Henning Poehl „Dia de los muertos“

Bereits im März berichtete ThanatoBlog von einem Spiel aus der Feder Henning Poehls. Dessen „Totentanz“ erwies sich als positiv-originelle Überraschung. Da lag die Frage nahe, ob auch andere Spiele des Autors ein vergleichbares Niveau erreichen. Glücklicherweise scheint Herr Poehl eine Vorliebe für makabre Themen zu besitzen, weshalb ich dieser Frage sogar in diesem Blog nachgehen kann. Mit „Dia des los muertos“ legt der Autor eine Interpretation des Klassikers „Zombie Rally“ von Adam Loper und Peter Spahos vor. Die Grundidee des Spiels ist dabei recht simpel: Die Spieler übernehmen die Rolle von Skeletten, die am Tag der Toten aus ihren Gräbern auferstehen und über den Friedhof wandeln, um zu feiern. Dabei haben sie die Möglichkeit, an diversen makabren Festivitäten teilzunehmen. Wer bis zum Morgengrauen an den meisten Feierlichkeiten teilgenommen, dabei seine Körperteile zusammengehalten, die Begegnung mit dem Totengräber und seinem Hund vermieden, sowie es zuerst wieder in sein Grab geschafft hat, gewinnt das Spiel.

So weit, so simpel. Würde man dieser Grundidee nun nur noch einen Würfel hinzufügen, hätte man sogleich ein einfaches und klassisches Parcours-Spiel im Sinne von „Mensch ärgere Dich nicht“. Doch es findet sich in der Spielebox – man muss sagen: glücklicherweise – kein Würfel. Stattdessen schlüpfen insgesamt fünf verschiedene Kartentypen, insgesamt 99 Einzelblätter, aus ihren Verpackungsfolien. Darunter sind, wie auch schon beim Spiel „Totentanz“, zunächst einmal Übersichtskarten für jeden Spieler, die in aller Kürze die wichtigsten Regeln knapp zusammenfassen; gefolgt werden diese dann von Spielreihenfolgekarten (!), die jede Runde neu bestimmen, in welcher Abfolge die Spieler ihre Aktionen durchführen dürfen. Ein dritter Kartentyp, die persönliche, zweiteilige Skelettkarte, zeigt jeweils die Vollständigkeit des eigenen Skelettes an – ein wichtiges Kriterium dafür, wozu man im Spiel überhaupt noch in der Lage ist. Schließlich runden zweiseitige Aktionskarten, die weiter unten noch ausführlich besprochen werden, sowie die begehrten Totenfestkarten, die es im Laufe des Spieles zu ergattern gilt, das Karten-Ensemble ab.

Bereits an dieser Stelle sollte klar sein, dass „Dia de los muertos“ es durchaus in sich hat. Deshalb bietet es sich wohl an, vom Ziel her zu denken und den Spielablauf dementsprechend von hinten aufzurollen. Das Ziel des Spiels wurde eingangs schon erwähnt, wir wollen es aber hier noch genauer fassen, indem wir uns die Siegbedingungen im Detail anschauen, denn Siegespunkte gibt es allein für zwei Dinge: Erstens für den Platz, an dem man ins Ziel – sein eigenes Grab – einläuft (bei sechs Spielern zwischen 7 und 0 Punkten). Zweitens für die eingesammelten Totenfestkarten, die je einen Ertrag zwischen drei und einem Punkt bringen und von deren drei unterschiedlichen Sorten man nur jeweils eine aufnehmen darf. Der Idealfall wäre also, von jedem Totenfestkartentyp eine Karte einzustreichen und dann als erster wieder zurück in seinem Grab zu sein. Das ergäbe 13 Punkte, die nicht zu toppen sind. Wie also kann man dieses Ziel am besten erreichen? Hier bietet Herr Poehl dank der Aktionskarten verschiedene Varianten an. Aktionskarten geben einem Spieler grundsätzlich zwei Möglichkeiten an die Hand: seine Spielfigur zwischen einem und drei Feldern zu bewegen, oder eine Sonderaktion durchzuführen. Eine erste Erfolg versprechende Strategie zum Sieg wäre demnach, sich allein auf seine Geschwindigkeit zu verlassen, möglichst schnell alle relevanten Felder vor den anderen zu erreichen und so dem Sieg einfach entgegen zu sprinten. Da die potentielle Reichweite der eigenen Figur aber allen anderen Mitspielern offen bekannt gemacht werden muss, indem man die Aktionskarten mit der Bewegungsaktion nach außen auf der Hand hält, können die Konkurrenten natürlich mitrechnen und werden versuchen, einen eventuell schnelleren Spieler mit ihren Sonderaktionen auszubremsen.

