Jürgen Domian „Interview mit dem Tod“

Gibt es nicht schon genug Bücher über den Tod? Warum soll gerade ich über den Tod schreiben? Kann ich es? Will ich es? Was habe ich zu sagen? Wie könnte ich dem größten Mysterium unserer Existenz gerecht werden? Zu welchem Resümee sollte ich kommen?

Mit diesen Fragen beginnt Jürgen Domian, Jahrgang 1957, bekannt durch seine nächtliche Radio- und Fernsehsendung, in der er nach eigener Aussage schon mehr als 20.000 Gespräche geführt hat, sein neuestes Buch. Schon nach den ersten Zeilen wird somit klar: Was auf den ersten Blick so aussah, wie ein provokativer Titel für eine Sammlung von Anekdoten aus vielen Jahren der Telefonseelsorge (das war zuerst meine Vermutung), entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als das tatsächliche, konkrete Programm des dünnen Bändchens: denn in „Interview mit dem Tod“ führt Domian eben genau die eine Unterhaltung, die er in seinem Studio „on air“ wohl niemals so führen können wird: zu Gast ist der Tod.

Es scheint beinahe überflüssig, aber eben nur beinahe, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei natürlich nicht wirklich um den Tod handelt. Dieser sei, so sagt Jürgen Domian später sogar selbst, stumm. Vielmehr handelt es sich bei dem Gast, den der Radiomoderator hier empfängt, um dessen eigene, ganz persönliche Vorstellung vom Schnitter, sofern man sich diesen überhaupt in personifizierter Form als Gesprächspartner denken kann und will. Oder präziser ausgedrückt: Die hier vom Autor eingeführte Todesfigur ist selbstverständlich nur eine Metapher. Sie steht für die Quintessenz dessen, was der Autor in den vielen Jahren seiner Beschäftigung mit der menschlichen Endlichkeit an Erkenntnissen zusammengetragen hat. In „Interview mit dem Tod“ kann Domian seine Leser auf diese Weise an dem inneren Dialog teilhaben lassen, den er selbst schon seit Jahrzehnten führt und in dem er bemüht ist, Antworten auf die Fragen zu finden, die uns alle früher oder später, mal mehr mal weniger intensiv bewegen: Warum gibt es den Tod? Gibt es eine Fortexistenz nach dem Ende des Lebens? Gibt es soetwas wie eine Seele? Was können uns Religionen über den Tod sagen? Soll man überhaupt an den Tod denken?

Wir werden also bei der Lektüre dieses schmalen Büchleins, dass sich aufgrund seines sehr einfühlsamen und einfachen Stils sehr leicht an einem Nachmittag in ein paar Stunden lesen lässt, in Wahrheit zu Zeugen eines Selbstgespräches, einem inneren Ringen um letzte Antworten. Und es ist tatsächlich ein Kampf, der dort zwischen den Gesprächspartnern ausgetragen wird. Rationalität und Individualität treffen auf Emotion und Wahrheiten, die größer sind, als der einzelne Mensch; auf die bohrenden, präzisen Fragen des Moderators folgen oft kryptische, ausweichende, allgemein gehaltene Antworten des Gevatters – und man spürt förmlich die Unzufriedenheit, die den Interviewenden hier zunehmend und teils in großer Heftigkeit befällt. Hierdurch wird das Gespräch authentisch. Man nimmt Domian diesen Dialog in sehr weiten Teilen ab, weil er aus menschlicher Perspektive so nachvollziehbar ist. Allein einige wenige konstruierte Stellen, die man so kaum in einem echten Interview lesen würde („Tod: Aber das vertiefen wir später.“, S. 14) trüben die Identifikation mit der Unterhaltung.

