Suizidzellen, tödliche Kammern und Heimgeh-Rituale: Selbsttötung in Science-Fiction und Gegenwart

Wo man nicht überall Querverbindungen findet: Bereits im Laufe der allerersten Episode der Science-Fiction-Zeichentrickserie „Futurama“ (Matt Groening / David X. Cohen, 1999) wird der Zuschauer mit den allermeisten der für die Protagonisten der Serie später maßgeblichen neuen Technologien und gesellschaftlichen Entwicklungen des 31. Jahrhunderts konfrontiert – darunter etwa angewandte Kryogenik, individueller kombinierter Kurzstreckenluft- und -straßenverkehr (zu deutsch: fliegende Automobile), Personentransportröhren, lebende Köpfe in Glastanks, interstellare Raumfahrt, diverse außerirdische Lebensformen, humanoide Roboter, usw., aber auch eine für uns thematisch besonders interessante Einrichtung, die auf den ersten Blick an eine Telefonzelle erinnert, aber eine völlig andere Funktion hat.

Die Rede ist natürlich von den „Suicide Cells“ (Suizidzellen), die frei zugänglich auf New New Yorks Bürgersteigen herumstehen und die für schlappe 25 Dollarcent dem Leben des Benutzers ein wahlweise schnelles und schmerzloses oder langsam und grausames Ende bereiten. Diese kommerziell betriebenen, grauen Metallboxen ohne jede ersichtliche Zugangsbeschränkung und Sicherheitsabfrage bieten direkt mehrere Anlässe zu kontroverser Diskussion; der gewichtigste scheint mir allerdings die Frage zu sein, welche gesellschaftlichen Veränderungen zum Aufkommen solcher Zellen führen können und welche Auswirkungen dann etwa die freie Zugänglichkeit solcher offensichtlich legitimer Suizidmittel wiederum auf die jeweilige Gesellschaft hat – leider erhält man zu keinem dieser Probleme Antworten aus der Serie selbst. Doch halt: Sie glauben womöglich, dass man es mit der Analyse von Science-Fiction auch übertreiben kann. Vielleicht denken Sie auch, dass sich eine solche Untersuchung zu Ursachen und Folgen des Gebrauchs von Suizidzellen in einer Fernsehproduktion erübrigt, weil die Idee so dermaßen unrealistisch scheint, dass wir uns niemals mit solchen Gerätschaften in unserer Lebenswirklichkeit herumschlagen müssen. Immerhin geht es doch um so einen zentralen menschlichen Wert wie das Recht auf und den Schutz von Leben und da könne so eine Suizidzelle nur als Parodie gemeint sein, die gerade dazu diene, von einer Umsetzung der Idee in die Realität abzuraten.

Nun, in einem Punkt haben Sie in diesem Fall Recht: Die Suizidzellen in Groenings und Malcoms Serie mögen tatsächlich eine Parodie sein. Jedoch: Wenn Sie eine sind, dann nicht auf eine bloß theoretische Spinnerei, sondern auf ganz wirklich existierende Entwicklungen, die wir schon in unserer Gegenwart beobachten können, etwa in den Niederlanden, wo seit dem ersten März dieses Jahres professionelle Sterbehilfe-Teams unterwegs sind, die sterbewilligen Schwerstkranken beim Suizid assistieren. Zudem: Die Macher von „Futurama“ haben mit ihren Suizidzellen nur eine Idee aufgegriffen und weiterentwickelt, die schon viel früher in zwar ebenso spekulativer aber dennoch ernsterer Literatur präsentiert worden war. Schon 1895 etwa wurde Robert W. Chambers Erzählung „The Repairer of Reputations“, eine Teilgeschichte des berühmten „The King in Yellow“, veröffentlicht. In dieser Kurzgeschichte werden in den Vereinigten Staaten von Amerika im 20. Jahrhundert sogenannte „Lethal Chambers“ eingerichtet:

It was, I remember, the 13th day of April, 1920, that the first Government Lethal Chamber was established on the south side of Washington Square, between Wooster Street and South Fifth Avenue. […] [T]he whole block was enclosed by a gilded iron railing, and converted into a lovely garden with lawns, flowers and fountains. In the centre of the garden stood a small, white building, severely classical in architecture, and surrounded by thickets of flowers. Six Ionic columns supported the roof, and the single door was of bronze. A splendid marble group of the „Fates“ stood before the door […]. The Governor was finishing his reply to the short speech of the Surgeon-General. I heard him say: „The laws prohibiting suicide and providing punishment for any attempt at self-destruction have been repealed. The Government has seen fit to acknowledge the right of man to end an existence which may have become intolerable to him, through physical suffering or mental despair. It is believed that the community will be benefited by the removal of such people from their midst. Since the passage of this law, the number of suicides in the United States has not increased. Now the Government has determined to establish a Lethal Chamber in every city, town and village in the country, it remains to be seen whether or not that class of human creatures from whose desponding ranks new victims of self-destruction fall daily will accept the relief thus provided.“ He paused, and turned to the white Lethal Chamber. The silence in the street was absolute. „There a painless death awaits him who can no longer bear the sorrows of this life. If death is welcome let him seek it there.“ Then quickly turning to the military aid of the President’s household, he said, „I declare the Lethal Chamber open,“ and again facing the vast crowd he cried in a clear voice: „Citizens of New York and of the United States of America, through me the Government declares the Lethal Chamber to be open.“

