Wolfgang Hübner „Gevatter Tod“

Bereits unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1946 begann die Deutsche Film AG (DEFA), ein volkseigener Betrieb der DDR, mit der Verfilmung von deutschen Märchen für das DDR-Fernsehen. Was mit einer Adaption von Hauffs „Das kalte Herz“ 1950 seinen Anfang nahm, wurde schließlich bis ins Jahr 1989 fortgeführt: Insgesamt entstanden mehr als dreißig Märchenfilme, von denen eine kleinere Auswahl seit Mitte September diesen Jahres von der in Berlin ansässigen Icestorm Vertriebsgesellschaft wieder einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird. Teil des Sortiments ist auch Wolfgang Hübners Fassung des Klassikers „Der Gevatter Tod“, dessen Text zuerst 1812 in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm erschien, wobei sich die Filmfassung allerdings wohl eher an der Fassung letzter Hand von 1857 orientiert.

Zwar haben sich die beiden Autoren des Drehbuchs, Wera und Klaus Küchenmeister, der Textüberlieferung gegenüber ein paar kleinere Anpassungen der Geschichte erlaubt, um die grobe Erzählung des Märchens in sich schlüssiger zu gestalten und den für einen Spielfilm notwendigen, längeren Handlungs- und Spannungsbogen zu schaffen – so wird die Handlung zum Beispiel konkret im spätmittelalterlichen Görlitz lokalisiert, der Grimmsche Märchenkönig wird entsprechend durch den Bürgermeister ausgetauscht, und es werden komplett neue Nebenstränge in die Handlung eingefügt, wie etwa die Episode um die Mume (d.h. „Tante“ oder „Amme“) Ursel, die wegen eines bösen Gerüchtes und des Aberglaubens der Görlitzer schließlich als Hexe verbrannt werden wird, oder das Geschehen rund um die polnischen Händler, die die Pest in die Stadt bringen -, unverändert bleibt in der Filmfassung allerdings das zentrale Thema des Märchentextes: Der überhebliche Versuch des Menschen, den Tod zu überlisten, der letztlich scheitern muss.

Obwohl Vater Hans Kläusle gerade deshalb den Tod zum Gevatter wählt, weil dieser – im Gegensatz zu Gott und Teufel – gerecht sei und sich nicht durch Stand oder Begierden beeindrucken lasse; obwohl Jörg von seinem Gevatter höchstpersönlich die unumstößliche Regel erhält, ihn am Ende immer zu respektieren, denn „Wenn’s aus ist, ist es aus“; obwohl der Gevatter im Gegenzug für diesen Gehorsam sein Patenkind gut versorgt, so wie er es versprochen hatte und aus dem jungen Mann einen respektablen Mediziner macht …  Obwohl er also eigentlich keinen Anlass dazu haben sollte, nimmt es sich Jörg beim nahenden Ende des Bürgermeisters dennoch heraus, mit dem Tod darüber zu diskutieren, wer zu entscheiden habe, wann die Zeit eines Menschen auf dieser Erde abgelaufen sei. „Ich wills, ich werds versuchen“, konstatiert der Medicus allen Einwänden seines Paten zum Trotz und macht, was er  aus seiner (wie sich später noch herausstellen wird: sehr beschränkten) menschlichen Perspektive für richtig hält. Mit einem einfachen Trick rettet er den Kranken und beginnt so einen Konflikt, den er nicht gewinnen kann. Doch für diese Erkenntnis ist er zunächst blind, wohl auch, weil seitens des Todes keine unmittelbaren Konsequenzen auf die Tat des Arztes folgen. Das Motiv des jungen Kläusle für seinen eher spontanen Ungehorsam bleibt dabei zunächst unbestimmt. Zwar bietet Barbara, die Tochter des Bürgermeisters, dem Medicus im Namen ihres Vaters Tuch und Gold als Belohnung für dessen Heilung an – aber ist es wirklich nur die Habsucht, welcher Jörg hier nachgibt? Oder sollte man lieber seine Aussage „Die Tochter bedarf des Vaters noch“ als Leitidee anführen, die er seinem Paten gegenüber als Rechtfertigung nutzt? Für letzteres spräche auch seine Rettung des polnischen Jungen Stanislaus vor den aufgebrachten Görlitzer Bürgern, sowie die unentgeltliche Behandlung eines an Stickfieber leidenden, armen Jungen. So könnte man also durchaus gewogen sein, dem Medicus eine philanthropische Neigung zu unterstellen, aus der heraus er sich dem Tod entgegenstellt.

