Ärzte und Sterbehilfe – Eine Dokumentation

Seit dem 17. Februar rumort es wieder kräftig in der deutschen Ärzteschaft: An diesem Tag hatte Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, eine neue Fassung der Grundsätze zu ärztlicher Sterbebegleitung vorgelegt. Im Vorwort zu diesen Grundsätzen heißt es:

Nach der Berufsordnung haben Ärztinnen und Ärzte die Aufgabe, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern sowie Sterbenden Beistand zu leisten. Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist hingegen keine ärztliche Aufgabe. Das wird in der Präambel ausdrücklich klargestellt. Diese eindeutige Aussage bekräftigt die Grundaussagen zur ärztlichen Sterbebegleitung. Sie tritt an die Stelle der bisherigen Feststellung, dass die Mitwirkung des Arztes an der Selbsttötung des Patienten dem ärztlichen Ethos widerspricht. Damit werden die verschiedenen und differenzierten individuellen Moralvorstellungen von Ärzten in einer pluralistischen Gesellschaft anerkannt, ohne die Grundausrichtung und die grundlegenden Aussagen zur ärztlichen Sterbebegleitung infrage zu stellen.

Ausdrücklich wird die vorgenommene Veränderung hier benannt: Anstelle der bisher eindeutig wertenden Ablehnung von ärztlicher Sterbehilfe wird nunmehr nur noch festgestellt, dass diese nicht originär zu den ärztlichen Aufgaben gehöre. Die tageszeitung interpretierte diese Veränderung als Liberalisierung, obwohl Hoppe sich bemühte diesem Anschein entgegen zu wirken. Mit der Neuregelung sei weiterhin kein Arzt verpflichtet, gegen seinen Willen Sterbehilfe zu leisten. Andererseits werde nun klargestellt, dass eine freiwillige Teilnahme an lebensbeendenden Maßnahmen nicht länger grundsätzlich im Konflikt mit der ärztlichen Berufsausübung stehe. Im Klartext: Wolle ein Arzt einem schwerkranken Patienten auf dessen Wunsch bei der Verkürzung seines Lebens assistieren, so sei ihm dies nun prinzipiell freigestellt. Was auf den ersten Blick wie eine Anpassung an reale Verhältnisse klingt, löste jedoch unverzüglich eine neuerliche, heftige Debatte über die Rolle des Arztes und seine besondere Verantwortung aus.

So kritisierte die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, die Sterbehilfe grundsätzlich ablehnt, die Neufassung der Grundsätze noch am selben Tag als unethisch. Die Neuregelung lasse die behandelnden Ärzte orientierungslos zurück:

Das Ethos hat bei der Ablehnung der ärztlichen Begleitung zur Selbsttötung keine Bedeutung mehr. Die Ablehnung der Suizidbegleitung wird jetzt allein damit begründet, dass sie keine ärztliche Aufgabe sei. Somit bleibt der Arzt sich selbst überlassen, wenn es um die Gewissensentscheidung geht, eine Selbsttötung zu unterstützen oder abzulehnen. Ethisches Handeln braucht aber allgemeingültige Regeln, um nicht gewissenlos zu werden. […]

Die Patientenschutzorganisation der Schwerstkranken und Sterbenden appelliert an den Deutschen Ärztetag, sich der Abschaffung des ethischen Prinzips in der Muster-Berufsordnung zu widersetzen. Schon heute erleben immer mehr Patienten ärztliches Handeln als wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Die Verunsicherung der Patienten ist groß. Deshalb sollte der Deutsche Ärztetag klären, was ethisches Handeln des Arztes heute ist. Ebenso muss deutlich werden, dass Beihilfe zur Selbsttötung keine ethische Fortführung der Sterbebegleitung ist.

