Die Ärzte „Schneller leben“

Bereits 1949 ließen die Drehbuchautoren des Films „Knock On Any Door“ den Schauspieler John Derek in seiner Rolle als Gangster Nick Romano sagen: „Live fast, die young and leave a good-looking corpse“. Seitdem ist dieses Motto vor allem in der Musikszene und hier insbesondere im Bereich des Rock’n’Roll weit verbreitet. Die Kernaussage dieses Sinnspruchs liegt dabei in der Aufforderung zu einem möglichst intensiven Leben. Nichts soll ausgelassen, alle Erfahrungen sollen voll ausgekostet werden – und das im vollen Bewusstsein der Gefahren, die ein solcher Lebenstil mit sich bringt. Zugleich spricht aus dieser Aufforderung die Geringschätzung eines Lebens als bloßes Dahinvegetieren in vermeintlicher Sicherheit, eines stets in Sorge um die eigene Gesundheit und um das mögliche Morgen befindlichen bloßen Seins. Dementsprechend wird auch ein hohes Alter keineswegs als erstrebenswert betrachtet, sondern als von zunehmenden Einschränkungen körperlicher und geistiger Art durchzogenes Übel wahrgenommen. Dass diese Aufforderung nicht nur ein bloß theoretisches (Marketing-)Konstrukt ist, beweisen nach der Auffassung vieler Fans die Mitglieder des euphemistisch Klub 27 getauften Kreises von Musikern, die alle dem eingangs genannten Credo folgten und diese Lebensweise mit einem frühen Tod bezahlten.

Den großen Vorbildern folgend, scheint sich das Motto Nick Romanos seit einer Weile auch unter den Fans zunehmend zu verbreiten. Wie ließen sich anders die Exzesse in einschlägigen Lokalen und auf Festivals erklären? Wie der inzwischen in gewissen Kreisen schon allgegenwärtige, oft selbstzerstörerische Umgang mit dem eigenen Körper? Ohne Rücksicht auf das Morgen werden Alkohol, Nikotin und andere Rauschmittel in rauen Mengen konsumiert, wird die Haut mit Nadeln, Farbe, Metall und Feuer malträtiert. Doch was, wenn Rockmusiker selbst diese Art zu leben ironisch auf die Schippe nehmen? In ihrem 2003 auf dem Album „Geräusch“ veröffentlichten Song „Schneller Leben“, geschrieben von Farin Urlaub, ist die Haltung der Band Die Ärzte keineswegs als eindeutig pro „Live fast, die young,…“ zu bestimmen:

Wie in vielen Liedern der Band schwingt, so meine ich jedenfalls, im Text von „Schneller Leben“, der vordergründig ein Loblied auf die Jugend ist, eine gehörige Portion Ironie mit, die das allgemeine Rockergehabe des „Live fast“ aufs Korn nimmt. Passagen wie der Refrain zeigen dies noch recht deutlich:

Stirb jung! Stirb, so früh es geht.
Stirb jung – am besten vor der Pubertät.
Stirb jung – für mich ist es leider schon zu spät –
aber Du: stirb jung!

Auf eine Wiederholung des klassischen Mottos folgen hier zwei Verse, die in ihrer Überspitzung kaum anders verstanden werden können, als ironisch. Vor der Pubertät zu sterben hat nichts mehr mit intensivem Leben zu tun, sondern stellt einen Abgang aus dem Sein dar, der schon deshalb viel zu früh kommt, weil die – insbesondere bei Rockfans – oft interessantesten Lebensphasen (Jugendzeit und frühes Erwachsenenleben) durch einen so zeitigen Tod gar nicht mehr ausprobiert werden können. Auch der Verweis der Musiker, sie selber hätten den rechten Moment zum Abtreten eigentlich schon verpasst – und seien damit nun halt verdammt alt zu werden – kann nicht überzeugen. Es wäre viel zu leicht, sich auch im besten Alter noch körperlich durch maßloses Drauflosleben schnell zugrunde zu richten. Stattdessen verweist die Weigerung zu sterben auf die Engstirnigkeit des Mottos des „schneller lebens“, die hier kritisiert wird. Nicht zuletzt geben die Berliner Musiker hier ein performatives Gegenbeispiel zum klassischen Rocker-Lebensentwurf ab, indem sie vorleben, das man auch im fortgeschrittenen Alter noch Spaß und Erfolg mit Rockmusik und Freude am Leben haben kann.