Tatsächlich geht es ausgerechnet Jörg Kläusle – ihm, der es ja aus eigener Anschauung besser wissen müsste – wohl um ein noch viel größeres Ziel. Er ist, wie sich im weiteren Verlauf des Films noch klarer herausstellt, ein Anhänger der Idee, dass kein Mensch mehr vorzeitig an Krankheiten sterben muss und dass es möglich sein wird, das Leben des Menschen durch den Gebrauch des Verstandes weithin zu verlängern. Er bringt bereits aus seinem Studium neue Vorstellungen über Medizin mit und entwickelt diese durch eigenes Nachdenken weiter – ein zu dieser Zeit ungehöriger Vorgang, wie die Reaktion des Stadtrates von Görlitz auf die Vorschläge des jungen Arztes zur Seuchenbekämpfung sehr schön zeigt. Kläusle verfällt der Hybris, sich mittels der Vernunft, moderner Medizin und der Wissenschaften über die Gesetze der Natur, bzw. hier über jene des Todes, hinwegsetzen zu können. Von seinem Gevatter, dem Tod, schließlich wegen seines Ungehorsams und des Tricks zur Rede gestellt, verschweigt er diese Motive jedoch und wiederholt nur die Aussagen, die er schon am vermeintlichen Totenbett des Bürgermeisters getätigt hat. Bereits in dieser Szene wird allerdings auch deutlich, dass der Arzt trotz seines Erfolges und großen Glücks – er ist inzwischen immerhin Görlitzer Bürger und in die höchsten Gesellschafts-Kreise aufgestiegen – noch immer unzufrieden ist. Weshalb sonst sollte er seinen Gevatter in dieser Situation noch einmal daran erinnern, dass dieser zugesagt habe, es solle seinem Paten stets wohlergehen? Hier werden erste ernsthafte Zweifel an der philanthropischen Motivlage des Medicus wach, die dann schon in der direkt folgenden Szene am Bach weiter wachsen, als dort der Bürgermeister dem Patenkind des Todes das Alleinerbe verspricht, sollte er Barbara vor Krankheit und Siechtum bewahren. Lange bleibt die Kamera am Ende dieses Dialogs auf Jörgs Gesicht stehen – und wir sehen, wie ein verschmitztes, ja fast hämisches Lächeln um seine Lippen spielt. Weiter nähren zudem Kläusles Versuche als Alchemist – auf der Suche nach dem Stein der Weisen, der ihn reich machen soll – die Vermutung, dass, selbst wenn am Anfang seines Widerstandes gegen den Tod die Liebe zu den Menschen gestanden haben sollte, diese Liebe inzwischen durch rein materielle Habsucht ersetzt worden ist.