Während die Regierung dieser, von Chambers erdachten, fiktiven Vereinigten Staaten von Amerika Belege dafür haben will, dass sich an den tatsächlichen absoluten Suizidzahlen durch die Einrichtung solcher Todeskammern nichts ändert, damit die Einrichtung solcher Institutionen sogar zur humanitären Maßnahme wird, wird in den ganz realen Niederlanden und auch hier im wirklichen Deutschland bereits erbittert darüber debattiert, welche negativen sozialen Folgen unsere Gesellschaft möglicherweise durch eine Ausweitung und Legalisierung von Sterbehilfe-Maßnahmen noch erwarten werden. Insbesondere die Angst vor der „Pflicht zu sterben“ geht um, vor dem gesellschaftlichen Druck, der zum Beispiel dann entstehen könnte, wenn es für die Allgemeinheit zunehmend effizienter zu werden scheint, sich alter und pflegebedürftiger Menschen zu entledigen, die nach kapitalistischen Maßstäben nicht mehr in nennenswertem Umfang zur Produktions- oder Wirtschaftsleistung einer Gemeinschaft beitragen können, Menschen, die mehr Kosten verursachen, als Profit erwirtschaften. In einer Gesellschaft, die wie unsere deutsche zunehmend altert, und in der jetzt schon Versorgungsprobleme im Bereich der Pflege und Betreuung auftreten, ist ein solches Szenario bei weitem nicht mehr undenkbar. Und im Falle einer tendenziell negativen Weiterentwicklung der sozialen und ökonomischen, aber auch ökologischen Bedingungen dürfte der Wahrscheinlichkeitsgrad einer solchen Lösung nur noch größer werden.

Von einer solch dystopischen Prämisse geht auch Richard Fleischer aus, der in seinem Film „Soylent Green“ (1973) eine düstere Zukunft beschreibt, in welcher die große Masse der Menschheit unter den apokalyptischen Auswirkungen drastischer Klimaveränderungen, Überbevölkerung, Mangelversorgung und Korruption zu leiden hat. Vor diesem Hintergrund hat auch die in diesem Klassiker der Science-Fiction vorgestellte Gesellschaft Einrichtungen entwickelt, die mit den eingangs erwähnten „Suicide Cells“ und den später beschriebenen „Lethal chambers“ mehr als nur Nebensächlichkeiten gemeinsam hat. In den Vereinigten Staaten des fiktiven Jahres 2022 gibt es das „Ritual des Heimgehens“ (going home), bei dem insbesondere ärmere ältere Menschen sich in einer staatlichen Stelle zum Suizid anmelden. Der Unterschied dieser staatlichen Dienstleistung zu den beiden oben genannten Selbstbedienungs-Varianten: In „Soylent Green“ wird jede Selbsttötung inzeniert wie heutzutage ein Kino- oder Theaterbesuch. Die Sterbewilligen dürfen sich mittels eines Fragebogens innerhalb gewisser Parameter ein Szenario zusammenstellen, in dem sie ihre letzten Minuten verleben möchten. Bei klassischer Musik, bewegten Bildern einer schon lange nicht mehr existenten, intakten Natur und eingetaucht in das warme Licht der Lieblingsfarbe, so die Idee, stirbt es sich leichter. Doch selbst diese durch-ästhetisierte Inszenierung kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass der eigentliche Zweck der Sterbe-Anstalten der systematische Abbau der Überbevölkerung ist. Drastisch zeichnet der Regisseur sogar noch eine weitere mögliche Entwicklung vor: Die Körper der Toten werden nämlich ganz im Sinne der höchstmöglichen Industrieverwertung nicht bestattet, sondern einfach wieder in den Nahrungskreislauf zurückgegeben, um bloß keine wertvollen Nährstoffe zu verschwenden. Die Menschheit wird unwissentlich zu Kannibalen, die sich von den scheinbar freiwillig aus der Gemeinschaft Ausgeschiedenen ernähren muss, um nicht komplett zugrunde zu gehen.

Schon allein diese kurze Gegenüberstellung dreier fiktiver Welten, in denen Selbsttötung zur gesellschaftlich und ethisch anerkannten Handlung aufgewertet wird, sollten Anlass geben, über die mögliche reale Entwicklung unserer Gesellschaft nachzudenken. Schon diese kurzen Ausschnitte aus der Science Fiction zeigen problematische Dynamiken und Tendenzen auf, die es bei den zukünftig anstehenden, politischen Entscheidungen zur Einrichtung oder Ausweitung einer ggf. staatlichen oder kommerziellen Institutionalisierung der Sterbehilfe dringend zu bedenken gilt, will man die individuelle Freiheit des Menschen – und sein Recht auf Leben – schützen.

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