Eine Hamburger Hospiz-Posse

Als ich heute auf SpiegelOnline die Kolumne von Silke Burmester las, wusste ich zuerst nicht, ob ich lachen, weinen oder einfach nur wütend werden sollte. Da befürchten Hamburger Vorstadtbewohner, dass der Wert ihrer Grundstücke aufgrund der Einrichtung eines Hospizes in direkter Nachbarschaft sinken könnte und gehen deshalb gegen die Einrichtung auf die Barrikaden, wie der Spiegel schon am 24.02.2012 berichtete. Anscheinend wird seitens der Anwohner zudem ein „Sichtschutz“ gefordert, damit sie nicht dem Anblick von Leichenwagen und todgeweihten Menschen ausgesetzt werden. Angeblich macht man sich schließlich Sorgen um das Wohlergehen der Kinder, die in unmittelbarer Nähe des geplanten Sterbehauses wohnen.

Diese Reaktion einer Sinstorfer Minderheit nimmt die Kolumnistin Burmester zum Glück ordentlich aufs Korn – und das absolut zu Recht! Die Haltung, die hier im Hamburger Süden deutlich wird, ist vollkommen unnnatürlich und zudem unerträglich. Hier wird die Perversion deutlich, den Tod aus dem Leben verbannen zu können. Bloß nicht an die eigene Sterblichkeit erinnert werden, bloß nicht daran denken müssen, dass jeden Tag Menschen aus den verschiedensten Gründen einen grausamen Tod sterben müssen, bloß nicht einsehen, dass der Tod das Ende eines jeden einzelnen Menschen ist und dass es deshalb sehr viel klüger wäre, sich mit diesem Ereignis schon möglichst zeitig auseinander zu setzen, vorzusorgen, schon den Kindern diese Dimension der menschlichen Existenz nahe zu bringen.

Es ist eine echte Schande, dass eine Minderheit von Egoisten und ungebildeten Menschen aus einem Hamburger Vorort offensichtlich die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. „Die neue Sichtbarkeit des Todes“, eine heilsame Entwicklung, die u.a. schon von Thomas Macho und anderen beobachtet und beschrieben worden ist, ist in Sinstorf – und noch viel interessanter: auch in christlichen Kreisen – wohl noch nicht angekommen. Wir brauchen keinen Sichtschutz und keine Verdrängung des Sterbens! Ganz im Gegenteil: Die Sterblichkeit gehört als existenzielles Thema endlich wieder in die Mitte unserer Gesellschaft! Es bedarf endlich eines Endes der Verdrängung, des Wegschiebens von unangenehmen Gedanken und Gefühlen – und darauf aufbauend eine aktive Auseinandersetzung mit dem Tod, quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten! Dazu braucht diese Gesellschaft auch Hospize – und zudem ehrenamtliche Hospizarbeit. Die Betreuung von todkranken Menschen sollte eine Erfahrung sein, die weit verbreitet ist, um eine Normalität wiederherzustellen, die unserer Gesellschaft schon seit einiger Zeit abhanden gekommen zu sein scheint. Als Betreiber von ThanatoBlog rufe ich meine Leser daher dazu auf, die Hospizbewegung in Deutschland aktiv zu unterstützen und mitzuhelfen, die Akzeptanz und die Aktivitäten dieser Einrichtungen zu verbessern! Stellen Sie sich gegen Ignoranz und Heuchelei! Engagieren Sie sich stattdessen für ein menschenwürdiges Sterben in der Mitte der Gesellschaft – akzeptiert und betreut. Denn es geht hier um Menschen, und nicht um irgendwelche Sachen!

Manchmal frage ich mich, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wo der Tod nicht mehr zum Alltag dazugehören darf …

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Ein Gedanke zu „Eine Hamburger Hospiz-Posse

  1. Unzeitgemäß

    Memento Mori.
    Aber dies ist eher ein Ausdruck der post-modernen Vanitas, in der man sich lieber mittels Lifestylegadgets seine Identität konstruiert, anstatt sich mit existentiellen Fragen auseinander zusetzen, um ante mortem eine eigene Haltung zum Tod zu bilden.

    Danke für den Beitrag!

    Antwort

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