Interessanterweise lässt sich der Gevatter auch nach dem zweiten Betrug des Medicus Zeit, bevor er seinen Paten zur Rede stellt. Diesmal – zum ersten Mal überhaupt im Film – trägt der Tod einen Schlapphut – möglicherweise als zusätzliche Insignie seines Amtes? – und führt seinen Begleiter in sein Reich hinab. Am Ufer des Flusses, auf dem die Lebenslichter dahinschwimmen, kommt es zur finalen Auseinandersetzung. Dem enttäuschten Tod geht es darum, dass Jörg die Bedeutung des Wortes „endgültig“ versteht – und um die Frage, warum die Menschen in der Natur die Ausnahme sein und sich ihm, dem Ende, entziehen wollen. Der Arzt hingegen offenbart an dieser Stelle, dass er jedwedes moralisch „gute“ Prinzip aufgegeben hat. Er fleht seinen Patenonkel an, ihn nicht zu holen, denn sein Leben, so wie er es sich dies vorstelle, beginne doch gerade erst – und als der Tod Kläusle Barbaras verlöschendes Lebenslicht zeigt, es sogar selbst auspusten will, wird erst recht deutlich, dass aus dem Philanthropen von einst inzwischen ein Egomane geworden ist, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Jedoch, er sieht das große Ganze nicht, die Zusammenhänge: das ein anderes Leben vorzeitig beendet werden muss, um die Tochter des Bürgermeisters zu retten. Der Gevatter hingegen hat den Überblick und tut, worum ihn sein Patenkind bittet – damit dieses „endgültig“ lerne, was es heißt, mit dem Tod der Menschen so leichtfertig umzugehen. Doch Jörg versteht auch jetzt noch immer nicht. Er kann die dem Zuschauer inzwischen offensichtliche Verbindung zwischen dem „Unfall“-Tod des Stanislaus, Barbaras Weiterleben und seiner eigenen Entscheidung der letzten Nacht einfach nicht selbstständig herstellen. Es bedarf der Erklärung des Todes; woraufhin der Medicus aus Furcht vor sich selbst in die Welt hinaus flieht.

Mit diesem Ende hat das Trio Küchenmeister/Hübner eine grausame Alternative zum ursprünglichen Märchentext geschaffen, in welchem der Tod zum Schluss aus purer Rache das Leben seines Patenkindes auslöscht. Grausam deshalb, weil für den Jörg Kläusle des Films, dem tragischen Symbol für den der Überheblichkeit verfallenen Menschen, der schreckliche Verlust von ihm nahestehenden Personen und die Einsicht in die zerstörerische Macht der eigenen Entscheidungen viel schwerer wiegen, als der eigene Tod es jemals könnte – es gibt also schlimmere Strafen als den Tod für die, die nach der Unsterblichkeit streben. Dem Arzt – und nicht nur dem aus dem Märchen, sondern dem gesamten Berufsstand – wird hier vor Augen geführt, welche Verantwortung es mit sich bringt, über Leben und Sterben der Menschen zu entscheiden. Eine Mahnung, die in der Erzählung mit ihren drastischen Konsequenzen schließlich das bewirkt hat, was einfache Worte vorher nicht zu leisten im Stande waren! Diese Thematik und dieses Ende sind es, die die Geschichte vom „Gevatter Tod“ heute noch so erzählenswert machen – ob in ihrer Textform oder im Gewand des vorliegenden Films. Denn die Frage, wo die Grenzen des Möglichen in der Medizin liegen, wo Wissenschaft und Technik am Ende sind und der Natur, d.h. letztendlich dem Tod, der Lauf gelassen werden muss, ist bis in unsere Tage hinein hochaktuell. Welches Leben lebenswert ist, müssen Mediziner und Angehörige jeden Tag aufs Neue entscheiden, ob bei Transplantationen, bei der Auswertung von Ergebnissen der vorgeburtlichen Diagnostik oder im Zuge der Entscheidung über den Sinn der Durchführung oder Unterlassung von lebenserhaltenden oder -verlängernden Maßnahmen, etwa bei Koma-Patienten. Was kann es da schaden, wenn man sich der „Weisheit, die in alten Märchen steckt“ erinnert?

