Tod und Jenseits im Rautenstrauch-Joest

Erst seit 2010 findet man das ethnologische Museum der Stadt Köln in einem schicken, von Bauskandalen umwitterten, modernen Neubau an der Cäcilienstr., unweit vom Neumarkt. Glaubt man der Wikipedia, fällt mit dem Umzug vom Ubierring in die gefühlte Stadtmitte Kölns auch die Umgestaltung des Ausstellungskonzeptes zusammen. Wo die Objekte der Sammlung früher nach geographischen Aspekten sortiert und den Besuchern präsentiert wurden, folgt die Dauerausstellung heute einem thematischen Konzept. Einer der zehn Schwerpunkte wurde dabei auf die Todes- und Jenseitsvorstellungen außereuropäischer Kulturen gelegt. Grund genug, dem Museum einen Besuch abzustatten und sich diesen Bereich einmal genauer anzusehen.

Das Themenfeld „Tod und Jenseits“ ist die achte Station im Rundgang durch die Dauerausstellung. Es wird eingerahmt durch die Themen Wohnen und Kleidung zuvor und die folgenden Bereiche Religion und Rituale. Dabei gibt es scharfe thematische Grenzen innerhalb der Präsentation. Anders als zu Beginn des Rundgangs, wo die Sektionen zur den Forscherinnen und Forschern, der Museumsarbeit, Vorurteilen und Kunst beinahe fließend ineinander über gehen, wirken die Demarkationen im weiteren Verlauf der Austellung starr und räumlich klar definiert; im konkreten Fall durch dichte Vorhänge aus bodenlangen Fäden zu allen Seiten, die den weißen Bereich von Tod und Jenseits gegenüber den dunkleren Arealen rundherum beinahe völlig isolieren. Der aus thanatologischer Sicht spannende Schwerpunkt verspielt damit die Chance, seine übergreifende Bedeutung für andere Bereiche der Kultur kenntlich zu machen. Speziell die völlig losgelöste Darstellung der Religionen der Welt im Anschluss ist völlig unverständlich – wie kann man den offenkundigen Zusammenhang zwischen diesen beiden Gebieten einfach unkommentiert lassen? Ist die Isolation gar Anspielung auf oder Symptom für die Tabuisierung des Todes in unserer Kultur? Entweichen kann man dem Thema nicht – auch nicht in der Ausstellung, denn der Rundgang führt eindeutig durch dieses Areal hindurch. Umso unverständlicher ist die Abgrenzung.

Es wäre ein Trost, wenn die Museumsmacher nun besonderen Wert darauf gelegt hätten, die Beziehungen zu anderen Feldern menschlicher Kulturtätigkeit zumindest im Bereich selbst anzusprechen. Doch dies ist ebenso wenig der Fall wie die systematische Aufarbeitung der zu Bestattung und Vorstellungswelt gewonnenen Erkenntnisse, wie sie sich aus dem Studium der Ausstellungsobjekte und ihrer Ursprungskulturen ergeben haben. Der Sektion fehlt jegliches didaktisches Konzept, jedes ordnende System, jeder Lerneffekt. In vier großen und weniger als einem Dutzend kleinerer Vitrinen sowie auf einem zentralen Ausstellungsplatz für große Katafalke werden Objekte präsentiert, die ohne jeden Hinweis auf die museumsdidaktischen Gründe für ihre Auswahl scheinbar wild zusammengewürfelt wurden. Andersartigkeit allein ist keine ausreichende Begründung für diese Zusammenstellung. Die Begleittexte auf den Tafeln bleiben dabei schrecklich vage, stellen dem Besucher mehr Fragen als sie Antworten geben, sind ungenau in der geographischen Zuordnung und lassen immer wieder offen, was man eigentlich aus den Objekten gelernt hat. Vergleiche und Einordnungen finden auch an dieser Stelle nicht statt. Ein Trauerspiel.

Auch in diesem Feld war der Beginn des Rundgangs deutlich stärker. Speziell die ersten zwei Themen zu den Forscherinnen und Forschern sowie der Museumsarbeit selbst sind ein Entdecker-Spielplatz für jung und alt. Das didaktische Konzept zum vorurteilsbehafteten Blick des Europäers auf andere Kulturen ist geradezu ein Meisterstück, macht Spaß, öffnet die Augen und regt zugleich zum Nachdenken an. Doch gerade im Kontrast zu diesen frischen und guten Ideen muss der Bereich zu „Tod und Jenseits“ ein Gefühl der Ratlosigkeit bei jedem hinterlassen, der hierher gekommen ist, um etwas zu lernen – egal ob über sich oder über andere. Selbst mit großem Vorwissen erscheint die Sektion kalt und dröge, es gibt nichts zu entdecken und anzufassen wie in den anderen Bereichen – und auch wenn man die Leitfarbe Weiß absichtlich als Kontrast zu unserem Schwarz gesetzt hat, so scheint über allen Objekten fremder Kulturen doch so etwas wie eine überzogene europäische Pietätsvorstellung zu liegen. Statik überall. Leblose Objekte ohne Bezug zum Menschen rundherum.

Nach diesen Beobachtungen muss man sich zwangsläufig fragen: Wo ist der öffnende Blick auf den wirklich anderen Umgang anderer Kulturräume mit Tod und Sterben? Wo die Genialität und die Unbefangenheit, mit der einst Nigel Barley in seinem Buch „Tanz ums Grab“ für einen neuen Blick auf den Tod von außerhalb des europäischen Horizontes warb? Wo ist die Bedeutung dieses Teil der Ausstellung für den Besucher? Wenn sie denn überhaupt irgendwo versteckt ist, so ist sie schwerer zu finden, als es einem Museum in der heutigen Zeit zur Ehre gereicht. Schade. Eine vertane Chance.

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