Terry Pratchett „Choosing to die“

Der weltberühmte Fantasy-Autor Terry Pratchett – Verfasser der Scheibenwelt-Romane und Erfinder einer der wohl prägnantesten Anthropomorphisierungen des Todes, ist nach dem derzeitigen Stand der Medizin unheilbar krank. Im Jahr 2007 wurde bei ihm eine Form von Alzheimer diagnostiziert. Seitdem leidet er zunehmend unter den Symptomen der Krankheit, die ihn auch zusehends bei seiner Arbeit als Schriftsteller behindert. Seine eigene Zukunft antizipierend beschäftigt sich Pratchett in der 2010 gedrehten, 2011 veröffentlichten und hier vorgestellten Dokumentation mit der beängstigenden Frage, wie sein Leben zu Ende gehen soll. Dabei stehen für ihn grundsätzlich offenbar drei Möglichkeiten offen: (1) ein natürliches Ende, in der pflegenden Obhut seiner Ehefrau, (2) ein professionell betreutes, natürliches Ende in einem Hospiz, oder (3) ein assistierter Suizid, etwa begleitet durch die Schweizer Organisation DIGNITAS, da medizinische Hilfe zum Sterben – trotz mehrerer Änderungsversuche in den letzten Jahren – in Großbritannien weiterhin illegal ist. Ausgeschlossen scheint für den Autor hingegen ein „good old-fashioned suicide“, da er diese mit Schmerzen, großem Leid und der Furcht vor einem Fehlschlag zu verbinden scheint.

Das Bemerkenswerte an „Choosing to die“ ist dabei die offene Skepsis, mit der Pratchett an die Frage nach seinem eigenen Ende herantritt. Hat er sich zu Beginn des Films neugierig auf die Suche nach einer Antwort gemacht, muss er am Ende – nachdem er Menschen auf ihrem Weg in den Tod begleitet hat – feststellen, dass er immer noch nicht sehr viel schlauer ist. Er könne ehrlicherweise nicht abschätzen, wie er tatsächlich in der konkreten Situation handeln würde, wenn man ihm ein Mittel zur Selbsttötung anböte. Diese Unsicherheit im Bezug auf eine solche finale Handlung ist nur ehrlich und verschafft der Produktion mehr Glaubwürdigkeit, als sie bei vielen anderen ähnlichen Filmen zu finden ist. Während Pratchett einerseits der grundsätzlichen Auffassung zu sein scheint, dass das Leben lebenswert ist und er weitermachen will, solange er noch an seinen Büchern arbeiten kann, hat er zugleich ausdrücklich Angst, den „tipping point „zu verpassen, an welchem er über die Schwelle der Selbstbestimmung in die Demenz abgleitet, aus der ihn niemand mehr (mit dem Tod) erlösen wird. Wo aber die Option „Tötung auf Verlangen“ wegfällt, da würde er lieber vorgreifen und seinem Leben mittels eines assistierten Suizids ein Ende setzen. Doch wann ist dafür der richtige Zeitpunkt? Läuft er nicht Gefahr, wertvolle Lebenszeit ungenutzt zu lassen? Zugleich bewegt ihn zudem die Frage, ob ein Sterben mit Unterstüzung von DIGNITAS nicht eher einer industriellen Abfertigung gleiche. Zumal er ganz offensichtlich der Einstellung des Vereinsvorsitzenden Ludwig Minelli, das Selbstbestimmungsrecht sehr weit auszudehnen, kritisch gegenüber steht. Keinesfalls will Pratchett den Eindruck erwecken, dass er persönlich der Meinung sei, jeder dürfe zu jedem beliebigen Zeitpunkt frei nach Lust und Laune den eigenen Tod wählen.

Neben diesem aufrichtigen Zweifeln liegt die zweite Stärke des Films in seiner unerbittlichen Transparenz. Pratchett macht sicht- und erfahrbar, wovon andere immer nur abstrakt sprechen. Er besucht Mick Gordelier, der an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt in einem Hospiz auf sein Ende wartet und dabei glücklich zu sein scheint. Er begegnet Andrew Colgan, der unter den Auswirkungen seiner Multiplen Sklerose leidet und bereits zweimal versucht hat, sich das Leben zu nehmen, bevor er schließlich DIGNITAS um Hilfe bat. Er trifft die Witwe des Schriftstellers Hugo Claus, der sich, wie Pratchett an Alzheimer erkrankt, in Belgien 2008 in ein Krankenhaus begeben und um aktive Sterbehilfe gebeten hat. Schließlich begleitet er Peter Smedley, ebenfalls an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt, sogar bis zu dessen von DIGNITAS begleitetem Tod in der Schweiz – vor laufender Kamera. Das Sterbehaus, die Sterbebegleiter, die Ärztin und das Büro der Sterbehilfeorganisation: alles wird gezeigt, alles wird ruhig besprochen. So erlebt der Zuschauer einmal „wie es wirklich ist“. Inklusive der Gelassen- und Sicherheit, mit der Menschen in den Tod gehen können, der Reaktionen von begleitenden und  hinterbliebenen Angehörigen und der Traurigkeit, die Pratchett selbst empfindet, wenn er dabei zusieht, wie ein Mensch aus freien Stücken stirbt. Man merkt ihm an, wie sehr ihn diese Situation mitnimmt und zugleich tobt in ihm die Frage, ob er nicht selber diese Reise in die Schweiz machen wird, wenn der Zeitpunkt richtig erscheint. Am Ende steht keine definitive Antwort, nur eine weiterhin offene Frage: „Wie wollen wir sterben?“ Für den Schriftsteller ist klar, das jeder Mensch darauf seine eigene Antwort finden muss, dass ihm niemand dabei hineinreden darf. Allerdings sollte er auch dazu das Recht haben und nicht die Verfolgung durch den Staat fürchten müssen. Die rechtliche Situation in Großbritannien jedenfalls gilt es in seinen Augen zu verändern. Das würde er gern noch erleben. Doch die Zeit spielt gegen ihn und am Ende wird es ihm vielleicht so ergehen wie Ramón Sampedro.

Daten und Fakten: „Terry Pratchett – Choosing to die“, Regie: Charlie Russell, KEO Films, UK 2011. Sprache: Englisch. Laufzeit: ca. 59 Minuten. Seite des Films in der IMDb

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2 Gedanken zu „Terry Pratchett „Choosing to die“

  1. Thanatos Autor

    Übrigens: Wer daran interessiert ist, zu erfahren, wie Pratchett sich auf der von ihm erfundenen Scheibenwelt mit dem Tod und unseren Einstellungen zu ihm auseinandersetzt, dem seien vor allem die Romane „Mort“ (dt. „Gevatter Tod“), „Reaper Man“ (dt. „Alles Sense“) und „Soul Music“ (dt. „Rollende Steine“) empfohlen. Zudem gibt es noch das Kleinod „Death And What Comes Next“ (dt. „Der Tod und das Danach“), in welchem der Autor auslotet, was wohl seine Figur Tod zu einem Wissenschaftler* zu sagen hätte, der versucht, sich mit der Quantentheorie aus seinem Sterben herauszureden.

    * Ich gehe davon aus, dass „philosopher“ in diesem Text als „Naturphilosoph“ und damit als „(Natur-)Wissenschaftler“ verstanden werden muss. Vielleicht liege ich damit aber auch völlig falsch. Man korrigiere mich, falls nötig.

    Antwort

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