Doch auch an anderen Stellen lässt sich zeigen, dass der wiederholte Ausruf „Stirb jung!“ nicht als Ermutigung zum Suizid, sondern zum Hinterfragen der bisherigen Vorbilder gedacht ist. So werden hier als Vorbilder Kurt Cobain, Jesus, Jimi Hendrix und Bruce Lee angeführt. Informiert man sich aber über die Lebens- und Todesumstände eben dieser Männer, so wird man natürlich schnell feststellen, dass kaum einer von diesen sein frühes Ableben geplant oder unter das Motto aus „Knock on any door“ gestellt hätte.

(1) Kurt Cobains letzte Worte „It’s better to burn out than to fade away“ muss man im Kontext seiner schmerzhaften Magenkrankheit sehen und nicht als fröhlichen Abschied oder gar grundsätzliche Flucht vor dem Alter. Sicher hat er die Perspektive nicht gemocht, dauerhaft unter schweren körperlichen Symptomen seiner Erkrankung zu leiden – wer jubelt ob einer solchen Aussicht? Aber ihm zu unterstellen, dass er auch ohne diese Krankheit freiwillig auf ein längeres Dasein verzichtet hätte, halte ich bis heute für eine gewagte These.

(2) Jesus von Nazareth kann eine entsprechende Absicht auch kaum nachgesagt werden. Folgt man der christlichen Überlieferung, so starb er am Kreuz, weil es im Rahmen der Heilsgeschichte so geschehen musste. Folgt man hingegen der rein historischen Quellenlage, so wurde er hingerichtet, weil er als Störer der Ordnung und des Friedens galt, den man nicht länger tolerieren wollte. Im einen Fall haben wir es also mit einem theologischen Schicksal zu tun, im anderen mit reiner Macht- und Sicherheitspolitik. Dass Jesus sich in sein Ende fügte, hat sicher mehr mit dem Glaubensaspekt der Erzählung zu tun. Ich unterstelle ihm dennoch, dass er sicher gerne mehr Zeit gehabt hätte, Gutes auf der Erde zu bewirken – oder seine reformatorischen Ideen weiter zu verbreiten.

(3) Jimi Hendrix ist von den vier angeführten Vorbildern vielleicht das realistischste – mag man denken. Doch auch hier gibt es Fakten, die gegen ein freiwilliges frühes Ableben inkl. angeblichem, intentionalem Verzicht auf ein hohes Alter sprechen. So war der Ausnahme-Musiker zum Zeitpunkt seines Todes schon jahrelang abhängig von harten Drogen, was ihn offenkundig sehr mitnahm und in seinem Schaffen mehr behinderte als dem irgendwie zuträglich war. Zudem starb er nicht aus freien Stücken, sondern erlag einem sehr unschönen Unfall – er erstickte nach übermäßigem Alkoholkonsum an seinem eigenen Erbrochenem.

(4) Bruce Lee schließlich fällt nicht nur deshalb aus dem Rahmen, weil er schon ein sehr ordentliches Alter erreicht hatte – er wurde immerhin 32, sondern auch deshalb, weil er noch mitten im Schaffen eines neuen Filmes durch medizinische Probleme dahingerafft wurde. Sein Ende kam völlig unerwartet, war nicht geplant und es kann davon ausgegangen werden, dass Lee sicher noch gerne für weitere Jahre erfolgreich gewesen wäre, vielleicht sogar gerne ein hohes Alter erreicht hätte. Nichts spricht nach erster Begutachtung seiner Biografie für das Gegenteil.

