Gedankenspiel(zeug)

Der Vorabend des 1. November. Auch in Deutschland wird (zumindest in den Großstädten) inzwischen Halloween gefeiert. Überall können Kinder heute Abend Karikaturen auf Geister, körperliche Tote und den Schnitter selbst beobachten. Das Ziel ist es, sich leicht zu gruseln und Spaß am schaurigen Verkleiden zu haben – jedenfalls für all jene, die das Fest nicht mit einem bloßen Anlass zu hemmungslosen Trinkgelagen verwechseln. Der religiös-kultische Aspekt dieses Festes scheint beinahe völlig vergessen. Sein pädagogischer Effekt für die Jugend sowieso.

Dazu passt vielleicht, das es für unsere Kinder inzwischen eine Menge von an Halloween orientiertem Grusel-Spielzeug gibt. Der dänische Hersteller LEGO etwa hatte bereits letztes Jahr eine ganze Themenwelt rund um die klassischen Monster der amerikanischen Horror-Filme der Firma Hammer im Angebot, die auch dieses Jahr wieder zeitlich passend auf den Internetseiten des Unternehmens angepriesen wird. Mit dabei natürlich Geister, Zombies und Vampire. Eine tatsächliche „Leiche“? Fehlanzeige. Kinder wollen Abenteuer erleben und nicht mit der traurigen Realität konfrontiert werden, oder?

Dabei wäre es doch vielleicht gar nicht so unsinnig, auch mal über eine Themenwelt „Bestattung und Friedhof“ nachzudenken. Nicht nur, wäre das für Kinder spannendes Spielzeug, das die große LEGO-Stadt um einen bislang blinden Fleck ergänzen würde, sondern ggf. auch Anlass für die Eltern mit ihren Kleinen einmal über die Seiten des Lebens zu sprechen, die sonst nur auftauchen, wenn es einen tatsächlichen Todesfall in der Familie oder dem Freundeskreis gibt. Also erst, wenn es eigentlich zu spät ist. Dabei is es gar nicht schwer, sich eine Vielzahl an möglichen Sets auszudenken:

  • das Bestattungsunternehmen – beinhaltet zwei Angestellte, Angehörige, ein Geschäftshaus mit Büro, Thanatopraxie-Raum, Aufbahrungsmöglichkeit und Zubehör
  • der Leichenwagen – beinhaltet zwei Bestatter, eine Trage, eine Leiche und Zubehör
  • der Friedhof – beinhaltet einen Friedhofsgärtner mit Ausrüstung, Besucher, Gräber, eine Bank, ein Denkmal, Bäume, Blumen und weiteres Zubehör
  • das Krematorium – beinhaltet Angestellte, Angehörige, eine Andachthalle und einen Ofen
  • die Urnengräber – Ergänzung zum Friedhof, beinhaltet Angehörige und Kolumbarium

Warum existiert solches Spielzeug nicht? Warum werden Menschen, die diese Vorschläge sehen, mich für verrückt halten? Haben wir Angst davor, dass unsere Kinder mit diesem Spielzeug nicht spielen würden? Oder davor, dass es sie depressiv macht? Oder wollen wir uns nur selber und vielleicht auch sie vor dem Gedanken unserer eigenen Sterblichkeit schützen, weil wir sie einfach zu erschreckend und grausam finden?

In der Kinderliteratur hat sich diesbezüglich zum Glück schon etwas geändert. Kinderbücher dürfen den Tod thematisieren. Sie tun dies behutsam, kindgerecht, teils spielerisch. Nur außerhalb ihrer Vorstellungswelt, außerhalb des anscheinend sicheren Mediums Papier, da darf der Tod bei Kindern offenbar noch immer keine Rolle spielen. So werden wir auf entsprechendes Spielzeug wohl auch weiterhin vergeblich warten müssen.

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2 Gedanken zu „Gedankenspiel(zeug)

  1. unzeitgemäß

    „Warum existiert solches Spielzeug nicht?“

    Nicht weil Menschen Sterblichkeit als conditio humana ignorieren, sondern weil bisher niemand ein Konzept vorgebracht hat wie man aus dieser Ignoranz monetäres Kapital schlagen kann.

    „Warum werden Menschen, die diese Vorschläge sehen, mich für verrückt halten?“

    Das sehe ich beim besten Willen nicht! Aus welchen Hintergrundsannahmen soll das folgen? 😉

    Antwort
    1. Thanatos Autor

      Sicher ist der oben von mir gemachte Vorschlag nicht vollständig durchdacht. Dein Hinweis darauf, dass solches Spielzeug natürlich auch eine Art „Profitmachen mit menschlichem Leiden“ darstellen kann, ist nicht so leicht von der Hand zu weisen. Soetwas wäre mehr als unschön.

      Andererseits scheint mir hier auch eine Art Doppelmoral vorzuliegen, denn das Leid, welches hinter echten Verbrechen steht, interessiert die Gesellschaft anscheinend recht wenig, solange die Kinder z.B. Räuber und Gendarm spielen. Das dürfen sie übrigens auch in LEGO-City. Genauso wie Ertrinkende retten, Häuser- und Waldbrände löschen, hilfsbedürftige Menschen mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus fahren, usw.

      Das ganze Leben kann unter dem Aspekt des Leides betrachtet werden. Tabuisieren wir es deshalb vollständig? Wo liegt das Kriterium, dass es für uns selbstverständlich macht, den Bereich „Bestattung und Friedhof“, also Tod und Sterben, komplett aus dem Spielerischen auszuklammern, während andere Formen menschlichen Leids dort völlig unhinterfragt vorkommen?

      Antwort

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