Der Monat des Todes

Jedes Jahr aufs Neue ist in der Welt der Zeitungen, Fernsehsender und Internetportale das immer gleiche Phänomen zu beobachten: Während Tod und Sterben monatelang in Nischen versteckt oder gar tabuisiert bleiben, steigt kurz vor und vor allem im November die Zahl der Berichte, Reportagen und Dokumentationen zu thanatologischen Themen sprunghaft an. Unsere vielleicht menschlichste und faktisch eigentlich omnipräsente Eigenschaft, die Sterblichkeit, sowie unsere Reflexion hierüber werden auf diese Weise zur banalen Saisonware. Zeitlich perfekt abgestimmt auf die weithin bekannten christlichen wie auch nicht-christlichen Totenfeste (insbesondere auf Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, den mexikanischen Tag der Toten sowie das keltische Samhain) und passend zur sowieso schon allgemein düster-melancholischen Stimmung des Herbstes, wird in diesem Monat – kontrolliert und zeitlich begrenzt – Platz gemacht auf den Medienregalen und Sendeplätzen. Erstaunlich aber, dass selbst diese nahezu homöopathische Dosierung noch von einigen Kolumnisten als ein „zu viel“ empfunden wird.

In einer Art offenem Brief beschwerte sich etwa Christian Stöcker, Journalist bei Spiegel Online, am 21.11. darüber, dass ihm die ARD mit ihrer Themenwoche zu Tod und Sterben (ThanatoBlog berichtete) sowie mit den dazugehörigen Werbeplakaten, die vorzugsweise an Bushaltestellen aufgehängt wurden, „die Laune verderben“ würde. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sterblichkeit sei zwar richtig und wichtig, aber erstens wisse er selbst darüber schon Bescheid und zweitens fehle ihm dann doch die wissenschaftliche Redlich- und Ergiebigkeit der Beiträge, die seiner Meinung nach eher „schlicht“ seien.

Bei so viel Ignoranz bleibt mir dann doch beinahe die Luft weg. Nicht nur, dass Stöcker überheblicherweise davon ausgeht, dass er mit seinem persönlichen Informationsstand („Das weiß ich schon“) ein verallgemeinerbares Beispiel abgibt, sondern er ignoriert auch die Tatsache, dass Tod und Sterben für einige Menschen eher weniger wissenschaftliche, sondern ethische oder religiöse Fragen aufwerfen. Darüber hinaus scheint ihm das eingangs genannte Phänomen der regelmäßigen saisonalen Fokussierung im November zu entgehen. Wenn thanatologische Probleme über das ganze Jahr verteilt in gebührendem Umfang aufgegriffen würden, ergäbe sich auch die vorgebliche Erschlagenheit nicht, von der Stöcker spricht. Letztlich muss er sich auch die Frage gefallen lassen, wieso ein Plakat oder auch eine Themenwoche ihm die Stimmung vermiesen kann, wenn er sich doch schon – angeblich abschließend – mit dem behandelten Gegenstand auseinander gesetzt hat. Ist die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit vielleicht noch gar nicht so abgeschlossen, wie behauptet wird?

So oder so bleibt nur, Herr Stöcker zu empfehlen, zukünftig so zu verfahren, wie die vielen Nicht-Karnevalisten, die das Pech haben, in einer Hochburg der fünften Jahreszeit leben und/oder arbeiten zu müssen: man zeigt gefälligst ein wenig Toleranz oder sucht sich für die Dauer der Saison ein thematisch unbelastetes Rückzugsgebiet zur eigenen Schonung. In einem als offenen Brief getarnten Schmäh-Artikel allerdings zu fordern, die Berichterstattung einzuschränken, kann nur der falsche Weg sein. Ganz besonders beim Thema „Tod und Sterben“, das uns alle betrifft und bei dem die Verständigung auch über subjektive Auffassungen und Erkenntnisse grundlegend ist für unser Zusammenleben. Nicht erst seit Jan Assmann ist die Bedeutung des Todes für die menschliche Kultur bekannt. Und hat nicht erst wenige Wochen vor Stöckers offenem Brief Oskar Piegsa auf dem selben Nachrichtenportal das neue Buch von John Gray vorgestellt, indem die Todesverdrängung der modernen Lifestyle-Gesellschaft problematisiert wird? Wie mir scheint, liefert Stöcker hier (unfreiwillig?) eine Steilvorlage zum Einstieg in eine entsprechende Debatte.

Lieber Herr Stöcker, wir brauchen ein „Mehr“ an breiter Debatte über thanatologische Themen. Tod und Sterben gehören endlich wieder in die Mitte der Gesellschaft und nicht ganz allein in die Hände unserer wissenschaftlichen Spezialisten, die dann anscheinend auch noch im stillen, dunklen Kämmerlein forschen und diskutieren müssen, damit Sie persönlich sich nicht davon belästigt zu fühlen brauchen! Gerne sähe ich eine ganzjährige Präsenz des Themas in den Medien, aber auch in diesem Bereich gibt es gewisse Spielregeln. Wenn nun eine davon lautet, dass gewisse Sachgegenstände leider nur saisonal behandelt werden, dann ist das eben zunächst so und dann müssen wir alle mit dieser Ballung im November leben. Immerhin habe ich selbst zu ihrer emotionalen Entlastung beigetragen, Herr Stöcker, denn ThanatoBlog ist dieses Jahr im November still geblieben. Ein technisches Versehen zwar, aber eigentlich ganz passend, oder finden Sie nicht?

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