Das ist aber nicht wirklich tragisch, da das eponyme Gespräch zwar eine nette Idee, aber meines Erachtens keineswegs der eigentlich zentrale Teil des Buches ist. Neben den Gesprächsprotokollen des Interviews beginnt nämlich jedes der neun Kapitel des Bandes mit einem einführenden Text, in dem der Autor erzählend die lange und aufwühlende Geschichte seiner Beschäftigung mit Sterben und Tod nachzeichnet. Beginnend bei den existentiellen Fragen, die er sich schon als junger Jugendlicher stellte, begleiten wir Domian auf seinem Weg durch sein Leben: erste Zuflucht im Christentum, ein Ausbruch religiösen Fanatismus, philosophische Läuterung durch Lektüre von Feuerbach und Nietzsche, atheistische Phase, Entlarvung christlicher Rhetorik, aber auch die große Enttäuschung durch die abendländische und östliche Philosophie (trotz großer Begeisterung für die Ideen des tibetanischen Totenbuchs) sowie esoterische Experimente sind nur die ersten Stationen, in denen der Moderator ein Gefühl dafür vermittelt, wie intensiv er sich – zunächst eher theoretisch und auf sich selbst bezogen – mit thanatologischen Fragen auseinandergesetzt hat.

Doch erst nachdem alle naheliegenden Antworten geprüft und als unbefriedigend zurückgewiesen wurden, beginnt der meiner Ansicht nach bedeutendere Teil der Erzählung: die Auseinandersetzung mit dem, was wirklich wichtig ist, was in Bezug auf den Tod praktisch getan werden kann. Durch eine Tragödie in der eigenen Familie erfährt der Autor die entwürdigende Tabuisierung des Sterbens und die Isolation der Hinterbliebenen am eigenen Leib. Die Reaktion darauf ist eine intensivere Beschäftigung mit dem Tod – aber vor allem: mit dem Sterben der anderen. Domian besucht Palliativstationen und Hospize – und ist so überzeugt von diesen Einrichtungen, dass er beginnt, eine spezielle Palliativstation in Köln aktiv zu unterstützen. Menschen ein würdiges Sterben zu ermöglichen macht er sich zum Ziel und lehnt in diesem Zusammenhang, nach einer sehr guten und verständlichen Erörterung und kritischer Würdigung aller verschiedenen Formen der Sterbehilfe, auch den begleitenden Suizid nicht ab. Für ihn ist die gleichzeitige Unterstützung von Palliativmedizin/Hospizkultur und der Möglichkeit, über den Zeitpunkt für das eigene Ende selbst zu entscheiden, nicht widersprüchlich – was nach der Lektüre der entsprechenden Passagen auch gut nachvollziehbar wird. Denn in beiden Fällen handele es sich, so der Autor, um Angebote an den Sterbenden, seine Würde zu wahren. Welcher Weg gewählt wird, können und dürfen dabei aber nur die Betroffenen selbst entscheiden.

Am Ende ist das vorliegende Buch ein einziges großes Plädoyer dafür, sich mit dem Tod (dem eigenen und dem der anderen) auseinander zu setzen. Wie aus dieser Beschäftigung ein gelungenes Leben entstehen kann, das von einem gebildeten Menschen geführt wird, dass zeigt der Autor hier ganz eindrücklich. Stellenweise hat dieses kleine Bändchen selbst schon meditativ-philosophische Züge. Man kann über so manche Passage noch lange nachdenken, nachdem man sie durchgelesen hat und in seiner Direktheit, die aber zu keinem Zeitpunkt ihre Einfühlsamkeit verliert, ist der Text nahezu einzigartig. Es ist vielleicht Zufall, dass ich mich in dieser Erzählung und auch in dem Dialog mit dem Tod an vielen Stellen selbst wieder entdecke, dass ich mich mit beinahe allen Einsichten und Positionen Domians identifizieren kann. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg ein Resultat meiner gleichermaßen schon langen Suche nach Antworten auf bestimmte Fragen. Ganz besonders trägt zu dieser Identifikation aber auch der Umstand bei, dass der Autor es sich zu keinem Zeitpunkt zu einfach macht. Er bleibt immerzu skeptisch, fragend, nachdem er in seiner Jugend einmal die Phase eines Dogmatismus durchlaufen hatte. So bleibt schließlich der Eindruck eines weisen Mannes, der ein verständliches Buch geschrieben hat, das von viel mehr Menschen gelesen werden sollte.

Daten und Fakten: Jürgen Domian: Interview mit dem Tod. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 3. Auflage 2012. Hardcover, 174  S.,  € 16,99, ISBN 978-3-579-06574-8.

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