Andrzej Stasiuk „Kurzes Buch über das Sterben“

In einem blassem, reinem Weiß und einem handlichen, kleinen Format kommt sie daher, die schmale Geschichtensammlung des polnischen Autors Andrzej Stasiuk (*1960), und weckt mit ihrem bescheidenen Umfang mehr die Erwartung an einen typischen Gedichtband, als an eine Zusammenstellung von Prosa-Texten. Vier kurze Erzählungen hat Stasiuk in „Grochów“, so der polnische Originaltitel, vereint. Neben der eponymen Novelle findet der Leser hier auch die deutlich kürzeren Stücke „Großmutter und die Geister“, „Augustyn“ und „Die Hündin“ vor, von denen die letzten beiden ursprünglich jeweils 2012 in der Süddeutschen Zeitung erschienen sind. Der Suhrkamp-Verlag hat diese thematische Anthologie Stasiuks nun unter dem Titel „Kurzes Buch über das Sterben“ herausgebracht. Selten hat eine Bezeichnung so gepasst.

Alle Texte der Sammlung sprechen vom Sterben – der Tod wird nur gestreift. Der Prozess und nicht das Ende steht im Mittelpunkt. Dabei nimmt der Erzähler immer die Perspektive des Beobachters ein. Er ist nie der Sterbende, aber immer der Mitleidende, der Erinnernde, der Fragende. Es sterben stets die anderen: die eigene Großmutter, der Schriftstellerkollege, die treue Hündin oder der beste und lebenslange Freund. Dieser Standpunkt und die Vielfältigkeit der Sterbe-Beispiele trägt zur Identifikation des Lesers mit dem Berichtenden bei. Es ist die Blickrichtung, die wir am häufigsten auf Tod und Sterben einnehmen: es trifft nur die anderen. Das eigene Schicksal blendet man aus oder erlebt es nur einmal, wenn denn überhaupt, bewusst. Eine besondere Glaubwürdigkeit gewinnen die Geschichten durch den Umstand, dass sie durchgehend autobiografischen Ursprungs zu sein scheinen; viel zu offensichtlich sind sowohl die personellen, die zeitlichen als auch insbesondere die räumlichen Übereinstimmungen mit dem Leben des Autors – und wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch eine Art Entwicklungsprozess in der Betrachtung der Todesfälle erkennen.

Stasiuk beginnt mit einer Erinnerung an seine Großmutter und deren Tod als alte Frau. Der Erzähler berichtet liebevoll von seinen frühesten Eindrücken: dem idyllischen Ort, in dem seine Großeltern lebten, ihren Geschichten von Geistern, denen jegliche Aufgeregtheit abging und vom wohl ersten Begräbnis, welches er erlebt hat. Eingebettet in diese Bilder – fast versteckt – ist ein denkbar knappes Plädoyer für die lebendige, mit übernatürlichen Qualitäten versehene Wirklichkeit, die mit den sterbenden Großmüttern zusehends verloren gehe – und die Befürchtung, dass wir dadurch „auf das anstregende und schwierige Vertrauen in die Existenz des Ungewissen angewiesen sein“ werden.

In „Augustyn“ hingegen begleitet der Leser den Erzähler dabei, wie er Anteil nimmt am Schicksal eines Literatur-Kollegen, der durch einen Schlaganfall zunächst in einem Krankenhaus, später in verschiedenen Heimen sein Leben fristen muss. Der namenlose Freund Augustyns macht sich zunächst Vorwürfe – warum hat man den alleine lebenden Schriftsteller erst so spät gefunden? warum hat man sich nur so selten gesehen? – und hat Zweifel, ob es sich bei dem Menschen, der seinem langjährigen Bekannten so ähnlich sieht, tatsächlich noch um die Person handelt, die man einst gekannt hat. Man meint, eine Klage über die Einsamkeit in unseren Tagen herauszulesen zu können – und Schuldgefühle, die auf „Büßerfahrten“, wie der Erzähler seine Besuche beim Kranken an einer Stelle nennt, getilgt werden sollen. Schließlich scheint Augustyn auf dem Weg der Besserung, der Besuch hat seinen alten Freund endlich wiedererkannt und nimmt eine Art alter/neuer Lebensfreude wahr, als der Tod dann doch noch ganz plötzlich kommt. Das Ende ist eben unvermeidlich.

