Museum für Sepulkralkultur

Es gibt in diesem Land unzählige Kunstmuseen, Geschichtsmuseen und Stadtmuseen. Es gibt Korbmachermuseen, Orgelmuseen und sogar – gerade in Bezug auf die letzten Tage wieder hoch interessant –  Karnevalsmuseen. Man könnte bei der Vielzahl der musealen Institutionen fast den Eindruck bekommen, wir lebten in einer Welt, die die Konservierung der Vergangenheit und ihrer wertvollsten Produkte zum höchsten Ziel erkoren hat. Doch was den meisten Museumsgängern auf ihrer Liste der von ihnen bereits besuchten Häuser noch fehlt, ist der Besuch des bundesweit einzigartigen Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Nicht nur, dass das Haus bei weitem nicht so bekannt ist, wie viele andere Museumsarten, sondern auch der Umstand, dass die Besucher dort bei jedem Exponat an ihre eigene Sterblichkeit erinnert werden, mag zu diesem Faktum beitragen.

Dabei hat das Kasseler Museum so viel mehr zu bieten, als den erhobenen lebensphilosophischen Zeigefinger. Tatsächlich gibt es in dem stilistisch gelungenen, lichtdurchfluteten Anbau in der gut zu erreichenden und mit Parkplätzen ausreichend ausgestatteten Weinbergstraße, mit seinen verwinkelten, modernen und auf mehrere Etagen verteilten Austellungsflächen schier unzählige Gelegenheiten zu staunen, zu entdecken (z.B. versteckte Naegli-Graffiti) und sogar zu lachen! Neben einem großen, chronologisch strukturierten Rundgang zur (deutschen) Friedhofsgeschichte der Neuzeit wartet das Sepulkralmuseum auch mit kleineren Ecken zum Thema Totentanz und internationale Trauerkultur auf. Zudem wird ein Einblick in die historische und gegenwärtige Rezeption der Prozesse von Sterben und Tod gewährt, werden kuriose Exponate, wie etwa das Eisenbahn-Modellbauset „Friedhof“ gezeigt, werden alte, pferdegezogene Leichenwagen, eine Auswahl unterschiedlicher Särge, Sargformen, Grabsteinen, -stelen und anderer Grabkennzeichen präsentiert.

Dabei wird man nur ganz kurz nach dem Eintritt von der Reizfülle, die dieses Museum bietet, leicht verwirrt sein – da leider (oder auch absichtlich?) ein klarer Wegweiser durch das Haus und auch ein ausgewiesener Rundgang fehlen. So muss man die Grobstruktur – mit der Wanderaustellungsfläche direkt hinter dem Eingangsbereich und der sich daran anschließenden Daueraustellung, die wiederum das Pferd von hinten aufzäumt und den Besucher dazu verleitet, sich schließlich immer tiefer in die Exponatwelt hinein zu begeben – selber erschließen und dann entscheiden, wo man eigentlich beginnen und wie man seine Route planen will. Vielleicht ist es aber auch am einfachsten, sich schlichtweg durch das Gebäude hindurch treiben zu lassen. Wie man sich auch entscheidet: Genug Zeit sollte man auf jeden Fall mitbringen. Zwar benötigt ein kurzer, oberflächlicher Rundgang durch die Ausstellungen kaum mehr als eine bis anderthalb Stunden – doch wirklich befasst hat man sich dann kaum mit einem der Stücke. Da aber auch Marathon-Aufenthalte in Museen meist kontraproduktiv sind, sollte man gegebenenfalls zwischendurch eine Pause einlegen, oder die Erkundung des Hauses auf zwei Tage verteilen. Die günstigen Einlassgebühren sowie das schicke, modern eingerichtete Museumskaffee hinter der Kasse, erlauben beide Strategien.

Didaktisch und konzeptionell bewegt sich das Haus eindeutig auf hohem Niveau, weshalb ein umfassender bzw. mehrfacher Aufenthalt in jedem Falle lohnt. Die Informationstafeln sind ausführlich, aber nicht überladen – und im Zweifel dann doch eher reduziert. Dies gilt zumindest für die Hauptausstellung, die mehr ihre Exponate für sich selbst sprechen lässt. Die Wanderauststellung „Galgen, Rad und Scheiterhaufen“ fordert dem Besucher hingegen deutlich mehr an Lesearbeit ab und spielt mit großformatigen Wandzitaten und kleineren, aber teils sehr detaillierten Informationstäfelchen. Leider fehlten in der Dauerausstellung aber mehrere Exponate, die den tadellosen Eindruck des Museumskonzepts leider etwas leiden ließen. Zumal es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass für den Fall einer Ausleihe oder Restauration zumindest ein Faksimile oder eine Fotografie des Objekts an dessen Platz zurückbleiben und eine entsprechende Mitteilung an den Besucher erfolgen sollte, die über den Grund des Fehlens aufklärt. Leider wurden diese eigentlich selbstverständlichen Kriterien nur in einem Fall ganz und in einem weiteren zumindest teilweise erfüllt – wohingegen viele weitere Stellen einfach leer und der Suchende ratlos zurückblieben.

Ein ganz selbstständiges Recht auf einen Besuch hat sich zum Ende des Aufenthalts dann aber auf jeden Fall der Museumsshop verdient, der mit einer ganzen Bücher- und einer Postkartenwand sowie einer ganzen Vitrine voll kleinerer, mehr oder weniger praktischer, in vielen Fällen aber zumindest eindeutig einzigartiger Souvernirs glänzen kann. Tonfiguren, Stempelformen, Kettenanhänger, Poster – allesamt sehr geschmackvoll und ohne Kitschfaktor, dafür aber mit dem gewissen makabren etwas, an dem man den Interessierten erkennt – laden dazu ein, die Institution Sepulkralmuseum auf eine ganz einfache Art und Weise zu unterstützen. Und diese Unterstützung ist auch nötig, damit diese besondere Einrichtung auch über ihr diesjähriges, 20. Jubiläum hinaus weiter aktiv mit ihren Exponaten und ihrer Bibliothek zu Forschung und Diskussion zu den Themen Friedhofs- und Sterbekultur beitragen kann. Die bisherige Geschichte des Museums kann übrigens im Museumsladen genauso erworben werden, wie der zum aktuellen Festjahr erschienene Band „Auf Tod komm raus – Aus den Beständen des Museums für Sepulkralkultur“, der einen sehr bunt gemischten Einblick in die Sammlung gibt, die bereits seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stetig, aber aufgrund von knappen finanziellen Mitteln sehr unsystematisch aufgebaut wird.

Sollten Sie also einmal in Kassel verweilen und etwas Zeit übrig haben: Schauen Sie dochmal im Museum für Sepulkralkultur vorbei – und kommentieren Sie ggf. diesen Artikel, um der Welt ihre Meinung darüber kundzutun.

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