Damit ist die angebliche Anwaltschaft dieser vier Personen für das „Live fast…“-Credo als Lüge, bzw. zumindest als Ungenauigkeit, entlarvt. Zusammen mit dem ganz offensichtlichen Spott, der aus der Feststellung trieft, man bleibe im Tod schön und Leichen wären beliebter als lebende Menschen liegt genug Material vor, um klar zu sagen: Wer dieses Lied der Ärzte weiterhin als Aufforderung zu exzessivem, zukunftsblinden Leben betrachtet, der hat ganz offensichtlich den Text nicht richtig gelesen.

„Aber was ist mit den Strophen eins und drei?“, könnte man nun fragen. Kritisieren diese denn nicht doch sehr deutlich das hohe Alter und sprächen daher doch für den Ernst der Aufforderung zum Tod, bevor dieser Zustand des Verfalls erreicht wird? Nun, sicher bieten sie zunächst einmal die Bühne, auf der die Kritik am Entwurf des „schnellen Lebens“ überhaupt formuliert werden kann. Natürlich gestaltet sich das Leben im Alter nicht mehr so, wie in den besten Jahren. Wie jeder weiß, gibt es deutliche Einschränkungen, speziell bei den körperlichen Fertigkeiten. Aber mit den Versen „Parkinson mein nächstes Ziel/ Dann kann ich schnelle Achtel spielen“ verweisen die Künstler doch zumindest auf eine Einstellung zum Alter, die vielleicht mehr Werbung braucht: Man sollte das beste draus machen. So lese ich den Song jedenfalls. Aber vielleicht könnte man dazu auch noch mehr sagen… ein andermal.

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2 Gedanken zu „Die Ärzte „Schneller leben“

  1. zeit.punkt

    Dazu aus aktuellem Anlass als Ergänzung ein Zitat aus der Rede Steve Jobs an der Stanford Universitiy im Jahre 2005, welches zwar nicht explizit das Altwerden lobt, aber auf den Umgang mit dem Leben und der Vorbildfunktion der Jugendlichen aufmerksam macht:

    „Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life. Don’t be trapped by dogma — which is living with the results of other people’s thinking. Don’t let the noise of others‘ opinions drown out your own inner voice. And most important, have the courage to follow your heart and intuition. They somehow already know what you truly want to become. Everything else is secondary.“

    Die ganze Rede ist zu finden unter:


    Antwort
  2. CR

    Guten Morgen,

    ich stimme deiner Grundintention zu und unterschreibe deine Interpretation des Ärzte Songs, neige aber noch zu folgender Differenzierung:

    Man entscheidet sich nicht dafür früh zu sterben, sondern möglichst exzessiv zu leben, also für das „live fast.“ „Die young“ ist dann eine wahrscheinliche Konsequenz – aber natürlich eine unerwünschte. In sofern bezieht sich der Lebensentwurf eines „27-Rockstars“ nur auf das „Live fast.“

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand jemals vor hatte jung zu sterben. Exzessiv im Augenblick zu leben, bedeutet aber auch, dass man sich keine Gedanken über seine Zukunft macht und die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes wird durch den exzessiven Lebensstil eben größer.
    Somit ist die vollständige Formel „Live fast, die young“ nicht als ein Lebensentwurf zu verstehen, zu dem ich mich bewusst entscheide. Sondern die Formel ist eine Kategorisierung die im Nachhinein auf die Lebensführung eines Rockstars passt, dem man unterstellen kann, dass er sich für die Haltung „Live fast“ entschieden hat.

    Versteht man „Live fast, die young“ als Lebensentwurf, dann haben Jimi und Co., wie du geschrieben hast, keine Anwaltschaft darauf. Aber wie gesagt: dass hat wohl niemand. Jimi und Co. haben sich für „Live fast“ entschieden. Damit sind sie ein Risiko eingegangen: Ich lebe jetzt exzessiver und riskiere dadurch einen früheren Tod, den ich mir allerdings nicht wünsche, aber naja: „Shit happens.“

    Antwort

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