Dabei ist die DEFA-Produktion vom Beginn der 80er-Jahre, trotz ihres inzwischen recht hohen Alters, dem Text tatsächlich vorzuziehen – ein Urteil, dass man auf diesen Seiten wohl eher selten lesen wird, das jedoch in diesem Falle völlig gerechtfertigt ist. Der Hauptgrund dafür ist schnell ausgemacht: Im Film wird eine konkrete Geschichte erzählt, an einem realen Ort zu einer klar eingrenzbaren Zeit. Die Figuren sind greifbar genug, dass man sich mit ihnen identifizieren kann – was ganz eindeutig auch dem soliden Spiel der Darsteller geschuldet ist, welches vielleicht nicht immer perfekt sein mag, aber handwerklich noch immer sauberer ist, als in vielen Fernsehfilmen jüngeren Datums. Dieter Franke spielt den Gevatter einfach großartig, mit stoischer Ruhe und der beim Tod zu erwartenden, absoluten Selbstsicherheit; Jan Spitzer mimt den Medicus ebenso hervorragend, keck und doch bedacht; und Hannes Fischer nimmt man den jovialen Bürgermeister gern ab. Auch die vielen kleineren Nebenrollen sind zumeist treffsicher besetzt, weshalb es trotz des düsteren Themas doch tatsächlich Spaß macht, den Film immer wieder anzusehen. Dazu trägt auch die wundervolle Ausstattung bei, die glaubhaft das Leben im Görlitz des 14. Jh. erleben hilft. All diese Vorzüge kann die Textfassung leider nicht vorweisen. Sie bleibt auch in der Fassung letzter Hand abstrakt und dem Leser fern – speziell jenem ohne Gespür für frühneuzeitliche Erzählformen. Die wenigen Fehler und Ungereimtheiten im Film übersieht man daher gern – und auch deshalb, weil man Entsprechendes auch dem Märchen in seiner Schriftform vorwerfen könnte. Zwar bleibt die spannende Frage, welches Geheimnis der Tod seinem Patensohn zu Beginn in der Schenke am Marktplatz verraten hat, unbeantwortet und auch über die Motive Jörgs lässt sich, wie oben schon gezeigt wurde, geteilter Meinung sein – aber Geheimnisse sind nun mal Geheimnisse, weil sie geheim sind und was die Beweggründe des Medicus betrifft, so bleibt nur festzustellen, dass ein Mensch, der zwischen verschiedenen Wünschen hin- und hergerissen scheint, am Ende viel plausibler sein mag, als jede Kunstfigur, die nur einen einzigen Antrieb für ihr Handeln kennt.

Erstaunlich übrigens – und das sei zuletzt noch kurz erwähnt -, dass der Film, obwohl er aus sozialistischer Produktion stammt, so gut wie keine politischen Inhalte anzusprechen scheint. Bis auf einen kurzen Seitenhieb des triumphierenden Todes am Ende, in dem der Gevatter trocken feststellt, dass Gott und Teufel nur im Menschen selber existierten, während er, der Tod, als einziger ewig sei, könnte man höchstens noch die bewusst kontrastierende Darstellung von Gott, Teufel und Tod anführen, die ins Weltbild des realen Sozialismus passt. Denn während Gott in edler Patrizier-Kleidung am Wegesrand steht und auf den armen Hans Kläusle trifft; und während der Teufel mit Fidel und im aufschneiderischem Pomp daherkommt, reitet der Tod in schlichter Bauernkleidung auf einem Ochsen den Feldweg herauf. An anderer Stelle jedoch, etwa beim Bankett im Rathaus nach der Rettung des Bürgermeisters, oder bei der Darstellung des Lebens im Haus desselben, kommen die hohen Herren allesamt ungeschoren davon. Kein Hinweis auf Klassenkampf oder nur Unzufriedenheit bei den Bediensteten – stattdessen wird mit dem Herrn gelacht und gelitten und freudig alles erfüllt, was verlangt wird. Auch der Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft, der am Rande ausgefochten wird – greifbar etwa am Schicksal der Mume Ursel oder den Reaktion auf des Medicus Vorschläge zum Umgang mit der Pest -,  hätte sicher noch weitere Anknüpfungspunkte geboten. Ach wie gut, dass sich Regisseur und Drehbuchautoren dann aber nicht auf alle diese Möglichkeiten eingelassen haben. Denn dann wäre der Film sicherlich nicht solch ein Märchenklassiker geworden.

Daten und Fakten: Wolfgang Hübner „Gevatter Tod – Ein Farbfilm nach dem Märchen der Gebrüder Grimm“, DEFA (DDR) 1980, Laufzeit ca. 73 Min., EUR ca. 8,99, EAN 4-028951-490752.

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