Die Sonderaktionen teilen sich dabei grundsätzlich in zwei Gruppen auf: Eine erste Gruppe, unter dem Oberbegriff „Angriffe“, zielt in der Regel darauf ab, den Kontrahenten einen Körperteil verlieren zu lassen. Wer einen oder sogar zwei Arme bzw. Beine weniger hat, der kann selber deutlich weniger Sonderaktionen durchführen und ist zudem signifikant langsamer, als die Spieler, die noch alle Gliedmaßen besitzen. Die zweite Gruppe der Sonderaktionen deckt das Feld von besonderen Bewegungsmanövern ab. Hier ist es möglich, zu einem anderen Skelett einfach aufzuschließen, einen Mitspieler an einer Bewegung direkt zu hindern, über einen Gegner hinüber zu springen, u.v.m. Nur vereinzelt gibt es neben diesen beiden Aktionstypen die Gelegenheit, eigene Knochenverluste mittels einer Aktionskarte wieder auszugleichen. Es wird deutlich: die Sonderaktionen bringen Leben in das Spiel der (auferstandenen) Toten! Sie ermöglichen die zweite Erfolg versprechende Strategie zum Sieg: Behindere und schikaniere Deine Gegner, bis sie komplett unfähig sind, überhaupt noch irgendetwas sinnvolles zu tun! Natürlich entwickeln sich gerade aus diesem Spielstil erbitterte Konflikte und die verrücktesten Situationen. Zumal Poehl an einen Mechanismus zum zumindest partiellen Chancen-Ausgleich gedacht hat. Die Rede ist von den oben erwähnten Spielreihenfolgekarten. Zu Beginn jedes neuen Zuges wird nämlich ermittelt, wer auf dem durchnummerierten Parcours über den Friedhof numerisch am weitesten vorangekommen ist und wer das Schlusslicht bildet. In genau umgekehrter Reihenfolge, also der bislang an letzter Stelle Stehende zuerst und der Führende zuletzt, dürfen die Spieler nun in der kommenden Runde ihre Aktionen wählen und ausführen. Die Ersten werden die Letzten sein – sprichwörtlich!

Neben den (un-)toten Konkurrenten droht zu guter Letzt auch noch eine weitere Gefahr, die nicht vergessen werden soll: Der Totengräber höchstselbst hat wohl Wind von der wilden Feierei auf seinem Friedhof bekommen und streift nun mitsamt seinem Hund umher, um nach dem Rechten zu sehen. Dabei erfüllt die Spielfigur des Totengräbers eine ganz wichtige Bremsfunktion für das Spiel. Denn der nicht von Skeletten passierbare Totengräber startet im Ziel und blockiert den Zugang zu diesem. Nur indem nacheinander alle auf dem Spielplan liegenden Totenfestkarten von den Spielern eingesammelt werden, kann die Figur des Totengräbers bewegt und der Weg zum Ziel freigemacht werden. Damit wird eine Partie „Dia de los muertos“ im Prinzip in zwei Spielphasen geteilt: In der ersten Phase geht es primär darum, durch taktisches Geschick beim Einsatz der Aktionskarten möglichst mehr Totenfestkarten einzusammeln als alle anderen. In der folgenden zweiten Phase, wenn der Durchgang zu den Gräbern wieder frei ist, startet dann ein Schlussspurt um die Punkte, die es für das möglichst frühzeitige Eintreffen am eigenen Grab gibt. So wird vor allem gen Ende der ersten Phase das Stellungsspiel zu einem wohl über Sieg und Niederlage entscheidenden Faktor. Besonders störend, weil ziemlich unberechenbar, ist in puncto Stellungsspiel der Hund des Totengräbers, der von jedem Spieler in seiner Aktionsphase bewegt werden kann, indem eigene Bewegungspunkte geopfert werden. Eine direkte Begegnung mit dem kleinen Vierbeiner ist keiner Spielfigur anzuraten, denn bekanntlich lieben es Hunde, erbeutete Knochen in Erdlöchern zu verstecken – und dieses Exemplar ist da nicht anders!

Fassen wir zusammen: „Dia de los muertos“ ist im Prinzip ein Wettrennen, bei dem man sich aber nicht zu früh über einen etwaigen Vorsprung freuen darf, weil mit dem Totengräber eine natürliche Bremse, mit dem Hund und den Mitspielern aktive, unberechenbare Hindernisse, sowie mit der in jeder Spielrunde neu bestimmten Handlungsreihenfolge ein Ausgleichsmechanismus existieren, die es möglich machen, dass sich das Blatt stets noch einmal wendet. Man braucht Voraussicht und ein wenig Glück, um an möglichst vielen Leichenfesten teilzunehmen und es am Besten als Erster wieder ins eigene Grab zurück zu schaffen. Spannung und Spielfreude ist damit garantiert – die Regeln, die auf den ersten Blick sehr einfach wirken, auf den zweiten aber einiges an Komplexität bieten, lernt man am Besten bei einer Proberunde oder direkt während des ersten Spiels. Dann ist auch eine Folgepartie zur Revanche quasi schon gesichert. Besonders erfreulich ist dabei, dass, wie schon beim Spiel „Totentanz“, die Thematik vom „Tag der Toten“ an keiner Stelle auf die Spielmechanik bloß aufgesetzt wirkt. Ganz im Gegenteil ergeben sich alle Elemente des Spiels und ihre Funktion aus dem Szenario des nächtlichen Feierns auf dem Friedhof – vielleicht mit Ausnahme des drastischen Konkurrenzdenkens der einzelnen Skelette selbst. Man könnte ja auch zusammen feiern und kooperativ eine gute Zeit miteinander verleben, wenn man schon nur eine Nacht wieder in der Welt der Lebenden weilt, oder? Doch dann wäre Poehls Spiel nur halb so amüsant. Immerhin geht es ihm ja auch nur um eine Rivalität aus sportlichen Erwägungen. Das ganze Spiel ist mit einem überdeutlichen humoristischen Anstrich versehen, der wundervoll von Michael Holtschulte (Tot aber lustig) illustriert wird. Daher: Kaufen und Spielen!

Daten und Fakten: Dia de los muertos – Der Tag der Toten. Ein Spiel von Henning Poehl. Mit Illustrationen von Michael Holtschulte. Dossenheim: Sphinx Spieleverlag 2007.  ca. € 18,90-24,99 , EAN 4015566005181. – Informationen vom Hersteller: Dauer ca. 60 Min., für 2-6 Spieler ab 16 Jahren.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Henning Poehl „Dia de los muertos“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s