Alessandro de Michel „Mythos Tod“

Im Rahmen der Recherchen zum jüngsten Artikel Camus und der Tod lag es natürlich nahe, sich auch nach thematischer Sekundärliteratur umzusehen. Leider gibt es zu den Themen Tod und Sterben bei Albert Camus jedoch kaum solche. Ein teurer, aber leicht zu erstehender Print-on-Demand-Aufsatz von Alessandro de Michel war die einzige greifbare Abhandlung, die sich – vom Titel ausgehend – konkret mit „Camus‘ Stellung zum Todesphänomen“ beschäftigt. Allerdings haben sich die zugegeben sehr hohen Erwartungen, durch diesen Essay neue oder evtl. übersehende Aspekte zu entdecken, alternative Perspektiven zu erfahren und einen frischen Wind durch die bekannte Camus-Interpretation wehen zu lassen, leider nicht erfüllt.

Dies ist vor allem der Methodik des Verfassers von „Mythos Tod“ geschuldet. Denn der Autor macht in dieser Arbeit leider so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Das beginnt damit, dass de Michel es auf fünf Seiten „einleitenden Gedanken“ nicht schafft, die begrifflichen Voraussetzungen für seine (vllt. erste?) Seminararbeit zu schaffen, geschweige denn, eine Frage- oder Problemstellung zu entwickeln, welcher er im Folgenden nachgehen möchte. Stattdessen geht er davon aus, dass der Leser seine „aphoristische“ Methode völlig intuitiv verstehen wird und legt mit einigen völlig ungeordneten Anmerkungen zu Camus‘ Biographie, dessen Areligiosität, Philosophie und Eigenverständnis den wackligen Grundstein für eine der wildesten Text-Collagen, die der Betreiber von ThanatoBlog seit langem gelesen hat.

Besonders schwerwiegend ist die völlige Kritiklosigkeit de Michels. Sichtbar wird diese schon in der Einleitung: Die Frage „Gehört Albert also zu den Existentialisten?“ beantwortet der Autor mit einem klaren „Nein!“ (beide: de Michel 1999, 6), allein aufgrund der Tatsache, dass Camus selbst diese Zuordnung stets abgelehnt habe. Eine inhaltliche Analyse bzgl. der Übereinstimmung von Camus‘ Philosophie mit den Grundpositionen der Existenzphilosophie – eine in diesem Kontext sinnvolle und nötige Aufgabe – findet nicht statt. Stattdessen werden Zeilen um Zeilen mit lang bekannter, redundanter Information gefüllt, die auch an anderer Stelle nachgeschlagen werden kann und die mit dem eigentlichen Thema des Aufsatzes nichts gemein hat. Zum Problem des Todes bei Camus finden sich in der Einleitung ganze vier Zeilen (vgl. de Michel 1999, 7). Nicht besser sieht es anschließend im Hauptteil der Arbeit aus. Hier werden völlig unzusammenhängend, ja sprunghaft, methodisch schlecht aufbereitet und ohne Eigenleistung des Verfassers zahllose Textfragmente zusammen geschustert. Werden Behauptungen aufgestellt, die nicht argumentativ gestützt werden („Die Selbsttötung wird zu einem Luxusphänomen, zu einem typischen Problem von Übergesellschaften.“ de Michel, 1999, 9) und deutliche Hinweise sichtbar, dass dem Autor sowohl das konkrete Verständnis für Camus‘ Begriff der Absurdiftät völlig abgeht, als auch dass er keiner didaktischer Strukturierung seines Textes fähig ist. Seine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Absurden beginnt überhaupt erst auf Seite 12 – viel zu spät, denn er hat das Konzept zuvor schon vorausgesetzt. Exakt den gleichen Fehler begeht de Michel dann noch einmal, wenn er später zum Bild des Sisyphos hinüberwechselt. Zunächst benutzt er es arglos, dann erst stellt er die Mythosgestalt vor (vgl. de Michel 1999, 14-15). Auch in diesem Abschnitt ist die themenbezogene Ausbeute gleich null.

Die Lektüre des nur anderthalbseitigen, dritten Kapitels sowie des Fazits „Abschließende Gedanken“ sind leider ähnlich frustrierend. Beim ersten entspricht der Inhalt erneut nicht der Kapitelüberschrift. Es wird eben keine „Analyse der Grundmöglichkeiten des menschlichen Verhaltens zum Tod“ durchgeführt und erst recht werden keine „Konsequenzen für die Ethik“ benannt. In einem einzigen Absatz wird diese Aufgabe angerissen – aber nicht mehr. Was folgt sind Füllwörter, Zitate und Platitüden, die den Leser fragend zurücklassen. Geradezu parallel verhält es sich im Schlussteil, der viel zu kurz geraten ist. Im ersten Paragraphen wird tatsächlich so eine Art Urteil formuliert. Nur ist dieses nirgendwo argumentativ hergeleitet worden. Weder im eigentlich argumentativen Teil der Arbeit, noch hier auf den letzten Metern. Dadurch entwertet sich die Schlussbetrachtung quasi selbst. Dennoch wurde dieser Essay an der Universität Innsbruck von Dr. Rainer Thurner angeblich mit der Note „1,0“ bewertet. Aus fachlicher, wie aus didaktischer Sicht ist diese Beurteilung absolut nicht nachvollziehbar.

Letztlich ist die Arbeit auch aus rein handwerklicher Sicht schlichtweg unzureichend. Der Autor beherrscht leider weder den sachgerechten Umgang mit Standard-Satzzeichen (insbesondere Leerzeichen sowie Gedanken-, Binde- und Trennstrichen), noch die Verwendung des Konjunktivs zur Kennzeichnung der Meinungen Dritter. Auch ist der Text nicht sauber auf orthographische und grammatikalische Fehler hin korrekturgelesen worden. Eine überwältigende Zahl von Zitaten wird entweder gar nicht, zu spät oder nur zum Teil korrekt belegt, teils schreibt der Verfasser sogar Textpassagen aus Camus‘ „Mythos“ der Sekundärliteratur zu (vgl. de Michel 1999, 14). Gerade in einem Text, der wie dieser überwiegend eine Zusammenstellung von Aussagen Dritter ist, darf so etwas nicht passieren. Zudem wirkt der Umfang der Wiedergabe von Passagen aus den Werken von Camus und anderen stellenweise unseriös: auf einigen Seiten nehmen solche Zitate die Hälfte des Raumes ein. Insgesamt bringt de Michel es bei nur zwanzig Seiten „Untersuchung“ auf stolze 108 Endnoten. Viel Platz für eigene Gedanken bleibt da nicht übrig.

Daten und Fakten: Alessandro de Michel: Mythos Tod – Das absurde Dasein und der Tod: Camus‘ Stellung zum Todesphänomen im „Mythos von Sisyphos“. Eine aphoristische Abhandlung über Selbstmord und Tod. München: GRIN, 1999. Studienarbeit. Softcover, 34 Seiten, € 14,99, ISBN 978-3-638-71317-7.

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