Ulf Nilsson: Kinderbücher zu Tod und Sterben

Dass selbstverständlich auch Kinder mit Tod und Sterben konfrontiert werden, ist eine Binsenweisheit. Doch wenn die Großeltern tatsächlich ernsthaft erkranken oder verschwinden, schlimmer noch: die Eltern, oder gar Geschwister, dann steht den zurückbleibenden Erwachsenen oft eine doppelte Trauerbewältigung ins Haus. Denn sie müssen nun in der Regel nicht nur mit ihren eigenen Gefühlen fertig werden, sondern sich auch noch um die ganz besonderen Bedürfnisse der Kleinsten kümmern. Wie führt man diese jungen Menschen behutsam an Trauer und Tod heran? Den sachlichen Ansatz von Pernilla Stalfelt und ihr Buch „Und was kommt dann?“ hat ThanatoBlog bereits beleuchtet. Mit Ulf Nilsson und seinen Kinderbüchern „Adieu, Herr Muffin“ und „Die besten Beerdigungen der Welt“ wird nun der Weg über Erzählungen vorgestellt.

In seinem 2002 zusammen mit Anna-Clara Tidholm verfassten Adieu, Herr Muffin wählt Nilsson einen Zugang, über den sicher schon so manches Kind das erste Mal mit Sterblichkeit in Berührung gekommen ist: Herr Muffin ist nämlich ein Haustier, genauer ein Meerschweinchen – und er ist schon sehr alt. In einfühlsamen Bilder und Worten wird nun zunächst seine Lebenssituation beschrieben (Haus, Briefkasten, usw.), werden Erinnerungen an sein doch recht erfülltes Leben als Meerschwein wachgerufen, in dem es einst Abenteuerlust und eine Familie gab, werden Verluste und die Einsamkeit von Mr. Muffins Alter thematisiert, bevor das alte Meerschwein schließlich Bauchschmerzen ereilen, die am Ende zu seinem Tod führen werden. Menschen spielen nur am Rande eine Rolle. Bis hin zur Bestattung von Herr Muffin bleibt das Buch weitestgehend positiv realistisch, hält sich Nilsson mit der Anthropomorphisierung seines Protagonisten zurück und doch ist leicht zu sehen, dass das alte Meerschwein hier genauso gut für einen Menschen stehen könnte. Die Botschaft ist durchweg eine positive: das Leben hat zwar ein Ende, aber es ist (im Idealfall) auch angefüllt mit positiven Erlebnissen, die es wert sind. Leider zerstört Nilsson die individuelle Atmosphäre beinahe, indem er selbst die schwedische Königin um Herr Muffin trauern lässt, macht das jedoch wieder wett mit dem letzten Brief der an das verstorbene Meerschwein gerichtet ist, und welcher die Frage nach dem Jenseits aufwirft, ohne eine Antwort zu geben. Das ist nur ehrlich.

Vier Jahre später geht Nilsson dann einen gänzlich anderen Weg. In Die besten Beerdigungen der Welt erzählt er die Geschichte dreier Freunde, die an einem langen, schwedischen Sommertag nach einer Beschäftigung suchen. Aus dem Fund einer toten Hummel wird schnell ein neues Spiel. Die Kinder bestatten die Hummel in einem hübschen Grab, schreiben ein Trauergedicht und halten eine kurze Gedenkfeier ab, bevor sie erkennen, dass es neben der Hummel noch viele andere gestorbene Tiere geben muss, die das Gleiche verdient haben. Also begeben sie sich auf die Suche und finden bald tote Mäuse, Hamster, Hähne, Heringe, überfahrene Igel, Hasen und Amseln. Sie gründen eine Beerdigungsfirma, stellen einen Arbeitskoffer zusammen und legen einen kleinen Friedhof an. Bis zum Abend beschäftigen sich die drei damit, einen Dienst an ihren Mitlebewesen zu leisten und selber über den Tod nachzudenken. Ganz von selbst, spielerisch, bis zum Sonnenuntergang – und am nächsten Tag machen sie wieder etwas ganz anderes. Kinder eben. Nilssons zweites Buch kommt mit deutlich mehr Text daher als sein Vorgänger, wirkt aber noch immer leicht und kindgerecht. Unmissverständlich wird hier, ganz anders als noch bei Adieu, Herr Muffin, eine bestimmte kulturelle Vorstellung von Ritus und Jenseitsglaube porträtiert: die Kinder aus dem Buch sind christlich erzogen, verwenden christliche Symbole, was es in einer zunehmend multi-religiösen Gesellschaft schwierig macht, alle Leserschichten anszusprechen. Einen Versuch ist es aber immerhin wert.

Im direkten Vergleich ist Ulf Nilssons Adieu, Herr Muffin sicherlich das stärkere Buch. Es ist emotionaler, reduzierter, offener gehalten, als sein Nachfolger – und richtet sich augenscheinlich an eine jüngere Altersgruppe. Die besten Beerdigungen der Welt beleuchten vielmehr unseren christlich geprägten, europäischen Umgang mit Leichen und den dazugehörigen Ritus, als die Konfrontation mit dem Sterben liebgewonnener Menschen und/oder Tiere. Ein wichtiges Thema, aber vielmehr von fragwürdiger Symbolik geprägt, die auch Nilsson nicht vermeiden kann. Beide Bücher sind absolut empfehlenswert, gehören aber – wie immer bei solchen Themen – nicht in Kinderhände allein, sondern sollten ein gemeinsames Leseereignis zusammen mit den Eltern oder Erziehenden sein.

Daten und Fakten: (1) Ulf Nilsson; Anna-Clara Tidholm: Adieu, Herr Muffin. Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke. Frankfurt am Main: Moritz 2003. Hardcover, 43 S., € 12,80, ISBN 978-3-89565-148-9. (2) Ulf Nilsson; Eva Eriksson: Die besten Beerdigungen der Welt. Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke. Frankfurt am Main: Moritz 2006, Hardcover, 37 S., € 13,95, ISBN 978-3-89565-174-8.

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