Der zuletzt geäußerte Appell an den Deutschen Ärztetag ist inzwischen bereits gehört worden. Auf seiner 114. Zusammenkunft in Kiel sprachen sich laut Zeitungsangaben 166 von 229 Delegierten für einen Antrag des Vorstandes aus, die Beteiligung von Ärzten an Maßnahmen zur Sterbehilfe deutlich schärfer zu sanktionieren. Eine Gratwanderung vor allem für den bereits oben erwähnten Hoppe, der neben seinem Präsidentenamt bei der Bundesärztekammer auch jenes beim Bundesärztetag ausübt. Sollten die Landesärztekammern dem Beschluss folgen, wäre es zukünftig denkbar, dass Ärzten, die Sterbehilfe leisten, ihre Zulassung entzogen wird, so die tageszeitung. Im Beschlussprotokoll des Ärztetages heißt es auf den S. 175/177 konkret:

Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht den ethischen Grundsätzen des ärztlichen Berufs. Dieses kommt in der neu in die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung der Bundesärztekammer aufgenommenen Formulierung „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe“ zum Ausdruck. Ebenso klar wird dies in der beantragten Formulierung zum § 16 der Musterberufsordnung „Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“ ausgedrückt. […] Der 114. Deutsche Ärztetag fordert den Vorstand der Bundesärztekammer auf, die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung vom Februar 2011 zu überarbeiten. Der Satz „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe“ wird ersetzt durch „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos und ist keine ärztliche Aufgabe“.

Die aus der Sicht des Ärztetages unglückliche Formulierung in der Präambel der neuen Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbehilfe soll demnach zurückgenommen und wieder durch eine eindeutige Stellungnahme gegen die ärztliche Beteiligung an Sterbehilfe ersetzt werden. Zudem soll Ärzten durch Änderung der Berufsordnung die Hilfe zur Selbsttötung ausdrücklich verboten werden, womit die Zeitungsberichte sich als korrekt herauszustellen scheinen.

Bedeutet dies nun, dass bei der Veröffentlichung der Grundsätze im Februar nur ein Formulierungsfehler passiert ist, der nun vom Ärztetag korrigiert wurde? Ist nun wieder alles beim Alten? Ist überhaupt irgendetwas passiert? Nun, gegen die These eines einfachen Formulierungsfehlers spricht der Text der Präambel dieser Grundsätze selbst, wie oben schon gezeigt wurde. Daher ist es wahrscheinlicher, dass die Öffentlichkeit in den letzten Monaten Zeuge eines Experimentes geworden ist. Ein Teil der Ärztekammer, darunter wohl auch Hoppe, hat meiner Meinung nach tatsächlich versucht, die Haltung gegenüber Sterbehilfe leistenden Ärzten zu liberalisieren. Allerdings scheint die Gemeinschaft der Ärzte für einen solch progressiven Vorstoß noch nicht bereit zu sein. Die liberaleren Vordenker wurden deshalb zurückgepfiffen und um sich überdeutlich von diesem neuen, gefährlichen Gedankengut abzugrenzen, schlägt man in die andere Richtung aus und verschärft sogar noch die bislang bestehenden Regelungen. Deshalb die Änderung der Berufsordnung. Der konservative Teil der Ärzteschaft (folgt man einem Interview des SPIEGEL mit dem Arzt Michael de Ridder vor allem die Ärztekammern Westfalen-Lippe und Hessen, mit Unterstützung der christlichen Kirchen) demonstriert seine Macht, er stellt die Ordnung wieder her, die von ein paar weltoffeneren Denkern gefährdet wurde.

Immerhin hat diese Episode aber noch einen positiven Nebeneffekt: Die Debatte über die Rolle von Ärzten ist auch unabhängig von Ärztekammer und Ärztetag wieder angestoßen worden. So kamen in der tageszeitung bislang der Medizinrechtler Oliver Tolmein sowie der Mediziner Gerald Wolf zu Wort, die beide klar Position bezogen, der eine strikt gegen, der andere unter gewissen Umständen durchaus für die professionelle Beteiligung von Medizinern an der Selbsttötung von Patienten. Nun liegt es an jedem Einzelnen zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Vielleicht empfiehlt es sich, mit einer Selbstbefragung beginnen: Was erwarte ich von meinem Arzt? – Und was kann und darf ich eigentlich von ihm erwarten?

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