Während diese ersten beiden Texte noch recht oberflächlich bleiben, gehen die beiden folgenden Geschichten doch schon deutlich tiefer und regen m.E. auch mehr zum Nachdenken an. Spannenderweise berührt grade die detaillierte Beobachtung des Sterbens einer Hündin am deutlichsten den Bereich des Politischen und die Diskussionen, die heute so vehement und kontrovers geführt werden. Denn nach einer langen und ausführlichen Beschreibung des traurigen Zustandes und der Gebrechen des alten Hundes, bei der man an so mancher Stelle auch den Eindruck gewinnen kann, hier werde das Leiden eines alten Menschen präsentiert, stellt sich die (bei Haustieren oft sehr schnell positiv entschiedene) Frage nach der Einschläferung. Der Erzähler lehnt eine solche ab. Dabei entlarvt er zunächst den Euphemismus des „Einschläferns“, um schließlich die Ding-Werdung des sterbenden Lebewesens sowie letztlich die Frage nach der „Entsorgung“ in den Fokus zu rücken. Diese Vergegenständlichung Sterbender und das bequeme „Sich-Entledigen“ der Familien von der zugegebenermaßen anstrengenden Sterbebegleitung werden kritisiert; die Entwicklung hin zu Funktionalitätsfragen im Bereich von Tod und Sterben wird ebenso angeklagt, wie auch der Verlust der menschenwürdigen Bestattung im Allgemeinen. Die altersschwache Hündin jedenfalls wird bleiben und der Tod wird sie inmitten ihrer Familie finden, wo sie ihren Platz hat und sie auch trotz ihres Zustandes noch gebraucht wird.

Das Titelstück „Grochów“ schließlich ist der persönlichste Text der Sammlung. Hier erlaubt der Erzähler tiefe Einblicke in seinen eigenen Gemütszustand, seine Jugend, seine Freundschaft mit Olek – welcher ihm auf einem Wochenendurlaub an der Adria offenbart, dass er bald sterben wird. Doch auch das ist eigentlich schon Vergangenheit. Die verschachtelten Ebenen der Geschichte lösen sich nur langsam auf, doch es wird schließlich klar, dass sich der Leser und der Berichtende erst bei der Kremation Oleks treffen. Es ist der Ofen, der den Erzähler an die Sowjetzeit in Polen zurückdenken lässt und an die Träume, die er damals mit seinem Freund teilte, an den vermeintlichen Verrat, den die beiden an den Vorstellungen ihrer Väter begangen haben und an die Suche nach Freiheit in Alkohol, Musik und im Reisen. Der letzte gemeinsame Ausflug bietet den Rahmen für die Bewusstwerdung des Sterbens. Olek und sein bester Freund entfremden sich, sie müssen erkennen, dass sie fortan auf unterschiedlichen Stufen des Lebens stehen. Eine schmerzliche Wahrheit unter vielen anderen. Auch in dieser Geschichte finden sich Vorwürfe: Wieder geht es um Einsamkeit aber auch um die Frage, ob die Einäscherung eine Bestattungsform ist, die den Hinterbliebenen hilft; immerhin gehe mit der Verbrennung jeglicher körperlicher Beweis dafür verloren, dass der Tote tatsächlich einmal existiert habe. Gedanken müssten doch auch etwas berühren können, so der Zurückgelassene – selbst wenn es sich nur um einen Fetisch handle. Die vermeintliche Unsterblichkeit der Jugend jedenfalls ist am Ende endgültig überwunden, und auch technische Spielereien können daran nichts ändern.

Stasiuk hat ein sehr starkes kleines Buch geschrieben. Es fordert dem Leser zwar einiges ab, schreit an vielen Stellen förmlich nach einer guten Landkarte, damit man die ungeheure Vielzahl topographischer Namen, die genannt werden, auch verorten kann und ist letztlich vor allem eine Liebeserklärung an die Landschaften Osteuropas. Aber in diesen Landschaften leben und sterben eben auch Menschen. Der Autor zeigt in seinen kurzen Geschichten vier mögliche Schicksale, die alle dermaßen nah an unserer Lebenswirklichkeit sind, dass sie einen guten Ansatzpunkt für Fragen darstellen. Fragen, die sich jeder von uns einmal stellen sollte, die uns aber allerspätestens dann bewegen, wenn wir das langsame Sterben eines geliebten Menschen oder Tieres tatsächlich begleiten müssen. Insbesondere „Die Hündin“ ist in dieser Hinsicht zu empfehlen und eignet sich vielleicht sogar als Schullektüre. Einen Versuch wäre es wert.

Daten und Fakten: Andrzej Stasiuk: Kurzes Buch über das Sterben. Geschichten. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013. Flex-Hardcover, 112 Seiten,  € 8,00, ISBN 978-3-518-46421-2.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s