Eindrücke aus Korsika

Passend zur Ferienzeit ein knapper Artikel, der einem kurzen Besuch auf der „Insel der Schönheit“ geschuldet ist. Selbst im Urlaub lassen mich die Themen Tod und Sterben eben einfach nicht los. Folgend daher drei Eindrücke, die sich ergeben haben, obwohl ich eigentlich gar nicht aktiv auf entsprechende Erfahrungen aus war.

1. Zur Gestaltung korsischer Friedhöfe

Bereits kurz nach der Ankunft auf der Insel, auf dem Weg vom Flughafen Bastia in die Innenstadt, begrüßt Korsika seine Besucher zwischen den Stadtteilen Puretti und Ponte-Prado mit dem Ausblick auf einen größeren Friedhof, der direkt an der Av. Sampiero Corso (N193) gelegen ist. Schon der kurze Blick von der Straße reicht aus, um festzustellen, dass Gräberfelder auf Korsika offensichtlich anders angelegt sind, als die meisten deutschen Friedhöfe. Wie später auch anhand des Friedhofs in Ajaccio bestätigt werden konnte, kann man korsische Friedhöfe kaum als „Totenacker“ bezeichnen, da ihnen der Charakter eines Feldes oder einer Wiese völlig abgeht. Stattdessen reihen sich dicht an dicht Grabhäuser, von denen man am besten einen Eindruck bekommt, wenn man das sehr reichhaltige Bildmaterial sichtet, das das Internet zu bieten hat. Die Bauten, die oft aus hochwertigem Stein errichtet und zumeist mit Verzierungen und Namensgravuren oder -schildern geschmückt sind, dienen, zumindest soviel scheint sicher, als Familiengruft. Für einen einzelnen Toten wären Kosten und Aufwand wohl deutlich zu hoch. Durch die dichte Anordnung an den Friedhofswegen sowie durch die teils doch recht große Höhe der einzelnen Totenhäuser kann beizeiten der Eindruck entstehen, man befinde sich in einer kleinen Totenstadt, wie etwa die Bilder von Stefan Negle aus Nottuln eindrucksvoll zeigen.

2. Zur Lage der korsischen Friedhöfe

Besonders interessant ist auch die Platzierung der Friedhöfe im Stadtbild. Sowohl in Bastia als auch in Ajaccio liegen die Friedhöfe doch recht weit außerhalb des Stadtzentrums (vgl. die beiden Links oben). Zu Fuß sind beide für Interessierte jedenfalls nicht bequem zu erreichen. Noch spannender ist die Lage in Corte, einer Stadt im Zentrum der Insel, die einst sogar Hauptstadt eines freien Korsika unter der Führung von Pascale Paoli gewesen ist. So sehr man sich dort auch bemüht, auf den Karten, die in der Stadt selbst hängen, auf denen, die man in der Touristeninformation erhält, oder sogar auf allgemeinen Stadtkarten von Michelin den Friedhof zu finden: man sucht vergebens. Nirgends ist der Friedhof verzeichnet. Erst eine Suche auf Satellitenbildern offenbart seine Lage im Nordosten der Stadt. Stattdessen kann man in Corte aber eine andere Besonderheit beobachten: An mehreren Stellen im Süden der Stadt stößt man auf einzelne oder in kleinen Gruppen angeordnete Gräber, die außerhalb jedes Friedhofes angelegt sind, etwa drei Gräber an einem Hang oder einer kleinen Gräbergruppe in der Nähe eines Campingplatzes. Beide Lokalitäten lassen sich leider aufgrund ihrer Größe nicht allein mittels Satellitenfotos wiederfinden.

3. Die Bruderschaften

Auf Korsika gibt es heute noch immer eine große Zahl von sogenannten confréries, Laien-Gemeinschaften, die ausschließlich Männern offenstehen und die hauptsächlich religiöse, darüber hinaus aber auch weitere soziale Funktionen innehaben. Glaubt man den Angaben aus der Ausstellung des Museu di a Corsica in Corte, so erleben diese Bruderschaften gegenwärtig sogar eine Art kleiner Renaissance. Eine der ursprünglichen Aufgaben dieser Gruppierungen war, das legen die Ausstellungsstücke im korsischen Nationalmuseum nahe, die gegenseitige Unterstützung im Falle des Todes und beim Totengedenken, wahrscheinlich sehr ähnlich den mitteleuropäischen Totenbruderschaften. Inwiefern hier tatsächlich eine Entsprechung vorliegt, müsste allerdings noch genauer untersucht werden. Nicht vorenthalten will ich meinen Lesern aber das Prozessionsbanner einer der Bruderschaften, welches im nun bereits mehrfach erwähnten Museum ausgestellt ist (hierbei gilt der Dank für das Foto einem guten Freund, der trotz schwierigster Lichtverhältnisse im Museum das denkbar Beste aus dem Bild herausgeholt hat):

 

Prozessionsbanner (Museu di a Corsica)

Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

Es ist unschwer zu erkennen, warum dieses Banner unbedingt beachtenswert ist: Das – anatomisch natürlich vollkommen inkorrekt dargestellte – Skelett auf dem Banner ist anhand der Sense mit der Aufschrift nemini parco („Ich verschone niemanden“) und der Sanduhr in seiner linken Hand eindeutig als Personifizierung des Todes zu erkennen. Der Tod sitzt hier auf einer Art Grabstein, welcher mit zwei gekreuzten Knochen verziert ist. Zu seinen Füßen liegen die Insignien diverser hoher Kirchenämter (Bischofsmitra und die Tiara, das Zeichen des Papstes), aber auch eine weltliche Krone mit Zepter und Schwert. Im Rahmen eines ersten Interpretationsversuches drängt sich sofort eine enge Verwandtschaft mit spätmittelalterlichen Totentänzen auf, die vor allem sozialkritisch auf die Gleichheit aller Menschen im Tode hingewiesen haben. Aber auch hier bedarf es noch einer ausführlicheren und kritischen Erforschung der Kunsthistorie dieser Darstellung, um zu sicheren Aussagen zu gelangen.

Weitere Hinweise zum Thema „Tod und Sterben auf Korsika“, sowie Verbesserungen und/oder zusätzliche Informationen zu den hier angerissenen Themen sind als Kommentare zu diesem Artikel oder auch per E-Mail ausdrücklich erwünscht und gern gesehen.

 

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2 Gedanken zu „Eindrücke aus Korsika

  1. Thomas

    Durch die Friedhöfe zu streifen ist ein besonderes Erlebnis. Kunstvoll die Bauten. Häufig sind die Särge noch direkt zu sehen. Hin und wieder hatte ich den Eindruck ein Römer hat sich hier niedergelassen.
    Interessant ist häufig die Lage. Dicht am Wasser oder auch nahe der Stadt. Heute würde man sagen ‚die beste Lage‘. Nehme mal an, die Grabhäuser wurden nach oben gebaut, da der felsige Untergrund keinen Tiefgang erlaubt(e).

    Antwort

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