel, wobei allerdings hier schon eine Besonderheit gegenüber anderen Spielen zu beobachten ist: In jeder Runde wird der Startspieler, also der Spieler, der als erstes Aktionen innerhalb der neuen Runde durchführen kann, per Würfelwurf neu ermittelt. Das kann dazu führen, dass ein Spieler mehrfach hintereinander die Initiative behält, während sein Gegenüber zum Reagieren verurteilt ist. Durch die besonderen Art des Agierens im Laufe einer Runde wird dies allerdings zumindest scheinbar entschärft. Denn nachdem der Startspieler ausgewürfelt worden ist, wird anhand der zentralen Todesuhr zunächst einmal ermittelt, wieviele „Todesmarker“ jeder Spieler aus seinem Vorrat bzw. vom Spielplan erhält. Diese Marker stellen eine Art Währung dar, die für Aktionen in der letzten Phase eingetauscht werden kann und befinden sich grundsätzlich in einem Kreislauf, in dem sie immer wieder verteilt werden. Als Aktionen kommen drei Varianten in Frage: Erstens kann man den „tanzenden Tod“ bewegen, eine Figur, die sich außen um die „Totenuhr“ herumbewegt. Auf den Uhrzeiten der „Totenuhr“ liegen hauptsächlich Karten die symbolisch Menschen darstellen. Bleibt der „tanzende Tod“ vor einer solchen Karte stehen, kann die Zeit dieser Figuren abgelaufen sein – es ergibt sich die Möglichkeit für den Spieler, der den „tanzenden Tod“ bewegt hat, zu punkten. Doch ob sich dieser Tod punktemäßig auch lohnt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die im Folgenden noch erläutert werden. Zweitens kann ein Spieler auch die Totenuhr neu stellen. Denn eine der 10 menschlichen Figuren „zu holen“ nutzt gar nichts, wenn man dafür nicht genug Punkte bekommt, um seinen Gegenspieler einzuholen, oder ihm punktemäßig davon zu ziehen. Man bedenke: Es gibt insgesamt nur zehn Gelegenheiten zu punkten. Da muss jeder Tod das Maximum an Punkten herausbringen. Um die Punktzahl zu erhöhen, die man für einen Toten erhält und zugleich um die Anzahl der Handlungen zu erhöhen, die man in der nächsten Runde durchführen kann, kann man die Totenuhr neu stellen. Denn der Zeiger der Uhr zeigt an, wie viele eintauschbare Aktionsplättchen man in der Folgerunde erhält. Diese Plättchen sind zudem wichtig, weil sie ggf. den Tod eines Opfers begünstigen können. Drittens kann jeder Spieler „Todesmarker“ eintauschen, um besondere Fähigkeiten der noch lebenden Personen zu seinen Gunsten zu aktivieren. So können etwa die Positionen von Karten innerhalb der Totenuhr getauscht werden, etc. Die Verteilung der „Todesmarker“ auf die drei unterschiedlichen Aktionstypen wird dabei in jeder Runde zunächst verdeckt getätigt und dann dem Mitspieler offengelegt, bevor man die erste Aktion tatsächlich ausführt. Da die Aktionen dann abwechselnd durchgeführt werden, kann man durchaus noch auf den Startspieler reagieren, wenn auch nur begrenzt.

Was aufgrund des sehr systematischen Ablaufs recht simpel klingt, wird durch die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten und die diversen Varianten, das Spiel zu seinen Gunsten zu beenden, zu einem taktisch komplexen Unterfangen. Denn das Spiel endet natürlich zum einen, wenn alle 10 Figuren tot sind, aber zum anderen auch, wenn z.B. der in Punkten Führende es schafft, die Totenuhr am Ende einer Runde auf die 12 zu stellen – weshalb man immer beobachten sollte, wie viele Todesmarker das Gegenüber für das Bewegen der Totenuhr in dieser Runde vorgesehen hat. Damit das Spiel aufgrund des Taktierens nicht endlos dauert, hat der Autor einen Abnutzungsmechanismus vorgesehen, der dafür sorgt, dass bei gewissen Aktionen die „Todesmarker“ im „Paradies“ verschwinden. Dadurch ergibt sich bald die Gefahr, dass man zu Beginn einer Runde nicht mehr genügend „Todesmarker“ vom Spielplan einsammeln kann. Auch in diesem Fall ist das Spiel direkt zu Ende. Hier kann man also geschickt agieren, indem man einen Spieler, der schon viele Marker an das Paradies verloren hat, durch Heraufsetzen der „Totenuhr“ in Bedrängnis bringt.

Man merkt sicher schon an meinen Ausführungen: „Totentanz“ bietet durchaus taktisches Potential, ohne dabei allzu konstruiert zu wirken. Persönlich finde ich die Idee durchaus gelungen. Die Spielmechanik ergibt sich teils folgerichtig aus der Thematik, was eindeutig für das Spiel spricht. Um hierfür nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Aktiviert man die besonderen Fähigkeiten einer Person, „berührt“ man als Tod also diese Person, erhöht das automatisch die Chance, dass diese Figur dem Spieler zum Opfer fällt – was wohl absolut sinnig ist. Die besonderen Spieleffekte der Figuren selbst sind ebenfalls passend zu den Archetypen ausgesucht (der Läufer rückt vor, die Geschäftsfrau tauscht Marker in einem Handel aus, usw.). Auch die Varianten des Spielendes sind angemessen gewählt, denn sowohl der Tod aller Sterblichen im Spiel, wie auch die 12 auf der Totenuhr, die symbolisch für das Ende aller Sterblichen überhaupt steht, ergeben im Kontext des Spieles absolut Sinn. Nicht ganz sicher bin ich hinsichtlich sowohl der symbolischen als auch der tatsächlichen Bedeutung der „Todesmarker“: Die beste Erklärung bleibt zunächst die Vorstellung, dass es sich dabei um die Kraft des Todes selbst handelt, die natürlich je schwächer wird, desto weniger Sterbliche noch im Spiel sind. Doch so oder so: Ich kann es kaum erwarten, das Spiel in den nächsten Tagen mit echten Gegner weiter zu testen…

Daten und Fakten: Henning Poehl’s „Totentanz“. Dossenheim: Sphinx Spieleverlag 2005.  ca. € 13,99 , EAN 4015566005082. – Informationen vom Hersteller: Dauer ca. 45 Min., für 2 Spieler ab 12 Jahren.

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